
- Sharon Bolton Bluternte Cover - amazon
Die Fletchers wohnen noch nicht lange in Heptonclough. Der zehnjährige Tom und sein vier Jahre jüngerer Bruder Joe sind begeistert von dem Platz, den sie in ihren neuen Zimmern haben. Außerdem können sie draußen spielen - dort liegt zwar direkt der Friedhof, aber das ist ja ein ganz gemütliches Plätzchen, denken die beiden. Zum Ballspielen reicht es allemal. Plötzlich aber geschehen Dinge, die Tom ängstigen - die Stimmen von Menschen erklingen, wo sie nicht erklingen sollten, und er fühlt sich immerzu beobachtet. Manchmal sieht er einen Schatten, einen Schemen, bekommt ihn aber nie zu fassen. Und schlimmer noch: Joe scheint dieses Wesen zu kennen, schweigt aber darüber. Tom ist verwirrt und verärgert: Warum macht Joe ein Geheimnis daraus, und warum hat er keine Angst, während er selbst als der Ältere sich fast zu Tode fürchtet?
Stimmen in der Kirche
Harry, der neue Vikar für Heptonclough, ist ein freundlicher junger Mann. Er lernt Tom und Joe kennen, als er ihnen gegen Rowdys aus der Schule helfen kann, und macht sich schnell ein Bild von den Jugendlichen vor Ort: Sie scheinen ein bisschen wild, und ihre Scherze sind manchmal derber Natur. So glaubt er zunächst an Versteckspiel und Streiche, als er Stimmen und Schritte in der Kirche hört, obwohl er allein zu sein glaubte. Langsam jedoch geht ihm auf, dass es sich um etwas anderes handeln muss, da er niemals jemanden zu Gesicht bekommt.
Und dann sind da diese seltsamen Bräuche im Dorf, die auf lange Traditionen zurückgehen - einiges ist schräg, anderes makaber, und ein paar Dinge überschreiten für Harry die Grenzen des guten Geschmacks. Aber wieviel davon ist Folklore, und wieviel von der bedrohlichen Grundstimmung bildet der junge Geistliche sich ein?
Verwundete Seelen
Harry macht die Bekanntschaft einer junge Frau aus dem Dorf, die schwer verstört ist: Vor einigen Jahren ist ihre kleine Tochter bei einem Brand um Leben gekommen, und statt den Tod des Kindes als Tatsache zu akzeptieren, läuft Gillian noch immer über das Hochmoor und sucht ihre Kleine.
Gillian wird seit kurzem psychologisch betreut: Die Psychiaterin Evi Oliver nimmt sich der Frau an. Sie machen einige Fortschritte, doch kommt es Evi so vor, als verberge die unglückliche Mutter etwas vor ihr. Sie recherchiert auf eigene Faust und findet einige erstaunliche Dinge heraus. Unter anderem fällt ihr auf, dass Gillians Tochter nicht das einzige kleine Mädchen ist, das in den letzten Jahren in Heptonclough gestorben ist: Ein weiteres Mädchen stürzte in der Kirche zu Tode, und eines ist verschwunden. Die kleinen Geschöpfe ließen schwer angeschlagene Familien zurück.
Die Geschichte wiederholt sich
Tom ist sich sicher: Sie sind einer schweren Bedrohung ausgesetzt - sie alle, aber ganz besonders Millie, seine und Joes zwei Jahre alte Schwester. Es scheint Tom so, als sei es gefährlich, in diesem Ort ein kleines Mädchen zu sein.
Das seltsame Wesen, das Joe durch sein Schweigen deckt, muss irgendwie in die Angelegenheit verwickelt sein. Er sieht es nun selbst öfter, wird direkt erschreckt, manchmal ist es vielleicht sogar im Haus - und niemand schenkt ihm Glauben! Seine Eltern schicken ihn zu einer "besonderen" Ärztin, anstatt einfach ordentlich auf Millie aufzupassen, und Joe, der seine Glaubwürdigkeit mit einem Wort wieder herstellen könnte, hält hartnäckig den Mund. Tom ist stinksauer. Es wird ein Unglück passieren, wenn der einzige, der alles richtig machen möchte, ein einsamer Zehnjähriger ist.
Zu Allerseelen spitzt sich die Lage dramatisch zu, und altes Unheil erhebt sein hässliches Gesicht.
Spannung vom ersten bis zum letzten Kapitel
Sharon Bolton hat bereits mehrfach unter Beweis gestellt, dass sie auf dem Gebiet des Psychothrillers ein bemerkenswertes Talent ist. Wie sie Heptonclough zeichnet, ist faszinierend: Einerseits erfährt man von den üblichen mehr oder minder banalen Facetten, aus denen ein Dorf sich zusammenzusetzen pflegt, andererseits jedoch bekommt das Ganze von Anfang an einen schaurien Unterton: Sei es durch die gedankenlose Grausamkeit von Kindern, sei es durch die Eigentümlichkeit der Bräuche vor Ort oder schlicht durch die tragischen Vorkommnisse der Vergangenheit.
Man fühlt mit Tom, Evi und Harry: Etwas ist faul in diesem Dörfchen, doch man kann nicht den Finger darauf legen. Auseinanderzuhalten, was Schabernack ist und was böse Absicht, ist quasi unmöglich. Genausowenig kann man sagen, ob sich nun alles Geschehen rational erklären lassen wird oder ob Übernatürliches das Chaos nur noch mehr verwirrt.
Bolton hat sich wieder mit Sorgfalt der Erstellung ihrer Charaktere gewidmet; sie sind von großer Glaubwürdigeit und in sich homogen. Die Protagonisten sind sympathisch geschaffen, was es um so aufregender macht, dass sie so unheimliche und unschöne Dinge erleben müssen. Man fiebert mit ihnen, wundert und ängstigt sich mit ihnen und legt das Buch erst beiseite, wenn man weiß, was genau ihnen geschieht. Sharon Bolton hat somit exakr das geschafft, was gemeinhin mit einem Thriller bezweckt wird: Sie ruft Schauder hervor, fesselt den Leser ans Buch und verwirrt ihn bis zum Schluss.
Fazit: Daumen hoch! Bluternte ist ein gut gelungener, sehr spannender Vertreter seines Genres.
Sharon Bolton: Bluternte. Manhattan, Feburar 2011. Broschiert, 512 Seiten. Euro 16,99
