
- Blade Runner Director's Cut - Warner Bros. Home Video
Ob Ridley Scott der Welt einen Gefallen getan hat, als er "Blade Runner" mit einem sehr symbolischen Schluss in seinem Director's Cut versah, sei dahingestellt. Die Debatten drehten sich nach der Veröffentlichung der neuen Version hauptsächlich um die Frage, ob der Blade Runner Deckard ein Replikant ist oder nicht. Dadurch wurde das eigentliche Thema des Films in den Hintergrund gedrängt, das der Frage nachging, welche Rechte eine künstliche Lebensform beanspruchen kann, wenn sie wie ein Mensch denkt, fühlt und handelt.
"Blade Runner" und der erste Schluss
Für die erste Kinofassung von "Blade Runner" wurde Regisseur Ridley Scott gezwungen, ein Happy End zuzulassen. Man sieht Deckard und Rachael mit dem Auto durch eine grüne Landschaft fahren. Ihnen ist offenbar die Flucht gelungen und Deckards Stimme erklingt als "Voice-over-Kommentar" und spricht von einer gemeinsamen Zukunft. Diese heile Welt war wie ein Fremdkörper in diesem ansonsten so düster und dunkel gehaltenen Film. Unpassend und kitschig. Sie wurde nur hinzugenommen, weil die Produzenten Angst hatten, das Publikum sei mit einem zu abrupten und undurchschaubaren Schluss überfordert.
Der Film wurde trotzdem kommerziell ein Reinfall und spielte nicht einmal die Produktionskosten wieder ein. Regisseur Ridley Scott sagte dazu in einem Spiegel-Interview "Ich war am Boden zerstört" und vermutete rückblickend, dass der Film zu düster und seiner Zeit zu weit voraus war. Die schlechte Resonanz beim amerikanischen Publikum könnte auch daran gelegen haben, dass zeitgleich ein anderer Science Fiction-Film lief, nämlich "E.T. - Der Außerirdische", der sehr erfolgreich war.
"Blade Runner" wird im Director's Cut gekürzt
1992, zehn Jahre nach dem Kinostart, wurde der Director’s Cut von Regisseur Ridley Scott veröffentlicht, in dem alle Voice-over-Einspielungen Deckards und der banale Schluss fehlen. Das Ende lässt nun offen, ob Deckard und Rachael es schaffen, dem Regime zu entkommen. Die Rolle von Gaff bleibt auch in dieser Version mysteriös. Er könnte ein weiterer Blade Runner oder Deckards Vorgesetzter sein.
Scott fügte seiner neuen Fassung eine Szene hinzu, in der Deckard von einem weißen Einhorn träumt. Dieser Traum gibt dem gekürzten Schluss eine neue Bedeutung und verändert die Aussage des Films beträchtlich. Denn als Deckard am Ende mit Rachael flieht und auf dem Boden vor seiner Wohnung ein Origami-Einhorn findet, erinnert er sich an seinen Traum und ihm wird klar, dass er einen Hinweis auf seine eigene Identität in Händen hält. Gaff, der gerne Origami-Figuren faltet, muss in der Wohnung gewesen sein und ihm diesen Hinweis hinterlassen haben. Aber er hätte nur auf einem Weg von Deckards Traum erfahren können - wenn es sich um eine falsche Erinnerung handelt, die er einer Akte entnommen hat. Deckard ist demnach selbst ein Replikant. Oder ist alles nur Zufall?
Der Director's Cut von "Blade Runner" wirft viele Fragen auf
Wer als Zuschauer diese Szene in ihrem Aussagewert überhaupt verstanden hat, steht vor mehreren Rätseln. Wieso hat Gaff Rachael am Leben gelassen? Glaubte er, dass Deckard sie später doch noch töten würde, weil er als Blade Runner diesen Auftrag bekommen hat? Wieso hinterlässt er einen Hinweis, der darauf schließen lässt, dass Deckard ebenfalls ein Replikant ist? Was will er damit erreichen? Kennt er aus den Dateien der beiden das Entstehungsdatum und weiß, dass sie sowieso nicht mehr lange leben und er sich die Mühe, sie zu eliminieren, sparen kann? Aber Rachael ist von Tyrell mit dem neuen Sicherheitssystem ausgestattet worden. Ihre Lebenszeit ist vielleicht gar nicht auf vier Jahre begrenzt und dasselbe könnte auch auf Deckard zutreffen - wenn er ein Replikant ist. Rätsel über Rätsel. Das Ende dieser Film-Version lässt viele Interpretationen zu.
Die Aussage des Films "Blade Runner" wird verändert
Ridley Scott sagte Jahre später in einer Dokumentation des Fernsehsenders Channel 4 ganz klar: "Ja, Deckard ist ein Replikant". Dies wird durch Scotts Kommentare zum Film, die als Zusatzmaterial auf den neueren DVDs und BluRays veröffentlicht wurden, auch bestätigt. Harrison Ford erklärte nach der Enthüllung von Ridley Scott, dass er das schon immer für Unsinn gehalten hätte. Daher hätte er seine Rolle immer wie ein Mensch gespielt und sich mit Scott am Set oft darüber gestritten. Die Handlung des Films selbst unterstützt Harrisons Ansicht.
Wenn Deckard ebenfalls ein Replikant ist, wird dem Film eine entscheidende Grundlage entzogen. Nämlich die Auseinandersetzung eines Menschen mit der Fragestellung, ob künstliche Lebensformen ein Recht auf Leben haben. Würden die Geschehnisse ausschließlich aus der Sicht von Replikanten geschildert, fehlte jeglicher menschliche Aspekt. Ein weiterer Gegen-Beweis ergibt sich aus dem Kampf zwischen Deckard und Roy, der zeigt dass Deckard dem Replikanten körperlich hoffnungslos unterlegen ist. Aber niemand käme auf die Idee, einen künstlichen Blade Runner mit geringeren Kräften als dessen "Beute" auszustatten. Das wäre schlichtweg Schwachsinn.
Erst im Laufe der Jahre wurde "Blade Runner" ein Kultfilm und ein Klassiker des Science-Fiction. Der Director's Cut, der zahlreiche Kritiken und Debatten auslöste, trug dazu nicht unwesentlich bei, obwohl die Frage nach der Menschlickeit der Replikanten und ihre Anerkennung als gleichberechtigte Wesen in den Diskussionen über die neue Film-Version in den Hintergrund trat.
