Biografie: Der 80. Geburtstag von Michael Ende

Über Leben und Werk zum Jubiläum des berühmten deutschen Autors

Briefmarke zu Jim Knopf von 2001 - Wikipedia Commons
Briefmarke zu Jim Knopf von 2001 - Wikipedia Commons
2009 wäre Michael Ende 80 Jahre alt geworden. Ein Blick auf das Leben eines großartigen Künstlers, dessen Klassifizierung als Kinderbuchautor viel zu kurz greift.

Michael Ende war ein glühender Verfechter der Fantasie, der in Zeiten des Primats der Vernunft für das Recht zu träumen eintrat. Neben einer großen Anzahl von Erzählungen, Romanen, Märchen und Bilderbüchern umfasst sein vielseitiges Werk fünf Theaterstücke und die Lyriksammlung "Trödelmarkt der Träume" (1986).

Michael Ende: Kindheit und Jugend

Geboren wurde Michael Andreas Helmuth Ende am 12. November 1929 in Garmisch-Partenkirchen als Sohn des surrealistischen Malers Edgar Ende und seiner Frau Luise. Seine Kindheit verlebte er inmitten der Boheme München-Schwabings. Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung wird die Kunst des Vaters als "entartet" eingestuft, zahlreiche Freunde und Bekannte der Familie in Konzentrationslager abtransportiert. Der Maler selbst muss 1941 als Flaksoldat dienen. Michael Ende besucht ab 1940 das humanistische Maximiliansgymnasium. 1943 nehmen die alliierten Bombardements auf München zu, und der Junge kommt im Zuge der Kinderlandverschickung zurück nach Garmisch. Dort ereilt ihn kurz vor Kriegsende der Einberufungsbefehl der Wehrmacht. Er flieht zur Mutter nach München und wird für die "Freiheitsaktion Bayern“ aktiv, die eine sinnlose Verteidigung der Stadt durch die SS verhindert. Die finanzielle Unterstützung von Bekannten ermöglicht ihm 1947 den Wechsel an die Waldorfschule nach Stuttgart.

Vom Schauspieler und Redakteur zum Meister der Fantasie

Seit 1943 schreibt der junge Ende Gedichte und Erzählungen. Der Berufswunsch des Theaterschreibers bleibt ihm verwehrt, ein Universitätsstudium kann die Familie sich nicht leisten. Mithilfe eines Stipendiums absolviert er von 1948 bis 1950 eine Ausbildung an der Schauspielschule Otto Falckenberg. Nach ersten Gehversuchen als Schauspieler verfasst er in München Sketche, Chansons und Soli für politisch-literarische Kabaretts. Von 1954 bis 1962 findet er eine Anstellung als Filmkritiker beim Bayerischen Rundfunk. Dem Schreiben bleibt er treu, obschon ihn Zweifel plagen. Ein 1958 abgeschlossenes Manuskript avanciert zum Prüfstein: Nach eineinhalb Jahren Odyssee durch die deutsche Verlagslandschaft wird es endlich vom Thienemann Verlag angenommen.

Jim Knopf, Momo und die Unendliche Geschichte

Eine kluge Wahl: "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ wird ein Erfolg. 1961 erhält Michael Ende den Deutschen Kinderbuchpreis, und der zweite Band erobert die Buchläden. Der Autor kündigt seine Arbeit beim Rundfunk und widmet sich fortan vollständig dem Schreiben. 1964 heiratet er die Schauspielerin Ingeborg Hoffmann, im Jahr darauf stirbt sein Vater. 1967, Premiere der Tragikomödie "Die Spielverderber“ in Frankfurt: Die Inszenierung des Stücks floppt so gründlich, dass es nie wieder aufgeführt wird. Das "Schnurpsenbuch“ wird 1968 veröffentlicht. Anfang der Siebziger zieht das Ehepaar in die Nähe von Rom. Im Todesjahr der Mutter 1973 erscheint mit dem zeitkritischen Roman "Momo" ein weiterer Meilenstein seines Werks. Obschon umstritten, wird das Buch nach denkbar knapper Juryentscheidung mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet, im Lauf der Zeit in zwanzig Sprachen übersetzt und sogar als Oper "Momo und die Zeitdiebe“ vertont. Ein weiteres Bühnenstück ist das Zauberspiel "Das Gauklermärchen“ für Puppen- und Maskentheater. Nach mehrjähriger Arbeit folgt 1979 "Die unendliche Geschichte“. Von der Verfilmung (1985) distanziert sich der Künstler enttäuscht. Außerordentlich fruchtbar gestaltet sich dagegen die Zusammenarbeit mit dem Komponisten Wilfried Hiller, aus der unter anderem die 1985 uraufgeführte Oper "Der Goggolori“ hervorgeht.

Vier Jahre nach dem Tod Ingeborg Hoffmanns heiratet Ende noch einmal. Vor allem den Übersetzungen seiner Frau Mariko Sato ist es zu verdanken, dass seine Werke in Japan einen hohen Bekanntheitsgrad erreichten. 1995 stirbt Michael Ende mit 65 Jahren in Stuttgart. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Münchner Waldfriedhof.

Elemente Michael Endes: Surrealismus, Romantik und die heilende Kraft der Fantasie

Michael Ende besaß über seinen Vater eine tiefe Verbindung zum Surrealismus, die bereits in seinen Jugendgedichten sowie in den Erstlingen "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ und "Jim Knopf und die Wilde 13“ hervortritt. 1984 veröffentlicht er mit "Der Spiegel im Spiegel“ eine Sammlung surrealistischer Texte. Surrealismus verstand der Autor im weitesten Sinne als "magisches Weltbild“, als Gegenpol zu Positivismus und rationalem Materialismus. Diesbezüglich war er ein Anhänger der Romantik, die er als explizit deutsche Errungenschaft hochhielt. Romantik bedeutete für Ende die Befreiung von einer einseitigen Dominanz der Logik. In diesem Sinne nehmen das Spiel der Poesie, die sich im Geheimnisvollen, Fantastischen und Wunderbaren offenbarende Schönheit sowie die Fantasie eine tragende Rolle in seinem Schaffen ein. In Anlehnung an die romantische Tradition forderte Ende die Ganzheit der Schönheit: Ein Kunstwerk stelle ein Ganzes aus Kopf, Herz und Sinn dar und wende sich entsprechend an den Betrachter. Diese Ganzheit sei jedoch in der modernen Kunst und in der Zivilisation überhaupt verloren gegangen. Primär mithilfe der Fantasie vermag der Mensch sich von äußeren Zwängen zu lösen und seine innere Freiheit wiederzuerlangen. Nicht zuletzt die "unendliche Geschichte“ appelliert an dieses Bedürfnis des aufgeklärten Menschen nach Traumwelten und Irrationalität. Kunst ist somit ein Mittel der Wirklichkeitsbewältigung. Sie ist aber auch ein Medium, über das Kritik an den Zeitumständen und Einfluss auf das Bewusstsein der Menschen ausgeübt werden kann.

Vorbilder unter den Romantikern waren vor allem E.T.A. Hoffmann und Novalis. Es lassen sich in Michael Endes Büchern jedoch auch viele intertextuelle Bezüge zu Goethe, antiken Werken, Bibel, Malerei und fernöstlicher Philosophie finden. Das Weltbild des Schriftstellers blieb immer offen für unterschiedlichste Anschauungen und Inspirationen, wurde unter anderem geprägt von dem Anthropologen Rudolf Steiner, den Philosophen Kierkegaard und Nietzsche, von Bertolt Brecht, Füssli, Zen und der Kabbala.

Als unerlässlich für sein Schaffen sah er übrigens den Humor, in einem Brief an Reinbert Tabbert schreibt er: "Den Humor halte ich dabei übrigens für ein geradezu unerläßliches Ingredienz […] Jedes Gelächter ist im Grunde genommen ein Befreiungserlebnis.“

Ehre wem Ehre gebührt: Die Liste der Auszeichnungen Michael Endes ist lang. Neben den im Artikel erwähnten seien an dieser Stelle exemplarisch der japanische Nakamori-Preis (1979), der Europäische Jugendbuchpreis (1981) und der Deutsche Fantasy-Preis (1987) genannt.

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Thomas Sedlmeyr, Thomas Sedlmeyr

Thomas Sedlmeyr - Studium der Deutschen Literaturwissenschaft, Geschichte und Ethnologie in Augsburg. Seit 2008 arbeite ich als freier Autor und ...

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