
- Marina Heilmeyer: Bi - vacat verlag
Kennst du das Land, wo die Zitronen blühen? In diese Frage bannte Johann Wolfgang von Goethe die deutsche Italiensehnsucht. Dass diese Suche nach dem paradiesischen Arkadien, das häufig mit jenen Bäumen, die goldene Früchte tragen, gleichgesetzt wurde, schon vor dem großen Dichter eine Flut architektonischer Wunderwerke, Orangerien genannt, zur Folge hatte, können wir noch heute freudig bewundern.
Faszination der Frucht über die Jahrhunderte
In einer Welt, in der man Orangen zu jeder Jahreszeit erhalten oder auch immer schnell mal dort hinfliegen kann, wo selbige blühen, ist es schwer, die Faszination dieser Frucht auf unsere Ahnen zu begreifen. Nun hat sich der Potsdamer vacat-Verlag in seiner Reihe „Potsdamer Pomologische Geschichten" daran gemacht, den Leser mit dem von Marina Heilmeyer herausgegebenen Band „Bittere und süße Orangen. Südliche Träume für nördliche Gärten" ein wenig in diese wunderbare Verwunderung zurückzuversetzen. Zeitgenössische Illustrationen der im 18. und 19. Jahrhundert bei uns noch seltenen Früchte erhöhen den sinnlichen Reiz dieses sehr liebevoll gestalteten Bandes, der über viele Aspekte des farbenfrohen Fruchtsaftspenders informiert. Inzwischen gibt es auch kleine Bücher über die Kirsche, die Erdbeere, die Melone. Wegen der liebevollen Aufmachung wurde die Reihe für den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland 2010 nominiert.
Kulturgeschichte der Orangenfrüchte
Kulturgeschichtlich symbolisieren die goldenen Früchte Unsterblichkeit und lassen Dichter und Maler immer wieder ins Schwärmen geraten. Gartenbautechnisch hat man insbesondere in Potsdam viele Experimente gewagt: so gab es auf dem Dach des Stadtschlosses einen ebenso mühsam anzulegenden wie zu pflegenden Orangengarten, so versuchte man, im Park von Sanssouci dauerhaft einen „natürlichen" Orangenhain anzulegen.
Schwieriger Anbau
Doch die empfindlichen Früchte bedurften sorgfältiger Abdeckung - und auch der große Gartengestalter Peter Joseph Lenné bemerkte, dass das Vorhaben mit etwa zwölftausend benötigten Kübeln zu aufwändig sei. Immerhin hielt dieser Orangenhain zwei Sommer lang. Ausführlich wird der Orangeriebau in den Potsdamer Parks und Gärten beschrieben - von dem ersten am Stadtschloss, mit dem 1685 begonnen wurde und der heute noch, orginalgetreu erhalten das Filmmuseum beherbergt, bis hin zum großen Orangerieschloss im Park Sanssouci, das im Winter 1853/54 zum ersten Mal Zitrusbäumen Schutz bot.
Biologische Besonderheiten der Orange
Aber das Buch ist nicht nur etwas für Potsdam-Liebhaber, es informiert auch über biologische Besonderheiten - so etwa über die inzwischen nachgewiesene enge Verwandtschaft zwischen der hierzulande schon im 11. Jahrhundert bekannten bitteren Pomeranze und der erst im 16. Jahrhundert über China eingeführten Apfelsine. Rezepte wie „Austern im Pomeranzen-Sud" ergänzen in Kombination mit Abbildungen der unterschiedlichen Pomeranzen-Arten dieses sinnenfrohe Buch, dessen fünf Autoren Heinrich Hamann, Marina Heilmeyer, Carsten Schirarend, Katrin Schröder und Gerd Schurig allesamt durch ihren Hauptberuf sicher über die notwendigen fachlichen Kenntnisse verfügen, aber leider - und das wäre der einzige Kritikpunkt - nicht jeder über die ebenso ausgeprägte stilistische Kraft, die das 104-Seiten-starke Büchlein zum noch idealeren Geschenk gemacht hätte.
Marina Heilmeyer (Herausgeberin und Redaktion): Bittere und süße Orangen. Südliche Träume für nördliche Gärten. Potsdamer Pomologische Geschichten. vacat Verlag 2005. Gebunden, 105 Seiten, Euro 15,00.
weitere Bücher der Reihe (nur Titelangabe): Kirschen für den König; Erdbeeren für Prinzessinnen; Die Melonen der Monarchen
