Bolanos Telefongespräche

Die wunderbar spröden Erzählungen des Chilenen Roberto Bolano

Telefongespräche - Hanser Verlag
Telefongespräche - Hanser Verlag
Roberto Bolano gehört zu den wichtigsten und zugleich unbekanntesten Autoren Lateinamerikas. Seine "Telefongespräche" sind eine schmerzvoll-schöne Entdeckung.

Zwei Männer treffen einander, irgendwo in einer Großstadt, Madrid, Moskau ,Santiago. In der Regel ist einer der beiden Männer – manchmal auch beide – ein gescheiterter Schriftsteller, der lange, schlechte Gedichte für obskure Literaturzeitschriften verfasst, die keiner lesen will. Oft heißt dieser Schriftsteller Arturo Belano, manchmal auch nur A oder B. „Hast Du Zeit, meine Geschichte anzuhören?“ fragt der eine den anderen und beginnt, zu erzählen. „Ich sah ihn nie wieder“ – so wird die Geschichte enden; auf die eine oder andere Weise. Dazwischen liegt ein kleines, menschliches Universum aus Freundschaft, Verrat, Mord und Liebe. Ein finsteres Universum, in dem keine Frau mehr an Liebe glaubt, kein Schriftsteller mehr an den Erfolg und in dem im Zweifelsfall schnell und pragmatisch getötet wird.

Ein Meister der Lakonie

Die Erzählungen des Chilenen Roberto Bolano, der 2003 nur 50-jährig verstarb, sind spröde, ruppig und geben wenig Anlass zu Hoffnung. Sie handeln von Mördern, Gaunern, Mafiosi, Prostituierten – Gestalten, die dem Zwielicht angehören. Es wird viel und unspektakulär gestorben und gemordet, so zum Beispiel in der Erzählung „Der Schnee“. Rogelio, dessen Job es ist, einem Mafiosi hübsche Mädchen zum Zeitvertreib zu besorgen, verliebt sich in eine dieser Frauen. Natalja, mit ihren 18 Jahren durchaus kein Unschuldslamm, beginnt mit beiden ein Verhältnis. Als der Mafiosi Verdacht zu schöpfen scheint, handelt Rogelio instinktiv: „Plötzlich überfiel mich der Gedanke, Pawlow habe Natalja umgebracht und wolle in dieser Nacht mich umbringen. Ich dachte nicht an die Folgen meines Tuns. Ich machte einen Satz und schnitt ihm die Kehle durch. Die folgende halbe Stunde brachte ich damit zu, meine Spuren zu verwischen. Dann kehrte ich nach Hause zurück und betrank mich.“ So einfach, so fatal. Das Hinsteuern auf die Katastrophe scheint unvermeidlich, lakonisch bemerkt der Erzähler zu Beginn: „Ich hatte eine glückliche Kindheit, was in meinem späteren Leben ohne Folgen geblieben ist.“

Schmerzhaft und voller Rätsel

„Eine ruhige, aber auch seltsame Kindheit“ hat auch Anne Moore, die Heldin der längsten und zugleich letzten der 14 Erzählungen des Bandes. Dennoch ähnelt „Anne Moores Leben“, so der Titel, einer sinn- und ziellosen Irrfahrt von Land zu Land, Mann zu Mann, Desillusionierung zu Desillusionierung. Am Ende der Erzählung hat Annes Schwester sich umgebracht. „Es hat keinen Sinn, diesem Schmerz weiteren Schmerz hinzuzufügen oder dem Schmerz drei winzige Rätsel hinzuzufügen“ schreibt Anne in einem Brief an den Erzähler und dieser räsoniert: „Als wäre der Schmerz nicht Rätsel genug oder als wäre der Schmerz nicht die (rätselhafte) Antwort auf alle Rätsel.“ Schmerzvoll und rätselhaft, so sind die Lebenswege aller dieser Antihelden. Und so rabenschwarz wie die menschlichen Abgründe, die sich vor dem Leser auftun, ist gelegentlich auch Bolanos Humor. Über die Hochzeit seiner Ex-Freundin Clara merkt der Erzähler ungeniert an: „Worüber ich lachen kann, ist ihre Hochzeitsnacht. Am Tag vorher hatte sie eine Hämorrhoidenoperation, weshalb es ihr vermutlich nicht so prächtig ging.“ Es ist kein Zufall, dass die Erzählung, in der die Beschreibung einer Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau am ehesten Liebe ähnelt, von zwei alternden Pornodarstellern handelt. Erst wenn die letzte Illusion zerbrochen, die leiseste Möglichkeit von Glück zerstört worden ist, kann die Wärme des Mitgefühls entstehen, die Bolano für seine Figuren hat, diese an einer gleichgültigen Wirklichkeit gestrandete menschlichen Wracks.

Erfahrungen des Verlassenseins

Im Schmerz des unwiderruflichen Abschieds schwingt die Erfahrung des Verlorenseins, Zerissenseins des Exilanten Bolano mit, der nach dem Militärputsch 1973 nach Mexiko, später nach Spanien emigrierte. Gefängniswächter, Kolloborateure, Revolutionäre sind Figuren, die in seinen Erzählungen auftauchen. Die Erfahrung der Verfolgung und des Exils spiegelt sich in vielen Geschichten.

Es sind Geschichten, die nachwirken.

Roberto Bolano: Telefongespräche. Carl Hanser Verlag. Gebunden. ISBN 3446205268. 19,90 Euro.

Julia Büttner - Hallo! Schön, dass Sie sich für meine Arbeit interessieren. Bei Suite101 schreibe ich über Bildung, Karriere und ...

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