Bildung erlangen durch Romanlektüre?

Erörterung zu Schwanitz' Ausarbeitung über die Vielfalt des Lesens

Moderne und klassische Romane - Marina Schauer
Moderne und klassische Romane - Marina Schauer
Um literarische Bildung zu erlangen ist es wichtig, gute Kenntnisse über zahlreiche bekannte Werke zu haben. Die Lektüre einiger großer Romane reicht dazu nicht aus.

Diese These begründet Schwanitz im Kapitel „Literarische Bildung“ aus seinem Bestseller „Bildung. Alles, was man wissen muss“ mit einigen Argumenten, die allerdings bei genauerem Hinsehen einseitig wirken und daher kritisch betrachtet werden müssen.

Lektüre bringt verschiedene Sichtweisen auf die Umwelt

Schwanitz’ erstes Argument ist, dass der Leser anhand gewisser Lektüre Handlungen und Schicksale seiner Mitmenschen sowie seiner selbst besser erkennt. Der Verfasser leitet sein Argument ein, alle Figuren großer Romane seien der geschlossene Freundeskreis einer Gesellschaft, über den diese spricht („Klatsch ist Kritik“). Durch diese Gespräche nimmt der Einzelne verschiedene Meinungen und Gedanken in sich auf und ist danach fähig, möglichst objektiv Schicksale und Handlungen anderer oder auch seiner selbst einzuschätzen.

Durch die Lektüre vieler Werke beginnt man tatsächlich, die Umwelt aus verschiedenen Perspektiven wahrzunehmen und ist befähigt, objektiver darüber nachzudenken. Einerseits bildet man sich so weiter, andererseits werden unter Umständen einige Fehlhandlungen vermieden. Hierzu muss sich der Leser allerdings eingehend mit dem Werk beschäftigen, das er gerade liest, und zulassen, darüber nachzudenken, da sonst auch mit der besten Literatur nicht viel erreicht wird.

Was an Schwanitz’ Argument jedoch zu pauschalisiert wurde, ist, dass alle Mitglieder einer Gesellschaft die Figuren kennen und über sie reden. Sicher gehört eine gewisse Kenntnis bekannter Figuren wie Störtebeker oder Miss Marple zur Allgemeinbildung, dennoch muss man nicht unbedingt die Romane dazu gelesen haben.

Außerdem ist es in der Regel so, dass lediglich im Schulunterricht bzw. in einem Sprachstudium eine Gruppe von Menschen zur selben Zeit das gleiche Buch liest und darüber spricht. Mit Freunden oder Bekannten spricht man eher über den neuen Kinofilm, aktuelle Nachrichten oder ab und an über den neuesten Bestseller.

Mit diesem Teil seines Argumentes hat sich Schwanitz also eindeutig zu weit aus dem Fenster gelehnt.

Neue Erkenntnisse durch Objektivität

In seinem nächsten Argument äußert er, dass der Leser durch die offenere Sichtweise, die die Lektüre eines Romanes erlaubt, „psychologische Prozesse“ fremder Handlungen zu erkennen vermag und so Distanz zu sich selbst gewinnt. Mit Hilfe dieser Distanz und die dadurch ermöglichte Objektivität betrachtet der Leser sowohl seine eigenen als auch fremde Handlungen kritisch und sammelt auf diesem Wege neue Erfahrungen.

Dies passt jedoch nicht nur auf den Roman an sich, sondern auch auf bestimmte Filme; außerdem muss das Werk die dargestellten Schicksale sehr allgemein halten, um es dem Leser überhaupt zu ermöglichen, die Romanhandlung auf die Wirklichkeit zu projizieren und daraus zu lernen. Es ist des Weiteren nötig, dass die Romane moderne Themen behandeln, damit der Leser Parallelen bilden kann.

Roman vs. Film in Schwanitz Erörterung

Als letztes Argument führt Schwanitz an, dass der Roman das einzige Medium ist, welches es dem Leser möglich macht, sich sowohl durch beschriebene Gefühle und Äußerungen anderer Personen in den Protagonisten hineinzuversetzen und das Geschehen aus dessen Augen zu betrachten, als auch zeitgleich das Geschehen völlig unberührt von außen zu beobachten.

Obwohl Ähnliches durch verschiedene filmische Mittel heutzutage schon leicht möglich gemacht werden kann, muss hier doch Schwanitz zugestimmt werden, denn darin ist der Roman einfach einzigartig.

Ebenfalls wichtig zu erwähnen ist, dass sich vor allem lesebegeisterte Kinder ihre Romanhelden vor dem geistigen Auge vorstellen und oft enttäuscht sind, wenn sie im Film anders dargestellt sind.

Lesen als freiwillige Handlung

Schwanitz erwähnt überdies, niemand dürfe sich zum Lesen gezwungen, sondern eher dazu verführt fühlen; mit Zwang ist nicht viel zu erreichen.

Das mag im privaten Leben zutreffen ansonsten jedoch dürfe es keinen Sprach- und Literaturunterricht an Schulen mehr geben. Dazu ist es nämlich unerlässlich, sich mit Literatur zu beschäftigen, ob einem das behandelte Werk nun zusagt oder nicht. Ein weiterer Vorteil des Schulunterrichtes ist, dass dieser Schülern helfen soll, die Werke zu verstehen und offene Fragen zu klären.

Um den „literarisch Ungebildeten“ an die Literatur heranzuführen, ist also ein gewisses Maß an Zwang nötig.

Für Schwanitz scheint die literarische Bildung ein äußerst wichtiger Bestandteil des Lebens zu sein, obwohl er jedoch einräumt, dass man nicht lesen muss, wenn es einem gar nicht zusagt. Als Konsequenz wird man dann jedoch als „literarisch Ungebildeter“ abgestempelt, obwohl, was Schwanitz absolut nicht in Betracht zieht, sich jeder in der heutigen Zeit Inhalte im Internet durchlesen kann und sich auf diesem Wege ebenfalls literarisch bilden kann.

Außerdem ist es nicht sinnig, sich nur auf den Roman zu beschränken, zumal Schwanitz Eingangs einige Protagonisten aus Dramen nennt, die ein „literarisch Gebildeter“ angeblich kennen sollte. Da er diesen aber als Romanleser definiert, kann er unter Umständen die Dramenhelden gar nicht kennen.

Es ist also keineswegs pauschalisierbar zu sagen, ein Romanleser ist „literarisch gebildet“, weil er einige Romane oder deren Helden kennt; es gibt eine breite Spanne an Literatur, die ein wirklich „literarisch Gebildeter“ kennen sollte. Ob dies jedoch durch die reine Lektüre der Werke geschieht oder durch Internetrecherche, bleibt jedem dabei selbst überlassen.

Schreiben, Celestina Warbeck

Celestina Warbeck - - Studium der Islamwissenschaft und Skandinavistik - Sprachen: Deutsch, Englisch, Arabisch, Türkisch, Schwedisch, Dänisch, ...

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