Schon lange weiß die Psychologie um die Bedeutung der Bindung zu seinen Bezugspersonen für die Entwicklung des Kindes. Viele Forscher und Forscherinnen von John Bowlby bis zu dem deutschen Ehepaar Grossmann haben sich damit beschäftigt. Immer stärker rückte dabei das Zusammenspiel von Bindung und dem sogenannten Explorationsverhalten des Kindes in den Mittelpunkt. Mit anderen Worten, je besser sich das Kind fühlt, desto neugieriger ist es auf seine Umwelt.
Drei Arten von Bindung
In ihrem Aufsatz "Bindung als Voraussetzung für Bildung", erschienen in dem Bändchen „Frühkindliche Bildung“ von Gunter Geigner und Anna Spindler, schreibt Julia Gerkic, die kanadische Psychologin Mara Ainsworth, ebenfalls eine bekannte Bindungsforscherin, habe zwischen drei Bindungskategorien unterschieden: sicher gebunden, unsicher-vermeidend und unsicher-ambivalent. Was ein wenig nach Verbraucherschutzsiegeln klingt, sind für die Betreuung von Kleinkindern jedoch sehr wichtige Forschungsergebnisse. Danach nützen sicher gebundene Kinder ihre Bezugsperson als Hafen, sie sind in Trennungssituationen von ihr zwar gestresst, sobald sie jedoch zurückkehrt, beruhigen sich die Kinder, freuen sich sichtlich und finden zu ihrem Spiel zurück. Die Kinder, die als unsicher-vermeidend gebunden gelten, spielen bei Abwesenheit der Bezugsperson ausdauernd und unverdrossen weiter, vermeiden aber bei ihrer Rückkehr den Blickkontakt. Die unsicher-ambivalenten Kinder hingegen sind bei der Abwesenheit ihrer Bezugsperson ebenfalls gestresst, weinen und schreien, zeigen nach ihrer Rückkehr allerdings ein widersprüchliches Verhalten. So suchen sie zwar einerseits den Kontakt, wehren ihn andererseits jedoch auch verärgert ab. All diese Muster bilden sich, so die Forscher, im ersten Lebensjahr des Kindes.
Bindungssicherheit im Kindergarten
Während sich die Bindungsuntersuchungen zunächst auf die Herkunftsfamilie beschränkten, hat sich die Forschung in jüngster Zeit immer intensiver mit dem Kindergarten beschäftigt. Das überrascht bei der zunehmenden Bedeutung der öffentlichen Vorschulerziehung für Bildung und die bessere Vereinbarung von Familie und Beruf nicht sonderlich. Dabei habe man festgestellt, so Gerkic, dass die oben erwähnten sicher-gebundenen Kinder weniger aggressives oder ablehnendes Verhalten gegenüber anderen Kindern und ein höheres Maß an emotionaler Unabhängigkeit von den Erzieherinnen aufweisen. Kurz und gut, sie zeigten eine höhere soziale Kompetenz, auch im späteren Kindes - und sogar Jugendalter, als die unsicher-ambivalent und sicher-vermeidend gebundenen Kinder. Ein weiterer Hinweis, dass eine sichere Bindung die beste Voraussetzung für aktive Umwelterforschung darstellt.
Einmal unsicher gebunden immer unsicher?
So einfach scheint es nicht zu sein. Zwar gibt es Untersuchungen, die bestätigen, dass sich sogar noch im Erwachsenenalter frühe Bindungserfahrungen auswirken, doch könne man mitnichten von einer durchgehenden und unabwendbaren Prägung sprechen. Dafür, so Berkic, seien die Forschungsergebnisse nicht eindeutig genug. Man müsse als Kleinstkind nicht zwangsläufig das Glück gehabt haben, in einer liebevollen und fürsorglichen Atmosphäre aufgewachsen zu sein, um später im Leben klar zu kommen. Diese Erfahrung erleichtere zwar einiges, doch wichtiger sei es, sich mit den Erfahrungen der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Über sich nachzudenken sei eine sehr gute Voraussetzung für eine sichere und stabile psychische Konstitution. Wie tröstlich.
