
- Elefanten Statue Afrika Haus - Doris Brandt
Das Spiegel-Hochhaus ist Ausgangspunkt des heutigen Stadtrundganges mit dem Thema „Kontorhäuser in Hamburg“. Der Tross, bestehend aus reifen Bildungsbürgern, setzt sich in Bewegung. Er wird begleitet vom Gezeter einer in die Jahre gekommenen Brigitte-Bardot-Kopie mit überdimensionaler Sonnenbrille, die etwas gegen die Größe der Gruppe hat. Wenn sie sich nicht lautstark beschweren würde, könnte die Stadtführerin astrein verstanden werden.
Was ist ein Kontorhaus?
Ein Kontorhaus ist kein Lagerhaus, wie oftmals angenommen. Große Klinkerbauten mit Namen wie Asia-Haus und Afrika-Haus sollten den Hamburger Kaufleuten Anfang des 20. Jahrhunderts unweit der damals relativ neuen Speicherstadt die Möglichkeit geben, ein Büro (Kontor) zu beziehen. Revolutionär für die Mieter waren Annehmlichkeiten wie Dampfheizung, Rohrpost und Paternoster. Ein Kontorhaus war somit nichts anderes als ein Bürogebäude, das selbständigen Kaufleuten, eine Arbeit abseits der eigenen Wohnung und der Warenlagerung ermöglichte.
Das Spiegel-Hochhaus und der Alte Dovenhof
Hamburgs erstes Kontorhaus hieß Dovenhof. Es wurde an der Hamburger Brandstwiete erbaut und leitete im späten 19. Jahrhundert die Ära der Hamburger Kontorhaus-Architektur ein. 1967 fiel der Dovenhof dem Redaktions-Gebäude des Spiegels zum Opfer. Der damals als „Klotz“ verschriene Dovenhof war nicht mehr zeitgemäß und wurde kurzerhand abgerissen. Dass das 1969 fertiggestellte Bauprojekt des Spiegel-Verlags spontan vielmehr an einen „Klotz“ erinnert, ist damals wohl nicht aufgefallen.
Das Asia-Haus
Das Publikum der heutigen Stadtführung versammelt sich in einem engen Innenhof des 1909 erbauten Asia-Hauses an der Willy-Brandt-Straße. Die schmalen Garagentore in der Fassade des Hauses sind die ehemaligen Türen der Pferdeställe. Das Haus wurde immerhin in einer Zeit erbaut, in der eine Pferdestärke noch voll ausreichend war. Am heutigen Tag versuchen sich hingegen die 340 PS des BMW Z3 ambitioniert aus der ehemaligen Stalltür herauszupellen und nehmen dabei fast Brigitte Bardot auf den Kühler. Leider nur fast.
Im Inneren des Hauses verlaufen Endlos-Flure in gedimmten Licht, von denen in kleinen Abständen endlos viele Türen abgehen. Die Szenerie bildet eine Mischung aus dem Fritz Lang Film-Klassiker „Metropolis“ und einem Spital des frühen 20. Jahrhunderts. Es fehlt nur noch die Schwester mit Häubchen und Ätherflasche aus braunem Glas.
Wie die Faust aufs Auge oder die Äthermaske aufs Gesicht passt die Tatschache, dass Filmszenen aus den deutschen Edgar Wallace Filmproduktionen kostengünstig genau hier gedreht wurden. Unabhängig von den Dreharbeiten aber durchaus vorstellbar wurde auch einmal eine echte Leiche im Tresor des Asia-Hauses gefunden.
Der Laeisz- Hof
An der Trostbrücke gelegen, über die schon Alt-Hamburger Klaus Störtebecker zu seiner Hinrichtung geleitet wurde, gab die Reeder Familie Laeisz 1897 den Bau eines neuen Kontorhauses in Auftrag. Auf dem Mittelgiebel des Bauwerkers am Nikolai-Fleet thront die Skulptur eines Pudels. Modell für den Hund auf dem Dach des Kontorhauses stand die damalige Schwiegermutter Laeisz, die sich mit einer sehr opulenten Lockenfrisur schmückte und daher Pudel genannt wurde. Aus diesem Grunde beginnen alle Namen der Laeisz-Schiffe noch heute mit dem Buchstaben „P“ . Die wohl bekanntesten Schiffe sind bzw. waren die Segelschiffe Passat und Pamir. Der Laeisz-Hof wartet mit einem fast kirchenähnlichen, weißen, ovalen Treppenhaus auf, das nur noch durch den Paternoster ausgestochen wird, in dem gerade eine quieckende japanische Reisegruppe verschwindet.
Das Afrika-Haus
Das Afrika-Haus wurde 1899 an der großen Reichenstraße nach den Plänen des Architekten Martin Haller als Firmensitz der Reederei Woermann erbaut. Der Hamburger Reeder Adolph Woermann errang eher zweifelhaften Ruhm, da er maßgeblich an der Einrichtung der deutschen Kolonien in Afrika beteiligt war. Das Kontorhaus empfängt mit einer Statue eines afrikanischen Kriegers. Brigitte Bardot lässt es sich natürlich nicht nehmen, über das Hinterteil dieser Statue zu sinnieren. Erwähnenswert ist der schöne Innenhof des Gebäudes mit zwei lebensgroßen Elefanten-Statuen. Im zweiten Weltkrieg ist das Gebäude –bis auf die Elefanten- sehr in Mitleidenschaft gezogen und später wieder aufgebaut worden.
Der Meßberghof
Fast unscheinbar hängt eine Tafel an der Außenfassade des Meßberg-Hofes an der U-Bahnstation Meßberg. Auf den ersten Blick eine einfache Informationstafel, auf den zweiten Blick jedoch handelt es sich um eine mit Blumen geschmückte Gedenktafel. Zu den Mietern der 1930er im Meßberghof zählte nämlich auch die Firma Tesch und Stabenow, die während des Nationalsozialismus Konzentrationslager mit dem Todes-Gift Zyklon B belieferte. Die von der Kulturbehörde Hamburg geplante Gedenktafel stieß in den 1990ern bei den neuen Hauseigentümern auf Unmut, da „die Informationstafel eine zügige Vermietung voraussichtlich behindern würde ...“. Nach einigem Hin – und Her konnte eine dezente Tafel an der Außenwand durchgesetzt werden.
Der Meßberghof verfügt mit Abstand über das höchste Treppenhaus, das sich wie Riesenschnecken-Haus bis unter die Kuppel windet. Leider verfügt das Gebäude heute über keinen Paternoster mehr, der von den damaligen Angestellten „Prolleten-Bagger“ genannt wurde. Auch für den Fahrstuhl, der den Führungskräften vorbehalten war, gab es natürlich einen Namen: „Bonzen-Heber“.
Das Chilehaus
Der wohl bekannteste Schiffsbug, der keiner ist. Das Chilehaus wurde von dem Hamburger Architekten Fritz Höger entworfen und 1924 fertiggestellt. Der Name Chilehaus rührt vom Auftraggeber her. Bauherr war der Reeder Henry B. Sloman, der sein Vermögen mit dem Handel von Salpeter aus Chile erlangt hatte. Die ausgeklügelte Architektur birgt viele optische Raffinessen und Spielereien. Einem Betrachter, der direkt an der Spitze, also am „Bug“ des Gebäudes steht, ist es nicht möglich, auch nur ein Fenster an den Seitenfassaden zu erblicken. Obwohl zahlreiche Fenster vorhanden sind, erscheinen die nach rechts und links abspreitzenden Fassaden fensterlos. So wird der Eindruck eines imposanten Schiffbugs gewahrt.
Der Sprinkenhof
Die Tour endet im imposanten Innenhof eines der größten Kontorhäuser Europas, dem Sprinkenhof. Das neunstöckige Kontorhaus wurde in drei Bauabschnitten in einem langen Zeitraum zwischen 1927 und 1943 erbaut. Auch hier wie im benachbarten Chilehaus war der Architekt Fritz Höger mit am Werk. Das beeindruckende an der Fassade im rautenförmigen Klinkermuster sind die unzähligen weißen Fenster in kleinen Abständen, die nur von Fassadenschmuck aus Klinker und Terrakotta voneinander getrennt sind. Die Terrakotten spiegeln die Berufszweige der hier ansässigen Kontore wider: Schifffahrt, Handel und Handwerk.
Am Ende des sehr interessanten und mit vielen Anekdoten angereicherten Stadtrundganges, hat die Architektur interessierte Gruppe ein Erfolgserlebnis zu verzeichnen: Brigitte Bardot konnte unauffällig auf der Strecke gelassen werden. Wahrscheinlich fährt sie noch immer Paternoster in einer Endlosschleife.
