
- Cover Budde, Blütezeit des Bürgertums - amazon.de
Bürgertum und Bürgerlichkeit sind Begriffe, mit denen Politiker und Medien fast täglich jonglieren. Doch wer oder was ist eigentlich „bürgerlich“? Buddes Buch über die Blütezeit des deutschen Bürgertums im langen 19. Jahrhundert versucht, diese Frage aus der Perspektive der historischen Forschung zu beantworten. Um zu verstehen, was Buddes Einführung in die Bürgertumsforschung leistet und was nicht, müssen vier Vorentscheidungen der Autorin berücksichtigt werden:
1. Das lange 19. Jahrhundert als "Blütezeit"
Wie viele andere Historiker erklärt auch Budde das lange 19. Jahrhundert zwischen Französischer Revolution und Erstem Weltkrieg zur klassischen Epoche des Bürgertums („Blütezeit“). Alles andere wird als Vor- bzw. Nachgeschichte auf wenigen Seiten zusammengedrängt und ist kaum geeignet, all jene, die Interesse an Vormoderne und Zeitgeschichte haben, zu befriedigen.
2. "Citoyen" oder "bourgeois"?
Der deutsche Begriff „Bürgertum“ hat eigentlich zwei Bedeutungen, die erst in der französischen Übersetzung zu Tage treten. Einerseits ist der Bürger „citoyen“, d.h. Mitglied eines politischen Verbandes, andererseits ist er „bourgeois“, d.h. Mitglied einer Sozialformation. Budde erwähnt die Doppelbedeutung (S. 5), beschränkt sich aber fast ausschließlich auf den Bürger als „bourgeois“.
3. Altes oder neues Bürgertum?
Institutionell hat sich die Bürgertumsforschung um die Sonderforschungsbereiche an den Universitäten Frankfurt und Bielefeld herausgebildet, die sich vor allem in der Frage unterscheiden, worin der Ursprung des modernen Bürgertums zu sehen sei. Die Frankfurter Seite erkennt ihn im alten Stadtbürgertum, während die Bielefelder Seite von einem „neuen Bürgertum“ jenseits der Ständegesellschaft ausgeht. Budde folgt der „Bielefelder Schule“ und konzentriert sich auf das Bildungs- und Wirtschaftsbürgertum im langen 19. Jahrhundert, während sie den alten und neuen Mittelstand nicht als „bürgerlich“ begreift.
4. Klasse oder Kultur?
Wird das Bürgertum – nach Karl Marx oder Max Weber – durch eine geteilte sozioökonomische Klassenlage vergemeinschaftet oder – nach Pierre Bourdieu – durch Kultur und Habitus? Budde entscheidet sich für letzteres; das deutet bereits der Untertitel an. Detailliert analysiert sie den „bürgerlichen Wertehimmel“ unter besonderer Berücksichtigung der historischen Anthropologie, Alltags-, Mentalitäts- und Geschlechtergeschichte. Die Rückkopplung der Distinktionsfunktion von Kultur an quantifizierbare sozialgeschichtliche „hard facts“ kommt in Buddes Überblicksdarstellung dagegen zu kurz. Obwohl der „bürgerliche Wertehimmel“ dem Anspruch nach universell war (und ist), blieb seine Trägerschicht doch stets die soziale Klasse des Bürgertums, die sich durch Bildung, Beruf und Einkommen vom Rest der Gesellschaft abhob. Davon geht zwar auch Budde aus, doch der Schwerpunkt ihrer Arbeit ist eindeutig ein kulturgeschichtlicher, während sie das Handwerkszeug der historischen Sozialstrukturanalyse nicht einmal auspackt.
Bürgerlicher Alltag und kulturelle Distinktion
Ein Großteil der Kapitel widmet sich der Geschichte des bürgerlichen Alltags. Dieser sei im 19. Jahrhundert durch die Scheidung in öffentliche und private Sphären entlang einer bipolaren Geschlechterordnung strukturiert gewesen – die dem Mann zugewiesene öffentliche Sphäre der Produktion in Beruf, Vereinsleben und Politik auf der einen Seite und die der Frau zugewiesene private Sphäre der Reproduktion in der Familie auf der anderen Seite. In der Tat war diese Sphärentrennung ein spezifisch bürgerliches Markenzeichen. Weitere Abgrenzungsbemühungen des Bürgertums nach „oben“ zum Adel und nach „unten“ gegenüber Arbeitern und Angestellten verfolgt Budde in Erziehung und Bildung, Kunstverständnis und Mäzenatentum, Geselligkeit und Festen, bis hin zur Geschichte des Duells und des Dienstmädchens. Untermauert wird die Darstellung von zahlreichen gut ausgewählten Quellen, zumeist Selbstzeugnisse, bzw. so genannte „Ego- Dokumente“.
Bürgertum und Religion
Defizite gibt es lediglich in den Abschnitten über Religion und Nationalismus zu bemängeln. Beim Thema Bürgertum und Religion macht es sich Budde zu einfach, wenn sie den Protestantismus zur prototypischen bürgerlichen Religion erklärt. Die Wahlverwandtschaft von Bürgerlichkeit und protestantischer Konfession hat mit der Religionssoziologie eines Max Weber oder Ernst Troeltsch mehr zu tun als mit einer Sozialgeschichte der Religion. „Der“ Protestantismus bestand im 19. Jahrhundert aus einer Vielfalt von Konfessionen, Landeskirchen, theologischen Fraktionen und Frömmigkeitsbewegungen. Ein bürgerliches Profil hatte allein der Kulturprotestantismus. Nach dem Ende des Kulturkampfes bildete sich ein katholisches Bürgertum heraus, das keineswegs der Papstkirche und dem katholischen Milieu vollständig den Rücken kehrte. Auch die Juden kopierten in ihrer Verbürgerlichung keineswegs ein protestantisches Muster.
Bürgertum und Nationalismus
Kein angemessener Raum wird in Buddes Studie dem Nationalismus zugewiesen. Dabei war das Bürgertum – insbesondere das Bildungsbürgertum – Erfinderin und lange Zeit Hauptträgerschicht des Nationalismus. Er bildete, wie Karl Rohe gezeigt hat, den kleinsten gemeinsamen Nenner des ansonsten auseinanderstrebenden bürgerlichen Parteienspektrums von den Linksliberalen bis zu den Konservativen. Auch in der politischen Kultur (Feste, Denkmäler u.a.) gingen Bürgerlichkeit und Nationalismus eine enge Synthese ein. Verheerend wirkten sich vor allem die konsequente Entliberalisierung und Reethnisierung des Nationalismus seit den 1870er Jahren aus. So beförderte die Eingebundenheit des Bürgertums in internationale Strukturen nicht etwa „Weltbürgerlichkeit“, sondern offenbar eher die Idee eines sozialdarwinistischen Wettbewerbs der Nationen, Völker und Rassen.
Die Berücksichtigung der Nationalismusforschung hätte auch der Soderwegdebatte neues Leben einhauchen können. Zu Recht zeigt Budde an Hand internationaler Vergleiche auf, dass von einer Feudalisierung des Bürgertums als Kern eines deutschen „Sonderwegs“ nicht mehr sinnvoll gesprochen werden kann. (S. 125-128) Stattdessen wäre zu fragen gewesen, ob nicht vielleicht eher der Formwandel des deutschen Nationalismus Ende des 19. Jahrhunderts einen Sonderweg im Vergleich mit Westeuropa darstellt.
Bürgertum im 20. Jahrhundert: Niedergang oder Renaissance?
Wie viel haben zwei Weltkriege, Massenwohlstand und Massenkultur im Westen und sozialistische Ideologie im Osten vom Bürgertum des 19. Jahrhunderts übrig gelassen? Wer sich aus welchen Gründen zum Bürgertum (als Sozialformation) zählen darf, ist heute wohl unklarer und umstrittener denn je. Doch trotz aller Krisen und Abgründe des 20. Jahrhunderts, hat der „bürgerliche Wertehimmel“ an Attraktivität kaum eingebüßt. So wird deutlich, worin nach Budde der Kern von „Bürgerlichkeit“ bis heute besteht – in Habitus und Kultur einer „mächtigen Minderheit“. (S. 5)
