Noch bis vor kurzem sahen die Medien die Internate im Aufwind. Von einem wahren Run auf noble Erziehungsstätten war die Rede. Flankiert wurde dies von einem konzertierten Bashing staatlicher Schulen. „Pisa und Lehrermangel“, so der Tenor der gezielten Desinformationskampagne, hätten die öffentlichen Lehranstalten „in die Krise“ gestürzt. Verunsicherte Eltern und Schüler würden nun von privaten Anbietern umworben – mit kleineren Klassen, individueller Förderung und Spezialprogrammen für besonders Begabte.
Keine statistischen Belege für einen allgemeinen Internatsboom
In aller Regel fehlten allerdings die statistischen Belege. Stattdessen wurden Analogieschlüsse gezogen aus den Gründungsaktivitäten und der Nachfrageentwicklung im Bereich der privaten Tages- und Ganztagsschulen. Eine vergleichbare Gründungswelle privater Internatsschulen mit allgemeinbildendem Unterrichtsangebot hat es dagegen nie gegeben. Geboomt haben einzig und allein die Sportinternate. Die schossen tatsächlich wie die sprichwörtlichen Pilze aus dem Boden.
Mit einer Krise des staatlichen Schulwesens hat der enorme Zuwachs bei den Sportinternaten nicht das Geringste zu tun. Er resultierte allein aus der sportfachlichen Erkenntnis, dass die stetig steigenden Trainingsanforderungen und ein gnadenloser internationaler Wettbewerb neue Anstrengungen erforderlich machen, um den Sport-Nachwuchs gezielter und effektiver zur Leistungsspitze führen zu können. Die hohe staatliche Bezuschussung von Neubauprojekten (70 Prozent der Baukosten etwa in Nordrhein-Westfalen), die aus dem Konjunkturpaket II abrufbaren Mittel und die noch immer reichlich sprudelnden Geldquellen aus Sportförderung und privatem Sponsoring haben die Entwicklung zusätzlich angeheizt. Und ein Ende des Gründungsbooms ist noch nicht abzusehen.
Sportinternate ersparen hohe Kaufsummen für etablierte Stars
Namhafte Sportverbände und -vereine setzen immer stärker auf eine „hausgemachte Nachwuchs- und Talentförderung“. Denn es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass die Aufzucht von Spitzentalenten in eigenen Internaten nicht nur aus sportlicher Sicht hoch effektiv ist, sondern sich mittel- und langfristig auch wirtschaftlich auszahlt. Fußball-Bundesligisten wie der HSV oder Bayern München haben schon relativ früh eigene Internate eingerichtet, um durch den Mannschaftsaufbau von unten die Ausgaben für den Zukauf etablierter Stars reduzieren zu können. Dieses Modell setzt sich inzwischen auch in vielen anderen Sparten durch, und selbst kleinere Vereine starten mittlerweile verstärkt Internatsprojekte, um Talente durch eine Kombination von Intensivtraining und „betreutem Wohnen“ ganzheitlicher zu fördern sowie langfristig zu binden.
Wer angesichts wachsender Konkurrenz Spitzentalente anlocken will, muss auch in Zukunft ein ideales sportliches und soziales Umfeld bieten. Qualifizierte Internate in unmittelbarer Nähe von Sportstätten und Schulen sind aus der Nachwuchsförderung kaum noch wegzudenken. Dies setzt allerdings einen intensiven Lernprozess voraus. So wurde der notwendige Betreuungs- und Personalaufwand für die jungen Sportler in der Vergangenheit häufig unterschätzt. Dies führte zu pädagogischen Problemen (Disziplinlosigkeit, mangelhafte schulische Betreuung) oder wirtschaftlichen Engpässen. Sportinternate stehen unter einem hohen Erfolgsdruck. Stimmen die Rahmenbedingungen nicht, wandern die Talente ab. Bleiben die sportlichen Erfolge aus, gehen Zuschüsse und Sponsorengelder verloren.
Internatsprojekte nicht ohne finanzielle Risiken
Mit der Ausweitung des Angebots verschärft sich die Konkurrenz unter den Sportinternaten. Nach einer Welle der Neugründungen könnte es schon bald zu einer größeren Anzahl von Schließungen kommen. Das betrifft vor allem solche Projekte, die nicht langfristig und solide finanziert sind. Wo die Abhängigkeit von Sponsoren aus der Wirtschaft zu groß ist, droht vielleicht bei der nächsten Konjunkturdelle schon das Aus. Diese Erfahrung musste unter anderem die Stadt Ludwigsburg machen. Das zu Schuljahresbeginn 2009/2010 neu eröffnete Wohnheim mit Platz für 21 junge Sportler und den Schwerpunkt-Sportarten Basketball, Tanz, Leichtathletik und Tennis wurde von den Sportverbänden nicht im erhofften Umfang angenommen. Zudem wurde der erforderliche Personalaufwand für die ganztägige Betreuung unterschätzt. Schnell summierte sich das Defizit des ersten Betriebsjahrs auf 30.000 Euro, dessen Abdeckung nur mit Hilfe privater Geldgeber aus der Wirtschaft möglich ist.
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