Bombenanschlag auf das Chemnitzer Panzerdenkmal

Die spektakuläre Protestaktion des "Panzersprengers" Josef Kneifel

Blick zum ehemaligen Standort des Panzers - Michael Voigt
Blick zum ehemaligen Standort des Panzers - Michael Voigt
Der missglückte Sprengstoffanschlag auf einen russischen Panzer war in der DDR eine Legende, deren unklare Details nur durch heimliche Mundpropaganda verbreitet wurden.

Legendäre Geschehnisse müssen nicht zwangläufig jahrhundertealt sein. Auch die jüngere Vergangenheit kennt Episoden, die Schaudern oder Schmunzeln erzeugen, unvorstellbar erscheinen und vielleicht sogar ungelöste Rätsel enthalten. Vermutlich überall in Deutschland gibt es solche Besonderheiten regionaler Geschichte. Auch die Stadt Chemnitz kann mit einer derartigen Episode aufwarten. Sie ereignete sich im real existierenden Sozialismus der DDR-Zeit (als Chemnitz offiziell „Karl-Marx-Stadt“ hieß) und wurde damals nur hinter vorgehaltener Hand weitergegeben. Dieser Umstand erzeugte viel blühende Phantasie und reichhaltige Legendenbildung rings um ein verhasstes Monument: Das Panzerdenkmal.

Das Panzerdenkmal von Karl-Marx-Stadt

Am 4. Mai 1975 wurde in Karl-Marx-Stadt ein martialisches „Denkmal“ eingeweiht: Ein gewaltiger Betonsockel, auf dem ein russischer Panzer thronte - der legendäre Typ T34 aus dem Zweiten Weltkrieg. Als Standort wählte man die Ecke Dresdner Straße / Frankenberger Straße. Dort trafen zwei sogenannte Fernverkehrsstraßen (die „Bundesstraßen“ der DDR) aufeinander.

Das seltsame Bauwerk entstand auf Beschluss des sozialistischen Stadtrates und sollte an die „Befreiung“ der Stadt durch die Rote Armee erinnern. Die Sockelinschrift lautete daher: 8. Mai 1945. Tatsächlich waren die Sowjets einst über diese Kreuzung in die Stadt vorgerückt. Von Befreiung konnte dennoch keine Rede sein, denn ursprünglich wurde Chemnitz durch US-Truppen besetzt. Erst nach deren Abzug kam die russische Armee in die Stadt.

Noch ein weiteres Detail des Panzerdenkmals wirkte verstörend: Die Panzerkanone war auf das Stadtzentrum ausgerichtet. Eine subtile Machtdemonstration...

Sprengstoffanschlag auf das Panzermonument

9. März 1980. Gedeckt von permanentem Schneeregen, schleicht sich gegen 21.30 Uhr ein Mann an das Panzerdenkmal heran. Bei sich trägt er eine elf Kilogramm schwere Bombe, die den Panzer vom Sockel holen soll. Ein alter Wecker dient als Zeitzünder. Der Mann platziert den Sprengstoff unter dem Panzer und kehrt zu seinem Trabant in der nahegelegenen Klarastraße zurück. Dort angekommen, hört er einen gewaltigen Knall. Fensterscheiben gehen zu Bruch.

Der Attentäter fährt nach Hause, ohne sich über das Ergebnis der Sprengung zu vergewissern. Dies tut er erst kurze Zeit später, unerkannt und in Begleitung seiner Frau. Ihm bietet sich ein enttäuschendes Bild: Der Panzer steht immer noch auf dem Betonsockel. Allerdings hat die Wucht der Explosion ein Laufrad abgesprengt. Das 250 Kilogramm schwere Bauteil liegt ausgerechnet im Hof der Bezirkspolizeidirektion...

Die Stasi jagt den Täter

Die staatlichen Stellen reagieren prompt. In für DDR-Verhältnisse völlig ungewohnter Eile werden alle sichtbaren Schäden schnellstens beseitigt. Der ideologische Schaden jedoch lässt sich nicht so einfach beheben. Die Mundpropaganda ist schneller als alle Vertuschungsversuche. Immerhin galt der Anschlag einem Symbol der ungeliebten Besatzungsmacht und geschah genau unter den Augen der scheinbar allwissenden Ordnungshüter. Auf den Täter gibt es zudem keinen Hinweis.

Wenige Stunden nach dem Anschlag beginnt ein Spezialkommando der Stasi bereits mit der Fahndung. Mehrere tausend Ermittler sind monatelang im Einsatz. Ihre fieberhafte Tätigkeit füllt 130 Aktenordner. Doch erst, als Gespräche aus der „verwanzten“ Wohnung eines Kirchenmannes abgehört werden, gibt es eine indirekte, aber heiße Spur. Fünf Monate und neun Tage nach der Tat wird der Panzersprenger am 18. August 1980 verhaftet. Sein Name: Josef Kneifel.

Evolution eines Attentäters

Der Täter ist den Staatsorganen nicht unbekannt. 1942 in Niederschlesien geboren, wächst er bei Pflegeeltern auf und absolviert eine Fleischerlehre, später noch die Ausbildung in einem Metallberuf. Er ist zunächst unauffällig. Wie die meisten Schüler der DDR, lässt er die obligatorische Aufnahme in die kommunistische Jugendorganisation FDJ über sich ergehen. Später wird Kneifel sogar „Freiwilliger Helfer der Volkspolizei“. Doch der junge Mann liest auch viel, und das verändert sein Denken. 1968 klebt er Protestplakate gegen die Niederschlagung des „Prager Frühlings“. Einige Jahre später stellt er einen Ausreiseantrag. Kneifel begeht zudem die Todsünde der DDR-Gesellschaft: Er schimpft öffentlich und laut über das System. Zehn Monate lang büßt er dafür mit menschenunwürdiger Haft. Anschließend ist er ein Geächteter. Die DDR, in der es Arbeitslosigkeit angeblich nicht gibt, verweigert ihm zeitweilig eine neue Anstellung. In Josef Kneifel formiert sich erneut Protestwille. Im Herbst 1979 hilft ihm ein Freund beim Bau der Bombe. Ob und wo sie verwendet werden soll, ist noch unklar.

In den Weihnachtstagen des selben Jahres marschiert die Rote Armee in Afghanistan ein. Für Josef Kneifel ergibt sich daraus das Ziel für seine geplante Protestaktion: Der russische Panzer an der Dresdner Straße.

Widerstandskämpfer und Volksheld? Kneifels umstrittene Persönlichkeit

Auf den Tag genau ein Jahr nach seiner Tat wird Josef Kneifel als Terrorist zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt. Seine Haftzeit verbringt er größtenteils im berüchtigten „Gelben Elend“ von Bautzen. Folter, Isolationshaft, Dreck und Krankheit sind seine Begleiter. Er gilt als unverbesserlich, schreit seinen Bewachern unangenehme Wahrheiten ins Gesicht und tritt in Hungerstreik. Sein Fall wird in Westdeutschland publik. Kirchen und Hilfsorganisationen treten für ihn ein. 1987 wird das Ehepaar Kneifel in die BRD abgeschoben. Der abgemagerte und kranke Panzersprenger nimmt auf diese Reise mehreren Narben sowie dauerhaft geschädigte Nieren mit.

Umstritten bleibt seine unangepasste Persönlichkeit jedoch auch nach der Wende. Im wiedervereinigten Deutschland wird Kneifels Geschichte oft publiziert. Manchmal lädt man ihn sogar zu Vorträgen ein. Doch bei aller Sympathie für das Aufbegehren gegen die kommunistischen Machthaber: Ein schaler Beigeschmack bleibt, denn leicht hätten bei dem Sprengstoffanschlag auch Menschen zu Schaden kommen können. Nur der Zufall verhinderte dies. Negative Schlagzeilen machte Joseph Kneifel zudem durch sein Engagement für die HNG, eine rechtspopulistische Gefangenenhilfsorganisation.

Das Ende des Panzerdenkmals

Das Panzerdenkmal indessen stand nach dem Anschlag möglicherweise unter permanenter Bewachung. Angeblich diente ein Türmchen auf dem nahen Polizeigebäude fortan als Beobachtungsstation.

Was Josef Kneifels spektakulärer Anschlag nicht erreicht hatte, die Beseitigung des Panzers, geschah schließlich ganz offiziell. 1991 wurde das „Denkmal“ entfernt. Schrottplatz oder unbekanntes Museum? Die weitere Geschichte des T 34 bleibt verborgen. Auf seinen ehemaligen Standort deutet inzwischen nichts mehr hin. Die Ecke Dresdner Straße / Frankenberger Straße präsentiert sich heute für Uneingeweihte wieder als ganz gewöhnliche Kreuzung.

Michael Voigt, Copyright: Michael Voigt

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