
- Faust - Alexander Dreher - Pixelio
Vor dem altehrwürdigen Münsteraner Dom steht ein hölzernes Rednerpult. Dahinter ein Mann mit grauen Haaren und einigen Zetteln in der Hand. Er ließt ab, beschreibt den Unterschied zwischen der Erklärung natürlicher Ereignisse und dem Verstehen menschlicher Handlungen: Wenn ein Apfel fällt, dann ist dies ein Ereignis und keine Handlung. Es lässt sich genau voraussagen, wo er auftrifft und ebenso präzise bestimmen, wann er seinen Halt verlor. Der Vortrag behandelt die Willensfreiheit. Wo etwas nicht auch hätte anders sein können, kann es keine freie Entscheidung gegeben haben. Freiheit braucht Modalität. Physikalisch ist diese nicht zu erfassen, denn die Physik mag keine Unregelmäßigkeiten. Sie liebt die Strenge, auch in ihrer Betrachtung der Zeit. Deshalb verwendet sie normalerweise einen Zeitstrahl: zum Zeitpunkt t: x herrscht ein bestimmter Zustand, unabänderlich wie seine Folge.
Lobbyarbeit als Graswurzelpolitik
Im WDR5 spricht eine Münsteraner Studentenvertreterin für den Bildungsstreik. Sie sehe sich selbst in erster Linie als Kundin, sagt sie, die viel Geld für die Bildung ausgebe und deswegen vor allem einen besseren Service erwarte. Damit bringt sie das Bildungsverständnis vieler ihrer Kommilitonen auf den Punkt. Solch Argumentation versucht nicht einmal ein übergreifendes Anliegen zu suggerieren. Sie streikt für ein Preis/Leistungsverhältnis das noch mehr zu ihren Gunsten geht, betreibt offen Lobbyarbeit in eigener Sache. Das ist es vielleicht, was abseits der multimedialen Protestformen neu ist an diesen Studentenprotesten.
Ein befreundeter Master der Politikwissenschaften, der diesen Autoren regelmäßig zu den Landesdelegiertentagen der Grünen einlädt, erwidert auf meine Nachricht, ich schriebe gerade einen Artikel zum Bildungsstreik erst einmal die Frage, von welchem Streik ich denn spräche. Seine Reaktion: „Interessiert keinen, sag ich dir jetzt mal so auf den Kopp.“ Und in der Tat, die kleine Blondine, die vor dem Dom Passanten anspricht und ihnen grüne Zettel hinhält, während da ein Professor über Willensfreiheit doziert, erntet meist Kopfschütteln. So recht kann niemand etwas mit der Aktion anfangen, obschon das Wort Bildung überall in fetten Lettern zu lesen ist. Kann einen solch müder Protest überhaupt interessieren? Seit Wochen liegen meine Notizen dazu nun schon auf dem Schreibtisch, ohne dass mir irgendeine Motivation gekommen wäre, mich mit der Beendigung dieses Artikels zu beeilen. Nur den Schlusssatz habe ich mir irgendwann dazu geschrieben, dass wer streiken wolle, wohl erst einmal arbeiten müsse.
Wie weit darf Protest gehen?
In einem Seminarraum der Politikwissenschaft sitzen Studierende. Es sind zum Großteil Frauen, aber das ist hier nichts Ungewöhnliches. Die Referentinnen des katholischen Hilfswerkes Misereor erläutern die Arbeit ihrer Organisation am Beispiel Afrika. Sie beginnen den Vortrag damit uns mitzuteilen, wie sehr sie sich über die große Anzahl an Teilnehmern, auch aus anderen Fakultäten, freuen. Sie hatten zuerst erwartet, überhaupt niemanden hier anzutreffen – es sei ja Streik. Die Organisation und Arbeitsweise der Entwicklungshilfe werden von den dennoch Anwesenden interessiert zur Kenntnis genommen. Schließlich stellt jemand die Frage, wie die Referentinnen zur aktuellen Debatte um den Nutzen der Entwicklungshilfe an sich stehen würden. Ein Teilnehmer meldet sich mehrfach mit seiner Einschätzung zu Wort, dass man es in Krisengebieten nur zu genug Elend und damit Zorn kommen lassen müsse, so dass die Menschen schließlich aufbegehrten und die Situation eigenhändig verbesserten. Dabei würde es sicher auch zu Blutvergießen kommen, aber das sei nun mal der Lauf der Geschichte und legitim, wenn es denn zu Verbesserungen führe. Er selbst könne das einschätzen, sagt er, denn auch wenn er nicht danach aussähe, so sei er Afrikaner. Die Referintin antwortet: Zorn, Eigeninitiative, das seien in jedem Fall wichtige Faktoren. Es werden Flyer zum weiteren Programm der Fakultät gereicht: Ein Diskussionsabend mit Buffet und Filmvorführung. Zur späten Stunde folgt „Powerpointfreestyle, anschließend Dancefloor“ – Die lange Nacht der Bildung.
Der Widerstand eskaliert - so brav wie möglich
Es ist Mittwochmorgen, der Dom zeigt fünf vor zehn. Vor der Uni stehen kleine Grüppchen, reden und rauchen. Die Parkplätze sind voll, die Fahrradständer belegt – so wie die Hörsäle. Nichts erscheint verdächtig. Auf dem nahegelegenen Domplatz ist Markt, wie jeden Mittwoch. Die Älteren und Alten kaufen frisches Gemüse und Schnittblumen. Im Hintergrund kann man ein leises Sirren hören. Eine Straße weiter eskaliert der Protest. Es demonstrieren Studenten und Schüler mit Plakaten und Trillerpfeifen. Schulmädchen in pastellfarbenen Sommerkleidern schwenken eine Fahne, während ihr Lehrer ihnen den Ablauf des Umzuges erklärt. Weiter abseits steht ein grüner Polizeitransporter, an dem ein Polizist lehnt und lächelt. Seine Kollegen auf den Sitzen dösen unter der Sonne. Links und rechts der Demonstranten flanieren Leute auf Einkaufsbummel durch Schmuckgeschäfte und Boutiquen. So viele Schüler laufen herum, dass man ein schlechtes Gewissen hat, sich eine Zigarette anzuzünden. Alles in allem bietet der Münsteraner Prinzipalmarkt mit seinem Kalksandstein eine gute Lärmdämmung und einzig der Straßenakkordeonist hat sich in die Seitengasse vor das Kaffee Kleimann zurückgezogen, wo ihn eher der geschäftige Lärm der Kaffeehausbesucher als jener Protest übertönt. Am Ausgangspunkt des Demonstrationszuges stehen einige Fahrzeuge des Roten Kreuzes und sammeln Blutspenden wie jeden Freitag. Viele Schüler bleiben stehen und lesen das Infomaterial, während andere sich gegenseitig und die historische Altstadt Münsters fotografieren. Aus den Lautsprechern der Demonstrationsleitung dringt eine dumpfe Baseline. Währenddessen ist vor dem Universitätsschloss bereits eine Bühne aufgebaut, auf der eine Ska-Band probt. Sie wartet darauf, die tausende Zuhörer unterhalten zu können, die sich ihr mit großer Verspätung entgegen schiebt. Doch lange bevor der Zug eintrifft, stehe ich zum ersten Mal seit Jahren vor dem Studierendensekretariat im Schloss und denke darüber nach, mich endlich zu exmatrikulieren.
