Bildung vor neuen Herausforderungen

Schüler, Lehrer und Eltern sehen sich heute neuen Aufgaben und Problemen ausgesetzt. Alte Schulstrukturen brechen auf. Das Stichwort lautet Überforderung.

Wer den Roman von Friedrich Torberg „Der Schüler Gerber“ kennt, wird voraussichtlich Parallelen zum selbst erlebten Schulalltag feststellen. Ein rebellischer Schüler mit viel Potential, dem es jedoch an Fleiß und Ehrgeiz mangelt. Im letzten Schuljahr bekommt er einen sich selbst verherrlichenden Lehrer vorgesetzt, der es sich zum Ziel gemacht hat, diesen Schüler zu malträtieren und seinen Schulabschluss zu verhindern. Private und schulische Probleme vermischen sich und letztendlich verliert Kurt Gerber bei der Matura die Nerven, stürzt sich aus dem Fenster und stirbt. Trauriges Detail: Er hat die Matura sogar bestanden.

Subjektivität im Klassenzimmer

Gott sei Dank endet nicht jedes problematische Schüler-Lehrer-Verhältnis auf diese tragische Weise und es gibt genug Lehrer, die ihren Beruf mit Engagement und Gerechtigkeit ausüben. Dennoch zeigt das Buch ganz deutlich die Probleme, die im schulischen Alltag keine Seltenheit sind: Lehrer entscheiden subjektiv über die Zukunft ihrer „Schützlinge“, geleitet von ihrem persönlichen Wohlwollen und ihrem privaten Wohlbefinden. Fällt ein Schüler „negativ“ durch das Äußern seiner eigenen Meinung auf, hinterfragt den Stoff und drängt damit vielleicht den Lehrer in Erklärungsnot, versucht dieser von seinen Unpässlichkeiten und seiner fehlenden sozialen Kompetenz abzulenken und verbietet dem Schüler den Mund. Die Bestrafung erfolgt umgehend: durch schlechte Benotung und mangelnde Aufmerksamkeit.

Natürlich ist das ein zweischneidiges Schwert! Es gibt genug Schüler, die es nicht für nötig halten, dem Unterricht zu folgen, denen es an Respekt vor Mitmenschen mangelt und die damit den Lehrern und Klassenkameraden gleichermaßen das Leben schwer machen. Dennoch ist es auch hier die pädagogische Aufgabe eines Lehrers, sich dem Kind anzunehmen, die Eltern und eventuell einen Psychologen zur Rate zu ziehen und diese Schüler nicht einfach als „unnütz“ abzustempeln. Gute Schüler werden dankbar hingenommen und schwache Schüler nicht beachtet. Das Ergebnis: Die Missgunst zwischen den Schülern wächst und schließlich erfährt keiner der beiden eine gerechte Behandlung.

Stichwort „Überforderung“

Leider sind Lehrer heutzutage häufig überfordert und auch Eltern kommen ihren Erziehungsaufgaben aufgrund von Stress und überhöhten Anforderungen im Arbeitsleben, privaten Schwierigkeiten oder einfach Desinteresse nicht nach. Ursachen für Schulprobleme, jedoch keine Ausrede dafür, die Schuld von einem zum anderen zu schieben. Eltern sollten für ihre Kinder da sein und deren Verhalten kritisch hinterfragen. Lehrer hingegen sollten ihrem Lehrauftrag gerecht werden und sich ihrer Aufgaben stärker bewusst sein, da sie schließlich die Kinder auf einem weiten und wichtigen Stück ihres Lebens und ihrer Persönlichkeitsentwicklung begleiten. Nicht zuletzt ist der Jugendliche selbst gefragt: Die Welt scheint heute immer mehr grenzenlos zu sein und daher liegt es an uns, eigene Grenzen zu setzen.

Die Schule hat sich geändert. Ungehorsam und freie Meinung können (sollten) nicht mehr durch körperliche Züchtigung unterbunden werden. In der Zeit des Internets existiert der Lehrer als einzige Quelle der Information und über allem stehende Respektsperson nicht mehr, die Schule als Institution musste einiges von ihrem einstigen Status einbüßen. Die Konsequenzen sind vielfältig und stellen Lehrer vor neue Herausforderungen, die sicherlich nicht immer leicht zu bewältigen sind.

Schule und danach?

Bei der Berufsentscheidung spielt die Schule ebenfalls oft eine große Rolle. Was mache ich nach der Schule? Für welchen Weg entscheide ich mich? Kann ich ein Fach studieren, in dem ich in der Schule Schwächen zeigte? Auch hier sollten Lehrer auf Schüler eingehen, sollte die Schule vermittelnd wirken, da viele nach der Matura orientierungslos sind und „irgendetwas“ studieren. Hauptsache frei und nicht mehr in das enge Zeitkorsett der Schule geschnürt sein, in das man durch den Arbeitsalltag wieder zurückkehrt.

Das Eltern-Lehrer-Schüler-Verhältnis, die Schule allgemein und die spätere berufliche Entwicklung sind Themen, zu denen es einiges zu sagen gibt und für die einiges gemacht werden sollte. Wir stehen heutzutage alle unter einem gewaltigen Druck, dem wir häufig nicht gewachsen sind. Gerade deshalb sind gegenseitiger Respekt, die Fähigkeit zur (Selbst-)Kritik und hohes Verantwortungsbewusstsein besonders wichtig. Es ist wohl ein Grundproblem unserer Zeit, dass uns immer mehr abverlangt wird, ohne dass jedoch die geeigneten Rahmenbedingungen, speziell auch von Seiten der Politik, für Veränderungen geschaffen werden. Die Symptome dafür liegen auf der Hand, die Diagnose wird oft gestellt, aber die Weitsichtigkeit (von den meisten von uns) zur Behandlung fehlt.