Blade Runner und der Sequel/Prequel Nachschlag

Philip K. Dick: Blade Runner - Heyne Verlag
Philip K. Dick: Blade Runner - Heyne Verlag
Es wird wenigstens einen weiteren Film, Sequel oder Prequel, im Universum von Blade Runner geben. Aus diesem Anlass ein kurzer Blick auf den Klassiker.

Anfang März 2011 hat die kleine Filmcompany Alcon Entertainment die Rechte erworben, beliebig viele Prequels und Sequels zu Blade Runner zu produzieren. Was Alcon erfreulicherweise nicht interessiert, ist ein Remake des Ridley-Scott-Films von 1982. Offenbar sind sich die Produzenten im Klaren darüber, dass sie dabei nur verlieren können. Aber Philip K. Dick ist ein zugkräftiger Name und mit Blade Runner hat Alcon Zugriff auf eine potente Marke.

Blade Runner von Philip K. Dick

Blade Runner ist die Geistesfrucht des genialen Geistes von Autor Philip K. Dick (1928-1982), der den Roman 1966 unter dem etwas langen Titel Träumen Roboter von elektrischen Schafen? verfasst hat. Dick, dessen Leben einer Aneinanderreihung von Ausnahmezuständen glich, beschäftigte sich in diesem Buch mit dem Sein und der Menschlichkeit, mit Emotion, Religion und Realität und einer wenig schönen Zukunft. 1981, der Film befand sich noch in Fertigstellung, wurde der Autor von Regisseur Ridley Scott zu einer privaten Vorführung geladen und bekam knapp 20 Minuten Arbeitsfassung zu sehen. Trotz der massiven Änderungen war Dick begeistert, allerdings sollte er die Premiere nicht mehr erleben.

Die Drehbuchautoren hatten es geschafft, aus einem metaphysischen Roman einen dystopischen Thriller herauszufiltern, der die für Dick typischen Themen beibehielt und die der Regisseur in spektakuläre Bilder umsetzen konnte. Der Held des Buches war unglücklich verheiratet, konnte sein Befinden mit einer Stimmungsorgel ändern und hielt ein künstliches Schaf auf dem Dach des Hauses. Er jagte illegale Androiden, kurz Andies genannt. Im Film wurde daraus der stoische Einzelgänger und Ermittler, der aus einem Krimi der schwarzen Serie stammte und Replikanten jagte. Kein dystopischer Film danach geriet so schön und stimmungsvoll.

Blade Runner von Ridley Scott

Angesichts der Probleme war das Ergebnis ein Wunder. Zwei der Hauptdarsteller, Harrison Ford als Deckard, Sean Young als Rachel, konnten einander nicht ausstehen. Ford und Scott kamen ebenfalls nicht sonderlich gut miteinander aus. Das Budget war zu knapp bemessen und wurde überzogen. Es gab unter den Produzenten Streitigkeiten über die Kontrolle des Films. Scott wurde zwischendurch einmal gefeuert. Das Filmteam selbst spaltete sich in zwei Lager, Scott wurde ein unglaubwürdiges Happy End aufgezwungen, eine nicht geplantes Voice-Over kam hinzu und jede Menge anderer Miseren sorgten für schlechte Stimmung.

Trotzdem schaffte es der Regisseur, den Film zur Premiere 1982 fertigzustellen. Blade Runner wurde ein Flop. Er erhielt positive Kritiken, hatte Action und eine komplexe Handlung zu bieten. Der Film war eine faszinierende Verschmelzung eines Science Fiction Actionfilms, einer ernsthaften Dystopie, einer Liebesgeschichte und eines klassischen Krimis. Die Darsteller waren hervorragend und die Inszenierung überragend. Trotzdem, Blade Runner verschwand in die Nachtvorstellungen und Programmkinos. Aber dort geschah dann das Unerwartete. Der Insidertipp wurde zu einem stillen Bestseller, rehabilitierte sich zu einem Meilenstein des modernen Films und wurde zum Klassiker, der einer Renovierung bedurfte.

Es war allgemein bekannt, dass es eine andere Version gegeben hatte, eine Fassung ohne den unsäglichen Schluss und das Voice-Over. Folgerichtig brachten die Warner Studios 1991 einen Director‘s Cut hinaus, der gar kein Director‘s Cut war. Ridley Scott erfuhr erst davon, als es zu spät war. Aber bis 2007 hatte er es geschafft, endlich alles was es noch an brauchbarem Material gab, in seine ursprünglich gedachte Version einzuarbeiten und so erblickte der Final Cut das Licht der Welt. Letztendlich haben sich vorwiegend Kleinigkeiten geändert – aber die Wirkung ist phänomenal. Die Optik steht neuen Filmen um nichts nach und die Geschichte ist runder, stimmiger und konsequenter.

Der Geist der Replikanten

Der Roman von Philip K. Dick zählt im Gegensatz zum filmischen Meisterwerk nicht wirklich zu seinen stärksten Büchern. Er ist im Gesamtwerk des Autors von Bedeutung, weil er wesentlich dazu beigetragen hat, Dick zu einem der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts zu machen, der eine ungeheure Aufwertung seiner Bedeutung erfahren hat. Bücher wie Valis oder Ubik wiegen ihn ihrer Auseinandersetzung mit Realität und Wahrnehmung, Wahnsinn und Religion und der ganzen Palette der Dick‘schen Themen weit schwerer.

Es gibt bisher drei Fortsetzungen zu Blade Runner – in Buchform. Der Autor K. W. Jeter, ein Freund von Dick, hat drei Erben bewilligte Romane verfasst, die an den Film anschließen. 1997 kam ein Blade Runner PC-Spiel. 2009 erschien eine Comicversion von Blade Runner. 2010 hat Google sein Nexus One Handy auf den Markt gebracht und sich mit den Erben von Philip K. Dick angelegt. Nexus 6 ist die Modellbezeichnung der Replikanten.

Der Geist der Filmemacher

Nun ist Alcon an der Reihe. Die Produzenten habe zwar noch keine Idee, ob sie eine Vorgeschichte oder eine Fortsetzung machen wollen, aber sie stellen sich Christopher Nolan als Regisseur vor, dessen Hollywood Debüt Insomnia von ihnen produziert wurde. Nolan, der mit Filmen wie Dark Knight und Inception erfolgreich ist, wäre ein guter Griff, um einen intelligenten Unterhaltungsfilm zu schaffen. Mit Ridley Scott selbst gab es in diesem extrem frühen Stadium noch keine Gespräche.

Dessen Terminpläne sind hoffnungslos überfüllt. Der Regisseur dreht im Augenblick einen Science Fiction Film mit dem Titel Prometheus. Das Drehbuch wurde ursprünglich als Prequel zu einem anderen Filmklassiker genannt: Alien, der 1979 und damit ein paar Jahre vor Blade Runner entstand und seine eigenen Probleme hatte. Der Regisseur dieses Films: Ridley Scott.

Literaturhinweise:

Es gibt viel Literatur zu Philip K. Dick, das meiste davon in Englisch. Speziell zu seinem Leben gilt die Biographie von Sutin als das Standardwerk schlechthin. Zur Geschichte von Blade Runner mit all seinen Streitigkeiten ist das Buch von Paul M. Sammon eine unerschöpfliche Quelle.

Paul M. Sammon: Future Noir – The Making of Blade Runner; Harper Prism 1996; ISBN: 0-06-105314-7

Lawrence Sutin: Philip K. Dick – Göttliche Überfälle, eine Biographie; Frankfurter Verlagsanstalt 1994; ISBN 3-627-10236-3; Hardcover (nur antiquarisch)

Alexander D., Alexander Dolezal

Alexander Dolezal - Viele Jahre im Buchhandel und e-commerce, nebenbei immer wieder Sachartikel und Arbeiten an eigenen Texten. Schließlich ...

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