Boomtown Jena

Thüringens Vorzeigestadt in Sachen Lebensqualität

Ernst-Abbe-Platz mit Straßenbahn und Konsumcenter - Nils Bräutigam
Ernst-Abbe-Platz mit Straßenbahn und Konsumcenter - Nils Bräutigam
Die Stadt mit der zweithöchsten Kaufkraft der neuen Bundesländer hebt sich von allen anderen ab, nicht nur auf Grund der wirtschaftlichen Entwicklung.

Majestätisch erhebt er sich über die Jenaer Altstadt, die dunkle Glasfassade schimmert im Sonnenlicht und hoch oben auf der Dachterrasse schauen die Touristen auf die Saalemetropole Jena. Der ehemalige Uni-Turm trägt heute den Namen JenTower und steht wie kaum etwas anderes in Jena für den Wandel nach der politischen Wende. Gleich nebenan ist aus den ehemaligen Carl-Zeiß-Werken ein neues Einkaufszentrum geworden und nur einen Steinwurf entfernt wimmeln die Studenten über den heimlichen Campus der Universität. In der anderen Richtung liegt die Altstadt, oder besser, das, was von ihr stehen gelassen wurde, als in den siebziger Jahren ein Teil des Stadtkern zu einem riesigen Parkplatz unterhalb des gerade errichteten Uni-Turms planiert wurde. Mitten auf dem Marktplatz steht das Denkmal von Johann Friedrichs I. des Großmütigen, auch „Hanfried“ genannt, dem Gründer der Universität im Jahre 1558. Sie ist damit eine der ältesten in Deutschland und bestimmt mit ihren vielen tausend Studenten das Leben in der Stadt entlang der Saale.

Der erste Eindruck trübt

Von der Autobahn aus sieht man nicht viel vom bunten Treiben, von den Kneipen und Cafés, dem Theater und den Programmkinos. Zwischen dem Stadtkern und der stark befahrenen Autobahn liegt das riesige Wohngebiet Lobeda mit seinen eher abschreckenden Betonklötzen. Dass das Bild Jenas durch diese Ansicht getrübt wurde, wussten die Stadtplaner schon länger und so nutzten sie den fälligen Ausbau der Autobahn samt neuer Brücke über das Saaletal zur Errichtung eines Tunnels. Dieser soll aber vor allem die Anwohner vor dem immer stärker werdenden Verkehr schützen. Lässt man den Blick aber vorbei an den grauen Massen entlang der Saale wandern, so ragen die vier Beleuchtungstürme des Fußballstadions heraus. Dort spielt der ruhmreiche Fußballclub, der die Stadt vor rund 30 Jahren europaweit bekannt machte und heute in niederen Ligen gegen die Widrigkeiten des Alltags kämpft. Die ganz Großen des kontinentalen Fußballs waren hier zu Gast, ob aus Rom oder Barcelona, und mussten sich den damaligen Amateuren aus der beschaulichen Fußballprovinz geschlagen geben.

Sommerliches Kulturspektakel als Anziehungspunkt

Heute erinnern sich nur noch die älteren Semester an die glorreiche Zeit, wenngleich die Organisatoren der Kulturarena im vergangenen August eines der wichtigsten Spiele als Höhepunkt ihrer Veranstaltung noch einmal übertrugen. Über 10.000 Menschen wollten das Spektakel erleben, wobei nur ein geringer Anteil in den Veranstaltungsort, dem Theater direkt in der City, passten. Der Rest saß auf den Straßen und Bürgersteigen ringsherum. Überhaupt entpuppen sich die fünf Wochen der Kulturarena immer mehr als kulturelles Glanzlicht der Stadt. Es sind die eigenwilligen Konzeptionen der Künstler, die verborgenen Schätze der Filmbranche und die unkonventionellen Inszenierungen des Theaterensembles, die jeden Tag der Kulturwochen zu einer interessanten Bereicherung werden lassen. Da öffnet „Wilhelm Tell“ den Reigen und es folgen deutsche Reggaemusiker, norwegisches Programmkino, eine stimmgewaltige Sängerin aus Island und venezolanische Spaßmusiker. Am Ende der fünf bunten Wochen im Sommer verzeichneten die Organisatoren fast 70.000 Besucher und die Stadt Jena einen unglaublichen Imagegewinn.

„Paradiesische“ Zustände in mitten der Stadt

Dabei sind die hervorragende wirtschaftliche Situation und die kulturelle Vielfalt nicht die einzigen Gründe für eine zufrieden stellende Wohnumgebung. Gleich an der Innenstadt liegt die grüne Lunge der Metropole. Weite Wiesen durchziehen beide Ufer der Saale und geben den Einwohnern die Möglichkeit auf kurzen Wegen direkt in die Natur zu kommen. Im Sommer nutzen vor allem die Studenten das „Paradies“ um zu lernen oder sich auszuruhen. Am Wochenende dann bietet es Platz für Familien, die mit ihren Kindern einen Ort zum Spielen und Toben suchen. Auf Grund der gestiegenen Mieten im Zentrum weichen die zugezogenen und die neuen Studenten häufiger auf die etwas entfernten Stadtteile, wie das beschauliche Ziegenhain, das stetig wachsende Cospeda oder gar das winzige Vollradisroda aus, sodass das Wachstum auch in die Peripherie getragen wird. Möglich gemacht wird das durch ein wohldurchdachtes Netz von Buslinien und Straßenbahn. Erst kürzlich wurde im südlichen Teil Jenas ein Ring geschlossen, der das Wohngebiet Lobeda und das Gewerbegebiet Göschwitz inklusive des dortigen Bahnkreuzes an die Innenstadt anbindet.

Unterstützung für Franken

Während andere Regionen der ehemaligen DDR mit dem Erbe der Diktatur kämpften, wurden in Jena Akzente gesetzt. Schon vor dem Mauerfall erkannten die Stadtväter das Potential einer Städteverbindung mit den alten Bundesländern und fanden mit Erlangen einen verlässlichen Partner. Die frappierende Ähnlichkeit der beiden Städte wird an jeder Stelle deutlich. Hier herrschte staatlich gelenkte Großindustrie und groß angelegte Wohngebiete, dort entstand ein privater Weltkonzern. Beide bestimmen heute das Bild der beiden Städte mit jeweils rund 100.000 Einwohnern. Auch die ansässigen Universitäten tragen einen erheblichen Teil zum Stadtbild bei, bringen die zahlreichen Studenten doch ein jugendliches Flair mit. So entwickeln sich in rund 200 Kilometer Entfernung zwei ehemalige Industriezentren zu modernen und lebendigen Städten mit enormer Anziehungskraft.

Ein komplettes Paket Leben

Jena hat die schwierige Kehrtwendung erfolgreich geschafft! Aus der ehemals grauen Industriestadt ist eine moderne Universitätsmetropole geworden, mit einem bunten Leben, viel Kultur und einem überragendem Sportangebot. Es wundert daher auch niemanden, dass deutschlandweit Jena bereits als „Boomtown“ bezeichnet wird. Das alles sehen die Besucher hoch oben auf der Terrasse des JenTowers und machen sich hinab auf den Weg vom Blick über die Kernberge hinein in den Trubel der Großstadt.

Portrait Nils Bräutigam, Nils Bräutigam

Nils Bräutigam - Im Journalismus bin ich ein echter Quereinsteiger. Bis jetzt war das Schreiben eine Art Ablenkung oder ehrenamtliche Aufgabe, aber nun ...

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