
- Blade Runner, Harrison Ford jagt Replikanten - Warner Bros. Home Video
Der eher zynische Slogan "Menschlicher als menschlich" der Tyrell Corporation, die Replikanten herstellt, weist auf den allgemeinen Grundtenor des Films "Blade Runner" hin. Der Zuschauer bekommt im Laufe des Films den Eindruck vermittelt, dass die künstlich erschaffenen Lebensformen menschlicher als ihre Schöpfer sind.
Wie unterscheiden sich Replikanten von Menschen in "Blade Runner"?
In "Blade Runner" wird zunächst die Urfurcht der Menschen vor Robotern, die übermenschliche Kräfte besitzen und so eine Gefahr darstellen, bewusst geschürt. Die Replikanten sind den Menschen körperlich und geistig deutlich überlegen und könnten sich zu "Supermenschen" entwickeln, wäre da nicht ihre verkürzte Lebensdauer von vier Jahren.
Das einzige eindeutige Unterscheidungsmerkmal zwischen einem Replikanten und einem Menschen ist die Empathie (Einfühlungsvermögen), die den künstlichen Lebensformen fehlen soll. Einfühlungsvermögen zu besitzen bedeutet einerseits, sich in eine andere Person (oder Lebensform!) hineinzuversetzen und bezeichnet andererseits die eigene Reaktion auf die vermuteten Seelenzustände des Anderen. Mit dem Voight-Kampff-Test wird überprüft, ob die Testperson Mitleid empfinden und daher als Mensch identifiziert werden kann.
Die Replikanten zeigen im Verlauf des Films mehr Emotionen als die sie umgebenden Menschen, die durch ihre Gefühlskälte und Abgestumpftheit eher selbst an Roboter erinnern. So wird auch immer deutlicher, dass die Replikanten denken und fühlen können wie ein Mensch. Rachel (Sean Young) bricht in Tränen aus, als sie sich mit der Tatsache konfrontiert sieht, selbst eine Replikant zu sein. Replikant Roy (Rutger Hauer) trauert eindeutig um seine Gefährtin Pris (Daryl Hannah) und als er sein eigenes Ende nahen fühlt, gewinnt sein Mitleid mit Blade Runner Deckard (Harrison Ford) die Oberhand über seine Handlung. Er rettet ihm das Leben, obwohl er ihn kurz vorher aus Rache töten wollte.
Replikanten mit künstlicher Intelligenz wollen mehr Leben
Pris erklärt dem Replikantendesigner J. F. Sebastian (William Sanderson): "Ich denke, also bin ich". Dieser berühmte Satz, der wie kein anderer das Selbstbewusstsein des Menschen auf den Punkt bringt, stammt von dem französischen Philosophen René Descartes. Der Name des Blade Runners - Deckard - ist eine weitere Anspielung auf diesen fundamentalen Grundsatz.
Die Replikanten sind sich offenbar Ihrer Existenz bewusst und hadern mit ihrem Schicksal. Sie wissen nicht wann ihre Lebensuhr abläuft, aber sie wollen länger leben. Am deutlichsten wird dieser Wunsch, als Roy endlich auf Tyrell (Joe Turkel) trifft. Die künstlich erschaffene Kreatur steht ihrem Schöpfer gegenüber und bittet ihn:
- "Gib mir mehr Leben - Vater!"
Dies ist die wichtigste und berührendste Szene des Films. Tyrell, der Gott, der seiner Schöpfung nicht helfen kann, die ihm in allen Bereichen überlegen ist, stürzt von seinem Thron und bezahlt seine "Gottlosigkeit" mit dem Leben.
Sollten Replikanten den Menschen gleichgestellt sein?
Wenn Deckard ebenfalls ein Replikant ist, wie es Regisseur Ridley Scott bei der Vorstellung seines Director's Cut von "Blade Runner" verkündete, verschwimmt die Grenze zwischen Mensch und Replikant endgültig. Künstliche Lebensformen, die intelligent genug sind um sich als lebende Wesen zu begreifen, haben dieselben Wünsche wie Menschen. Und ihre Fragen sind dieselben Fragen, die sich jeder Mensch stellt: "Wer bin ich?", "Wie lange lebe ich noch?" und "Lässt sich mein Leben verlängern?".
Die Unterscheidung, ob eine intelligente Lebensform als Mensch oder Replikant angesehen wird, ist vom philosophischen Standpunkt aus irrelevant. "Ich denke, also bin ich" gilt auch für künstliches Leben, das den Sinn dieser Aussage als solches erfasst und auf sich beziehen kann. Damit verbunden ist das Recht auf Leben und Selbstbestimmung, wie es in "Blade Runner" von den Replikanten gefordert wird und für das sie zu kämpfen bereit sind. Dass ihre überlegene "Rasse" durch den Menschen erschaffen wurde, spielt keine Rolle. Schon durch die Wahrnehmung ihrer eigenen Existenz sind sie den Menschen gleichgestellt.
Quellen:
Film "Blade Runner": Erstveröffentlichung von 1982 und Director's Cut von 1992
Kririk von Siegfried König (Filmzentrale)
Kritik zu "Blade Runner" auf Moviemaze
