
- Blach Swan Poster - Jason Kottke
Ein stürmisches Wochenende bietet sich an für Kinobesuche. Man erwartet allerdings bei einem als Psychothriller vermarkteten Streifen nicht, dass das Höchste an Spannung sich im Hin- und Rückweg erschöpft. Genau das passiert jedoch bei Black Swan. Warum?
Worum es in bei Film Black Swan nicht geht
Nun, Black Swan ist gar kein Psychothriller. Und auch kein Film übers Ballett, Künstlerleben oder das Streben nach Perfektion. Es ist kein Film über Dominanz, sexuelle Verklemmung, verkorkste zwischenmenschliche Beziehungen und was die Palette seelischen Innenlebens sonst noch an wohlfeilen Abgründen bieten mag. Anders ausgedrückt: Black Swan ist ein Film über Klischees.
Die Ungerechtigkeit des Talents
Alle haben sie, die Vorstellungen vom gepeinigten Genie. Der erfolglose Vincent van Gogh, der kranke Robert Schumann, der an der Tyrannei eines erbarmungslosen Meisters zerbrochene Nijinsky. Seit dem 19. Jahrhundert prägen sie das Bild vom Künstler, der - obwohl göttlich auserkoren und erhöht durch sein Talent - sein Herausragen aus der Mittelmäßigkeit selbst im Erfolgsfall mit emotionalen, körperlichen und geistigen Qualen oder gar dem Tod bezahlen muss.
Kann sein, dass manches davon zutrifft, wahrscheinlicher ist es aber, dass es das nicht tut. Warum also hängt man dem so hartnäckig an?
Weil Talent angeboren ist – und damit unfair. Natürlich wissen alle, dass harte Arbeit, Disziplin und Verzicht den Weg zum Erfolg prägen. Man weiß aber auch, dass am Ende ein Quäntchen Talent – und etwas Glück – über die Neigung der Waagschale entscheidet, was noch unfairer anmutet. Bisweilen erscheint diese Ungerechtigkeit so groß, dass sie vielen als Entschuldigung dient, um sich gar nicht erst auf den Weg zu machen. Also doch nicht nur mehr Talent und Glück, sondern auch mehr Willenskraft und Mut, was die Sache vom Schicksal weg und in den eigenen Zuständigkeitsbereich rückt. Da helfen Untergangsklischees.
Darren Aronofskys Ballettwelt
Und das ist schon die Kernaussage des neuesten Films von Darren Aronofsky. In Black Swan erhöht der Filmemacher den Einsatz allgemeiner Künstlerklischees um ein paar mehr, die speziell zur Vorstellungswelt des Balletts gehören. Man erkennt viele Schablonen, die so oder ähnlich schon immer im Kopf herum gespukt sind: die "Eislauf"-Mutter, die emotional "unfertige" junge Frau, der sexuell anziehende und tyrannische Starchoreograph, der natürlich Franzose sein muss, die hinterlistigen, intriganten Kollegen, dazu den ins Unerträgliche gesteigerte, selbst ausgeübte Druck des eigenen Strebens nach Perfektion, die alternde Diva, die man ersetzt hat und die, nach misslungenem Selbstmord, nun als Memento dient… Nichts fehlt aus dem Panoptikum der Tanzwelt – und nichts ist auch nur im Mindesten überraschend, nicht einmal die obligatorischen realistischen Einschübe knackender Zehen, grauer Korridore, schonungsloser Schminklichter und von Schweiß und Tränen strotzender Garderoben.
Die ausgleichende Gerechtigkeit filmischer Disziplinen
Nun braucht ein Film nicht unbedingt eine originelle Story, um ergreifend zu sein. Wobei "ergreifend" vieles bedeuten kann: Kino kann anregen, atemlos halten, entsetzen, entzücken, traurig machen, entspannen, erzürnen, berauschen... Im Idealfall kann es alles dies und mehr. Was es aber nicht tun sollte, ist nichts von alledem. Um das zu vermeiden, hat Film viele Mittel, die über die Geschichte an sich hinausgehen.
Wer Aronofskys The Fountain gesehen hat, weiß dies: Auch dort hatte man eine nicht besonders originelle Idee, gepackt in eine komplizierte Abfolge von Ebenen. Allerdings war die Kraft der heraufbeschworenen Bilder bestechend, die Verworrenheit erzeugte Spannung, die der Geschichte als solche mangelte. Auch da wusste man, wo es enden wird, aber man war sich bis zum Schluss nicht sicher, wie man durch das Kaleidoskop berauschender Bilder dorthin gelangen würde, ein Luxus, der bei Black Swan versagt bleibt. Hier gibt es keine Überraschungen, keine betörenden Bilder.
The ugly, the bad and the good
Ein bleiches Licht, das die Welt grau in grau erscheinen lässt, begleitet eine Geschichte, die sich zu jedem Zeitpunkt von sich selbst distanziert. Das kann eindrucksvoll genug sein, aber nur wenn‘s passt, wie etwa in Antonionis L’eclisse. Wenn es aber um das Eintauchen in eine Obsession geht, führt bildliche Distanz nur dazu, dass man als Zuschauer sich fragt, warum bloß man sich für etwas interessieren sollte, was offensichtlich nicht einmal jene packt, die es auf die Leinwand brachten. Die hektische, an Peter Berg gemahnende Kameraführung verstärkt dieses Unbeeindruckt-Sein.
Clint Mansells Soundtrack zerhackt oder überlagert Tschaikowskys Schwanensee durch computergenerierte Klangeffekte und wirkt damit viel verstaubter als die sattsam bekannte Originalmusik aus dem 19. Jahrhundert, der Score ist nicht Akteur sondern bloßes Mittel zur Erzeugung dumpf-dunkler Vorahnungen, was problematisch ist in einem Film, in dem es ums Scheitern am Anspruch geht, Musik perfekt umzusetzen, und dem die Spannung als Hauptelement eines Psychothrillers oder Charakterdramas (theoretisch könnte Black Swan als beides herhalten) durch ein allzu offensichtliches Drehbuch und hölzerne Dialoge ohnehin verloren geht.
Die Darsteller in Black Swan
Die Schauspieler tun ihr Bestes mit dem, was sie haben. Nur haben sie eben wenig. Die Charaktere sind entweder blass oder überzeichnet, gemeinsame Szenen zeigen Figuren, die in miteinander kollidierenden Vakuumkugeln existieren, nicht Menschen in Interaktion, nichts hebt sie aus der Masse anderer Charaktere heraus, nichts ist nur ihnen eigen.
Die Haupfigur Nina tut, sagt und denkt, was von ihr erwartet wird, real wirkt dabei aber nur Natalie Portmans schauspielerische tour de force, ein Potential, das jedoch verschwendet wird an einem reiner Hysterie verpflichtetes Porträt samt optisch etwas lächerlich anmutender Mutation des weißen Schwans zu Darth Vader (bis hin zu den blutunterlaufenen Augen).
Barbara Hershey und Mila Kunis verkörpern die ihnen zugedachten Schablonen perfekt, aber müssen Schablonen überhaupt verkörpert werden? Auch ihre Vorstellungen laufen schuldlos ins Leere.
Vincent Cassel fährt besser, hauptsächlich weil er Vincent Cassel ist: Er weiß, er spielt ein Klischee, also entwickelt er einen etwas resignierten Spaß daran, mit einem Augenzwinkern genau das zu geben und nicht mehr. Sein Interagieren erfolgt nicht mit anderen Schauspielern, sondern von der Leinwand herunter mit dem Zuschauer.
Black Swan Down
Das ist bisweilen unterhaltsam, genauso wie Portmans Trippelgang, die spielenden Rückenmuskel einer alternden Ballettmeisterin oder das realistische Portrait des winterlichen New Yorks, aber leider nicht unterhaltsam genug.
Originaltitel: Black Swan
Land, Jahr: USA 2010
Regie: Darren Aronofsky
Darsteller: Natalie Portman, Vincent Cassel, Barbara Hershey, Mila Kunis
Deutschlandstart: 20. 01. 2011
Auszeichnungen: u.a. 1 Golden Globe und 5 Oscar-Nominierungen
