Black Box Dschihad von Martin Schäuble

Cover Black Box Dschihad - Hanser Verlag
Cover Black Box Dschihad - Hanser Verlag
Schäubles im März 2011 erschienenes Buch ist die akribische Aufzeichnung des Lebensweges eines deutschen und eines palästinensischen Gotteskriegers.

Was verbindet zwei Siebzehnjährige, der eine aus der saarländischen Provinz, der andere aus Nablus im palästinensischen Westjordanland? Beide verschreiben sich dem „Dschihad“ dem heiligen Krieg, wie „Dschihad“ von unseren Medien regelmäßig übersetzt wird, obwohl das Wort im Arabischen „Anstrengung“ bedeutet und verschiedene Dinge ausdrücken kann. Martin Schäuble beschreibt den Weg der beiden Gotteskrieger von frühester Jugend an bis zum Augenblick der Tat bei Sa´ed, Verhaftung und Gerichtsprozess bei Daniel.

Vom Hip-Hop zum Dschihad – Daniel der deutsche Gotteskrieger

Daniel wächst in einer saarländischen Kleinstadt auf. Schäuble, der mit vielen Wegbegleitern gesprochen hat, beschreibt ihn schon früh als nachdenkliches und eher einzelgängerisches Kind. Als sich die Eltern nach langem Kampf in seinem elften Lebensjahr scheiden lassen und sich anschließend einen langwierigen Scheidungskampf liefern, sucht sich Daniel Orientierung außerhalb der Familie. Er spielt engagiert Basketball und schließt sich einer Hip-Hop Crew an. Cool sein und die ewige Jagd nach den angesagtesten Markenklamotten füllen das Identitätsvakuum aber nicht ausreichend. Drogen kommen hinzu und später der Versuch zusammen mit seinem neuen Freund Nidal auszusteigen, einen Neustart unter einfachsten Lebensbedingungen in Brasilien zu wagen. Das Leben im Urwald funktioniert nicht so problemlos wie Daniel und seine Begleiter das erhofft haben. Als das Geld zu Ende ist, bittet Daniel seinen Vater um Geld für den Rückflug.

In seiner Orientierungslosigkeit findet er erneut eine Person, der er bedingungslos glaubt und folgt. Hussein führt ihn an den Islam und schließlich an dessen extremistische Form den Islamismus heran. Wie so etwas funktionieren kann, versucht Schäuble in einem fiktiven Bekehrungsgespräch darzustellen, das er mit Hilfe eines Aussteigers aus der Islamistenszene verfasst hat. Daniel entwickelt sich in die extreme Richtung, die Hussein ihm zu vermitteln versucht und geht in ein islamistisches Ausbildungscamp in Pakistan, wo er lernt, mit Waffen und Sprengstoff umzugehen. Er wird nach Deutschland geschickt, wo er mit anderen einen Anschlag vorbereitet, verhaftet wird und als „Sauerlandbomber“ zu zwölf Jahren Haft verurteilt.

Wirklich klarmachen, wie es bei Daniel zu dieser extremen Entwicklung kam, kann Schäuble nicht. Es gibt viele ähnliche Lebensläufe, bei denen keine Entwicklung in ein extremistisches Gedankengut erfolgt. Der Bekehrer Hussein hat im richtigen Augenblick Daniels Labilität erkannt und für die Zwecke des Islamismus instrumentalisiert. Wäre Daniel in diesem Moment jemand anderem begegnet, hätte sein Leben auch völlig anders laufen können.

Von der Intifada zum Dschihad - Sa´ed der palästinensische Gotteskrieger

Viel leichter fällt es da, die Entwicklung Sa´eds zu verstehen. Er wächst in Nablus im Westjordanland in sehr einfachen Verhältnissen auf. Als Kind erlebt er die erste Intifada, als Jugendlicher die zweite. Er erfährt die Einschränkung des öffentlichen Lebens, Verfolgung, Arbeitslosigkeit, erlebt den Tod ihm nahestehender Menschen und die Begeisterung der Massen bei den Begräbnissen der „Märtyrer“. Doch auch hier gilt, viele Jugendliche wachsen dort so auf und nur ein geringer Prozentsatz geht so weit, als Selbstmordattentäter in den heiligen Krieg zu ziehen.

Für Sa´ed wird der Glaube in seiner Not ein Zufluchtsort im wahrsten Sinne des Wortes. In der Moschee findet er nicht nur Antworten auf viele Fragen, sondern auch Ruhe und einen Ort, um für sich zu sein.

Aber auch hier kommt es nicht durch die Hinwendung zum Glauben zum Entschluss, sondern, wie bei Daniel, durch einen charismatischen Führer, der ihn gezielt an das Thema Selbstmordattentat heranführt. Masen Freitach, ein Mitglied der Aqsa Brigaden, dem militanten Flügel der Fatah Bewegung, übernimmt bei Sa´ed diese Rolle. Auch bei Sa´ed ahnt niemand aus seinem direkten Umfeld, welchen Weg zu gehen, er sich vorgenommen hat.

Der Märtyrerkult

Das Erschreckendste, was Schäuble in Black Box Dschihad beschreibt, ist der Märtyrerkult im palästinensischen Teil Israels. Das Märtyrertum beschreibt er als zum Alltag gehörend. Bilder von „Märtyrern“ hängen in Läden, Wohnungen, an vielen öffentlichen Plätzen. Als Märtyrer werden nicht nur die Selbstmordattentäter und Kämpfer gegen die israelische Besatzung geehrt, sondern alle, die im Zusammenhang mit den Kämpfen getötet wurden und sei es auch als Passant, der in die Schusslinie geraten ist.

Märtyrern wird nicht nur das Jenseitsversprechen des direkten Zugangs zum Paradies gewährt, sondern auch die Möglichkeit, für ihre zurück gebliebenen Verwandten ein gutes Wort einzulegen. Die Selbstmordattentäter tun auch im Diesseits Gutes für ihre Familien, denn diese erhalten eine kleine staatliche Unterstützung von 60 Euro monatlich. Nicht viel, aber es zeigt, welche gesellschaftliche Anerkennung ein Tun hat, das in westlichen Ländern als Terrorismus gesehen wird.

Schäuble beschreibt all diese Phänomene weitgehend ohne Wertung. Er gibt Hintergrundinfos, auch geschichtlicher Art, so dass das Buch, wie vom Verlag beworben auch schon von Jugendlichen ab 12 Jahren gelesen werden kann. Erklären kann er die Phänomene Dschihad, Märtyrertum, Selbstmordattentäter nicht, weder in seiner palästinensischen, noch in seiner deutschen Ausprägung. Was junge Menschen bewegt, ihr Leben wegzuwerfen für ein Jenseitsversprechen, den Kampf für ein freies Land der Palästinenser oder den Sieg des „wahren Glaubens“, es ist aus westlicher Warte nicht nachvollziehbar.

Der Weg in den Dschihad: Ohnmacht und Perspektivlosigkeit

Zurück zur Ausgangsfrage: Was verbindet Daniel und Sa´ed? Beide finden in einer schwierigen Lebenssituation Hilfe im Glauben. Bei beiden erscheint ein „Führungsoffizier“, der dies nutzt und in extremistische Bahnen lenkt. Hier enden die Gemeinsamkeiten aber schon und außerdem ist, wie schon erwähnt, festzuhalten, dass beide Lebenswege nicht einzigartig sind. Viele Jugendliche machen Ähnliches durch, ohne solch drastische Konsequenzen zu ziehen. Trotzdem gilt der Umkehrschluss: Schafft es eine Gesellschaft, niemanden in eine solche für ihn ausweglose und ohnmächtige Situation abgleiten zu lassen, so ist das der beste Schutz vor extremistischen Reaktionen. Das ist schwierig in einer Gesellschaft, die sich in ihrer Ohnmacht kaum anders als durch solche Taten zu artikulieren weiß. In westlichen Ländern aber sollte es gelingen, jungen Menschen ausreichend Perspektive zu schaffen, um Laufbahnen wie die von Daniel zu verhindern.

Die Ereignisse in Karlsruhe, wo im April 2011 erneut eine islamistische Gruppe verhaftet wurde, die einen Anschlag vorbereitet hat, zeigen, dass auch in der pluralistischen Gesellschaft der Bundesrepublik noch ein weiter Weg bis dahin zurückzulegen ist. Schäubles Buch ist ein Beitrag, der hilft, die Diskussion über dieses Thema zu versachlichen.

Martin Schäuble: Black Box Dschihad. Hanser Verlag, 2011. Taschenbuch, 218 Seiten, Euro 14,90

Rainer Hitzler , Rainer Hitzler

Rainer Hitzler - Wie so viele Autoren bin ich Autor aus Berufung, fast seit ich lesen und schreiben kann. Mittlerweile 50 Jahre alt kann ich somit auf ...

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