Bildungsreform – Berliner Schulsystem im Wandel

Haupt-, Real- und Gesamtschule fusionieren zur Sekundarschule

Bildungs-Dreigestirn - ©hofschlaeger/PIXELIO
Bildungs-Dreigestirn - ©hofschlaeger/PIXELIO
Die Berliner Schulstrukturreform ändert das allgemeinbildende Schulsystem von der drei- zur zweigliedrigen Form. Neben der Sekundarschule bleibt das Gymnasium bestehen.

Im Rahmen der Schulstrukturreform des Berliner Senats für Bildung, Wissenschaft und Forschung unterliegt das Berliner Schulsystem tief greifenden Veränderungen. Es wurden Maßnahmen und Reformen initiiert, die den hervorgetretenen Mängeln des Berliner Schulwesens begegnen und diese verbessern sollen. Einerseits richten sich die Reformen auf inhaltlich-curriculare und methodische Veränderungen, andererseits auf die Organisations- und Gestaltungsprinzipien von Schule und Unterricht und auch auf eine strukturelle Umgestaltung des Schulwesens aus.

Dieser institutionelle Umbau des Bildungssystems basiert nicht zuletzt auf den schlechten Ergebnissen der internationalen Vergleichsstudien wie PISA, TMSS, IGLU. Die Ergebnisse der PISA-Studien hoben wiederholt hervor, dass die Schülerinnen und Schüler in den Ergebnissen im internationalen Vergleich in den Bereichen Leseverständnis, Mathematik und Naturwissenschaften verhältnismäßig schlecht abschnitten. Zudem wurde erneut bestätigt, dass weiterhin die Bildungschancen für eine höhere Ausbildung an Gymnasien und Universitäten für Jugendliche stark von der sozialen Herkunft abhängen. In diesem Zusammenhang ist zu vermerken, dass der durchschnittliche Anteil der Kinder aus so genannten bildungsnahen Schichten, die ein Gymnasium besuchen, viermal so hoch ist wie der Anteil der Kinder aus Facharbeiter- oder Migrantenfamilien. Hieraus ergibt sich, dass die soziale Herkunft neben den Leistungen, die Bildungskarriere bedingt.

Einführung der SekundarschuleIm Rahmen der Schulstrukturreform ist vorgesehen, dass das bisher mehrgliedrige Schulsystem, bestehend aus Gymnasium, Haupt-, Real- und Gesamtschule, zu einem zweigliedrigen Schulsystem umgewandelt wird. Frühestens ab dem Schuljahr 2010/2011, spätestens ab 2011/2012 soll in Berlin neben dem grundständigen Gymnasium nur noch die Sekundarschule als ganztägig betreuende Bildungsinstitution bestehen bleiben.

Der Vorteil die Sekundarschule als Ganztagsschule zu führen soll darin liegen, dass durch den erweiterten zeitlichen Rahmen ein anspruchsvollerer Unterricht erfolgen kann. Es ist vorgesehen, durch eine eine bessere individuelle Betreuung sowohl leistungsschwache wie hochbegabte Schüler gezielt zu fördern und zu fordern, als auch Migranten mit nichtdeutscher Herkunftssprache durch gezielte Sprachkurse besser zu integrieren.

Durch die Abschaffung der negativ angesehenen Hauptschulen beziehungsweise in Folge der Fusion der Haupt-, Real- und Gesamtschulen, sollen die Chancen auf erfolgreiche Bildungsverläufe und Bildungsabschlüsse aller Schülerinnen und Schülern verbessert oder erhöht werden. Des Weiteren sollen alle Schülerinnen und Schüler in ihrer Leistungsfähigkeit individuell gefördert, den individuellen Fähigkeiten entsprechend gefordert und zum bestmöglichen, dem individuellen Potenzial entsprechenden höchsten Schulabschluss geführt werden. Im Idealfall reduziert sich zukünftig die Zahl der Schulabgänger, die ohne einen ausbildungsqualifizierenden Schulabschluss die Schule verlassen. Alle Schülerinnen und Schüler, die in Zukunft eine Sekundarschule besuchen, sollen die Möglichkeit erhalten, entweder an der eventuell existierenden gymnasialen Oberstufe der besuchten Schule das Abitur in zwölf oder dreizehn Schuljahren oder aber das allgemeine oder fachorientierte Abitur an einem Oberstufenzentrum zu erlangen. Voraussetzung hierfür ist die bestandene MSA-Prüfung (Prüfung zum Erwerb des mittleren Schulabschlusses) und ein entsprechender Notendurchschnitt der schulischen Leistungen auf gymnasialem Niveau.

Zielsetzung der Schulstrukturreform: Etablierung von Chancengleichheit

Primäre Zielsetzung der Bildungsreform ist, dass mit der Einführung der Sekundarschule die Möglichkeit geschaffen wird, Chancengleichheit für Schülerinnen und Schüler herzustellen und möglichst viele Schülerinnen und Schüler zum fachlichen oder allgemeinen Abitur zu führen. Faktoren wie soziale und ethnische Herkunft sollen in Zukunft nicht mehr Bedingung für eine erfolgreiche Schulausbildung sein. Die Problematik der Chancenungleichheit besteht überwiegend darin, dass unter den bisherigen Bedingungen des Berliner Bildungswesens das Leistungspotenzial von Schülerinnen und Schülern aus sozial schwachen, bildungsfernen Familien wie auch aus Familien mit Migrationshintergrund und mit nicht deutscher Herkunftssprache, nicht ausgeschöpft wird. In diesem Sinne wird die Chancenungleichheit gewissermaßen institutionell erzeugt.

Ursachen für die institutionelle Erzeugung von Ungleichheiten ist zum Beispiel die frühe Selektion im Schulsystem. Selektion erfolgt bereits im vierten Jahr der Grundschule, in dem die Schüler sich bereits für den Besuch des Gymnasiums ab Jahrgangsstufe 5 bewerben können. Abgesehen von dieser ersten Auswahl ist es bisher die Regel, dass am Ende der sechsjährigen Grundschulzeit die Eltern, Schüler und Lehrer gemeinsam darüber entscheiden, welche weiterführende Schulform besucht werden soll. Grundlage für die Schulwahl sind die schulischen Leistungen der fünften und sechsten Jahrgangsstufe. Die Schulempfehlung, die daraus folgende Einteilung in eine bestimmte Leistungsklasse und das Unvermögen des bisherigen dreigliedrigen Schulsystems soziale Ungleichheiten auszugleichen, gehören mit zu den Ursachen der erzeugten Ungleichheiten.

Teilhabe durch Heterogenität

In Deutschland setzte die Bildungsexpansion bereits in den 1950er Jahren ein und dauert bis jetzt an. Zwar führte die Bildungsexpansion zu einer zunehmenden Bildungsbeteiligung in allen sozialen Schichten, jedoch wurde die soziale Ungleichheit von Bildungschancen dadurch nicht abgebaut. Ebenso wenig kam es zu einer Veränderung der Zugangschancen zum Gymnasium und somit höher qualifizierenden Bildungsabschlüssen für Schülerinnen und Schüler aus sozial schwachen, bildungsfernen Familien oder mit Migrationshintergrund, beziehungsweise mit nicht deutscher Herkunftssprache.

In der Vergangenheit ist zwar ein deutlicher Rückgang der Ungleichheit im Bereich der Realschule eingetreten, doch stieg im Gegenzug die soziale Homogenität an den Hauptschulen. Der Hauptschulbesuch wurde regelrecht zum askriptiven Merkmal für Benachteiligung, da der Besuch dieser Schulform zum einen als ein Indiz der sozialen Herkunft und für schulisches Versagen gewertet wird. Schüler, die sich durch diese selektive Schulform im niedrigen Leistungsbereich qualifizieren, haben zumeist nur geringe Chancen, sich auf dem Ausbildungsmarkt erfolgreich im Anschluss der regulären Schulzeit zu integrieren. Aufgrund der zunehmenden Flexibilisierung der Arbeit bedarf es zuküntig mehr hoch qualifizierter Arbeitskräfte. Jugendliche aus bildungsfernen Schichten, mit Migrationshintergrund und niedrigen Bildungsabschlüssen drohen sich zu einer neuen Bildungsunterschicht zusammenzuballen.

Demzufolge liegt ein großes Anliegen darin, die Rahmenbedingungen für eine individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler zu verbessern, damit Bildungsbarrieren im Bildungswesen langfristig verringert und soziale Ausgrenzungen verhindert werden können. Aufgabe der zukünftigen Sekundarschule ist, dass eine homogene Konzentration sozial- und leistungsschwacher Schülerinnen und Schüler an bestimmten Sekundarschulen vermieden wird. Um eine heterogene Zusammensetzung der Schülerschaft an besonders nachgefragten Sekundarschulen und Gymnasien zu erlangen, beziehungsweise um eine soziale Durchmischung an den beiden Schulformen zu erhalten und um einer sozialen Ausdifferenzierung entgegenzuwirken, erfolgt die Auswahl der Schülerinnen und Schüler prozentual. Dieses bedeutet, dass sich die Schülerschaft wie folgt zusammensetzen wird:

  • 10% Härtefälle
  • 60% wählt die Schulleitung nach Kriterien des Schulprofils aus
  • 30% werden durch das Losverfahren ausgewählt. Das Selektionsinstrument des Losverfahrens wird an besonders nachgefragten Schulen herangezogen.