
- Bill Ramsey - Bear Family Records
Einem weißen Sänger, der sich ins Jazzrevier hineinwagt, kann man kein größeres Lob machen, als dass man ihm attestiert, er klinge wie ein Schwarzer. Genau das sagte Ella Fitzgerald über Bill Ramsey, und sie bezog sich dabei gewiss nicht auf Schlager wie "Die Zuckerpuppe aus der Bauchtanzgruppe" oder "Pigalle". Wobei zu vermuten ist, dass die "First Lady of Jazz" diese musikalischen Perlen ohnehin nie gehört hat.
Denn William McCreery Ramsey, der am 17. April 1931 in Cincinnati geboren wurde, machte in seiner Heimat zunächst als Jazzsänger von sich reden. Mit der Musik der Schwarzen ist er praktisch aufgewachsen, denn die drittgrößte Stadt im Bundesstaat Ohio war in den dreißiger und vierziger Jahren Treffpunkt vieler Rhythm and Blues-Musiker. Als Teenager saß Bill Ramsey bereits selbst am Klavier, spielte Boogie Woogie, sang dazu und bemühte sich, wie seine Vorbilder Jimmie Rushing oder Fats Waller zu klingen.
Chefproduzent beim Sender AFN
Die Musik sollte aber nur Hobby bleiben; 1949 begann er an der renommierten Yale-University, Soziologie und Volkswirtschaft zu studieren. Ein Jahr später wurde wegen des Korea-Kriegs die Wehrpflicht in den USA eingeführt. Ramsey musste sein Studium unterbrechen, ging zur Luftwaffe, kam im Sommer 1952 allerdings nicht nach Korea, sondern erst einmal nur bis Deutschland, wo sich sein Einsatz darauf beschränkte, Chef-Produzent des in Frankfurt beheimateten Soldatensenders AFN zu werden, jene Rundfunkstation, die nicht nur den musikalischen Geschmack der Nachkriegsdeutschen nachhaltig geprägt, sondern auch langfristig den deutschen Hörfunk revolutioniert hat.
Hier fand Ramsey wieder zum Gesang zurück. Er trat mit Jazzmusikern wie Paul Kuhn, James Last und Ernst Mosch (!) auf, und dann kam der Pianist, Komponist und Produzent Heinz Gietz zu Ramsey und schlug ihm vor, eine "lustige" Schallplatte aufzunehmen - also keinen Blues und keinen Jazz, womit er bei der Mehrzahl der Deutschen ohnehin keinen Blumentopf hätte gewinnen können.
Mit "Souvenirs, Souvenirs" in die Hitparade
Ramseys erster Hit war die Nonsens-Nummer "Der Schokoladeneisverkäufer", dicht gefolgt von "Souvenirs, Souvenirs". Der beleibte Amerikaner mit dem unüberhörbaren Akzent, der rauen Stimme und der ganz und gar ungermanischen Art, sich selber nicht so ernst zu nehmen, kam an beim deutschen Publikum. Und auf die zu Beginn der 60er Jahre von seriösen Journalisten ganz ernsthaft gestellte Frage, wie er vom Jazz in die Niederungen des Schlagers gekommen sei, pflegte er mit einem Zitat des Konzertmanagers Fritz Rau zu antworten: "Jazz ist die Universität der Popularmusik" - die Bill Ramsey übrigens nie verlassen hat.
Während er die Deutschen auf Betriebsfestniveau unterhielt, unter anderem auch im Kino mit Filmen, deren Titel unmittelbare Rückschlüsse auf ihre Qualität erlauben ("Mit Himbeergeist geht alles besser", "Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett", "Maskenball bei Scotland Yard"), frönte er weiter seiner Leidenschaft für Jazz und zwar weitgehend unbemerkt von der amüsierwilligen Masse. Er trat bei Jazzkonzerten im Kurhaus von Scheveningen auf, den Keimzellen des "North Sea Jazz Festivals", er tourte mit Kurt Edelhagen durch Europa, ließ sich von der Crème tschechischer und polnischer Jazzmusiker in Prag und Warschau begleiten. 1966 fand der Kölner WDR es dann an der Zeit, in einer Fernsehsendung klarzustellen, dass Ramsey "Nicht nur ein Schlagerclown" (so der Titel des Programms) sei. Doch es nutzte nichts; die Jazzgemeinde hatte Bill Ramsey abgeschrieben. Daran änderte auch der Umstand nichts, dass die im selben Jahr produzierte LP "Ballads & Blues" zur "bislang besten in Deutschland produzierten Jazz-Vokal-Platte" ernannt wurde.
Schlager für Schlappohren und Kinder
In jenen Jahren entdeckte Ramsey auch sein Herz für Kinder und machte Programme speziell für jugendliche Zuschauer, darunter die "Schlager für Schlappohren" mit einem Hasen namens Caesar, der leider nie die Popularität der WDR-Maus erreicht hat. In deren Sonntagssendung war Ramsey übrigens auch ein gern gesehener Gast.
Im Oktober 1984 wurde Bill Ramsey deutscher Staatsbürger. Als er kurz darauf in Hans-Joachim Kulenkampffs legendärer Quizsendung "Einer wird gewinnen" auftrat, schlug "Kuli" ihm vor, sich von nun an "Wilhelm Ramsei" zu nennen. Mit Kulenkampffs Vorschlag mochte sich der Sänger, trotz aller Sympathie für seine Wahlheimat, dann doch nicht anfreunden. Ebenso wenig wie sich die meisten Deutschen standhaft geweigert haben, in dem Künstler mehr als einen Interpreten alberner Schlager zu sehen.
Wer sich vom Gegenteil überzeugen will, dem sei die jüngste CD-Veröffentlichung des Künstlers aus dem Hause Bear Family Records empfohlen: Auf insgesamt vier CDs gibt er hier einen Überblick über seine andere, hierzulande viel zu wenig bekannte Seite. Titel der Kompilation: "Bill Ramsey Swings 1958 - 1999". (Bear Family Records, bcd 16893)
Quellen: M. Reufsteck / S. Niggemeier, "Das Fernsehlexikon", München 2005; D. Bartetzko, "Caterina Valente - Ein Wirtschaftswunder", München 1998; Munzinger-Archiv; eigene Recherchen
