Binationale Identität

Über die Bedeutung hybrider oder binationaler Identitäten

Strassencafé F - ©Paul Marx/pixelio
Strassencafé F - ©Paul Marx/pixelio
Individuen mit Migrationshintergrund, in Deutschland geboren und sozialisiert, fühlen sich oft zwei Kulturen zugehörig, woraus die Bildung binationaler Identitäten folgt.

Der Begriff „Hybride Identität“ oder binationale Identität bedeutet, dass ein Mensch, zumeist mit Migrationshintergrund, sich zwei oder mehreren kulturellen Räumen gleichzeitig zugehörig fühlt und als inter-, trans- oder multikulturell gilt. Nationalität oder Staatsbürgerschaft wird alltagstheoretisch als eine Einheit aus Staatsbürgerschaft, Ethnie und Kultur begriffen, wobei diese Faktoren bei Binationalen mehrwertig sind. Gerade durch diese Mehrwertigkeit kommen binationale Individuen häufig in die Lage, sich entscheiden zu sollen, wo bei ihnen der emotionale Schwerpunkt nationaler Bezüge verortet ist.

Es wird also eine Entscheidung zwischen der Herkunftsidentität und der Landesidentität erwartet, die nicht einfach zu geben ist. In diesem Sinn ist es zum Beispiel für binationale Jugendliche schwierig, sich ab einem bestimmten Alter für eine Staatsangehörigkeit entscheiden zu müssen. Vielfach wird dieses wie eine moralische Prüfung oder ein Bekenntnis zur oder gegen die deutsche Kultur wahrgenommen.

Träger binationaler oder hybrider Identitäten

Individuen mit binationalen oder hybriden Identitäten sind in der Regel deutsche Staatsbürger, in Deutschland aufgewachsen und sozialisiert, sprechen die Sprachen beider Eltern, die eine mehr oder weniger gut. Sie haben häufig Namen, Gesichter, Haut- und Haarfarbe, wodurch ihre nichtdeutsche Herkunft „erkennbar“ wird. Die Kombination aller unterschiedlichen Ausprägungen umreißt die Komplexität binationaler oder hybrider Identität.

Derartige individuellen äußeren Merkmale haben vielfach zur Folge, dass vor allem die in Deutschland geborenen Angehörigen der zweiten und dritten Migrantengeneration, Hürden zu überwinden haben, und dadurch häufig der Zugang zu der kollektiven Identität Deutschlands erschwert wird. Über die Identität von Menschen binationaler Abstammung wird in alltäglichen Situationen mit Interaktionspartnern verhandelt, denen gegenüber sich binationale Individuen erklären und Annahmen wie auch Vorurteile des Gegenübers begründen oder widerlegen müssen.

Leben zwischen zwei Kulturen

Häufig leben Individuen der zweiten und dritten Einwanderergeneration beziehungsweise mit selbst erfahrener Migration, zwischen zwei Kulturen, empfinden sich jedoch einem gewissen Zwang der einseitigen kulturellen Selbstverortung ausgesetzt, nämlich sich für eine Kultur entscheiden zu müssen. Daraus resultiert für die hier geborene, aufgewachsene und sozialisierte zweite und dritte Generation eine spezifische Problematik beziehungsweise ein individueller Konflikt. Stellung zu ihrer Identität zu beziehen, bedeutet für Binationale, in einen Konflikt zu geraten, abwägen zu müssen, zwischen dem Ziel als die gesellschaftlichen Mittglieder erkannt und anerkannt zu werden, die sie sind. Vor allem durch die Frage nach ethnischer Identität und deren Anerkennung, gilt als Moment, durch den die Konflikte besonders problematisch werden.

Schwierigkeiten von binationalen Personen

Binationale oder hybride Individuen oder Personen mit Migrationshintergrund, sehen sich mit der Schwierigkeit konfrontiert, dass zum einen eine Entfremdung von der großelterlichen oder elterlichen Herkunftskultur entsteht wie auch ein Schwinden der Sinnhaftigkeit bestimmter traditioneller Werte und Normen. Zum anderen erfahren Angehörige der zweiten und dritten Generation oft Ausschluss aus der Gesellschaft und das Gefühl der Randständigkeit in eben dieser. Derartiges erleben besonders muslimische Migrantinnen und Migranten der zweiten und dritten Generation, wodurch ein Identifikationsdilemma entsteht, das primär aufgrund der gesellschaftlichen Nichtanerkennung ihrer Identität erfolgt.

Einerseits besteht, von der einstigen Aufnahmegesellschaft ihrer Eltern oder Großeltern ausgehend, ein äußerer Assimilationsdruck, ohne implizite Garantie dafür, dass die Identität von der Mehrheitsgesellschaft als deutsch anerkannt wird. Andererseits bedeutet Assimilation gleichermaßen eine Verneinung und Loslösung von elterlichen Werte und somit der Verlust traditioneller Sicherheiten, familiärer Bindungen und sicherer Identität.

Bedeutung der kulturellen Dimension für die Identitätsbildung

Bedeutungsvoll ist die kulturelle Dimension der Identität ferner dann, wenn sich Individuen aufgrund der ethnischen beziehungsweise multikulturellen Herkunft diskriminiert und benachteiligt fühlen, woraus eine deutlich andere Wahrnehmung über sich entsteht als bei anderen Jugendlichen. Demzufolge bedeutet es, dass eine gelingende Identitätsfindung auf die Anerkennung durch die Anderen angewiesen ist. Misslingt dieser Prozess als Ergebnis des Dilemmas um die Identität, ist eine Identitäskrise möglich, die wiederum zu einer Flucht in eine negative Identität führen kann. Von Identitätskrisen und Identitätsverlust sind insbesondere Individuen jener Generation betroffen, die sich am weitesten von dem Herkunftskontext befinden, sich jedoch noch nicht in dem Aufnahmeland, das zumeist ihr Geburtsland ist, verankert fühlen.

Bildung von negativen Identitäten

Das Annehmen einer negativen Identität weist darauf hin, dass das erfahrene Gefühl sozialer Minderwertigkeit als negatives Selbstbild veinnerlicht wird. Häufig führt der Identitätsverlust oder eine Identitätskrise zu Selbstverachtung und auch zu Aggressionen gegenüber der Außenwelt. Um aus dieser Identitätskrise, mit negativer Selbstbetrachtung herauszukommen, kann auffälliges, von der Gesellschaft abweichendes Verhalten, bewusst oder unbewusst, als Ausweg herangezogen werden.

Somit kann das Kreieren von Gegenidentitäten als Reaktion auf mangelnde Integrationsleistungen der Gesellschaft angesehen werden. Individuen, die sich ausgeschlossen und nicht der Gesellschaft zugehörig und anerkannt fühlen, finden sich vielfach in Kollektiven beziehungsweise in Gruppen zusammen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Nach dem bereits erfahrenen mehrheitsgesellschaftlichen Ausschluss grenzen sich derartige Kollektive wiederum nach außen ab, um ihrer inneren Verbundenheit und Identität Ausdruck zu verleihen.

Problematisch ist dieser zwangsläufige und doch selbst gewählte Abgrenzungsmechanismus, wenn in den Gruppierungen Feindbilder von ethnisch anderen, nämlich von der Mehrheitsgesellschaft, konstruiert werden, und dieser die vollständige Verantwortung für die Desintegrations- und Ausgrenzungserfahrung zuteil wird. Für Mitglieder derartiger Gruppierungen besteht aufgrund der Schuldabweisung die Möglichkeit, dass selbst radikalisierte Personen ein positives Selbstbild aufrecht erhalten können. Zudem werden vielfach traditionelle Muster der Herkunftskultur verklärt und verherrlicht und verstärkt herangezogen, um eine vermeintliche Stärke und Selbstbewußtsein zu erlangen.