„Für mich gibt es keine Kompromisse!“ In der Gedankenwelt eines „Bordi’s“, wie sich viele Patienten mit der Diagnose „Borderline“ gelegentlich selbst bezeichnen, gibt es oft nur „entweder / oder“ – „schwarz oder weiß“. Zwischentöne werden selten wahrgenommen und so interpretiert, wie es die meisten anderen Menschen tun würden.
„Da ist dieser Panther in mir!“
Dauerhaft im Spannungsfeld der Gegensätze zu leben verlangt nach dramatischen Ausdrucksformen. Bedrohliche Impulsdurchbrüche und (selbst-)zerstörerisches Verhalten irritieren die Menschen, die Bordi’s in solchen extremen Phasen erleben. Schätzungsweise 2 bis 3 Prozent der Bevölkerung leben in einer Welt, in der die Graustufen fehlen, Liebe und Hass untrennbar miteinander verwoben scheinen. Impulsivität, mangelnde Selbstkontrolle und starke Stimmungsschwankungen kennzeichnen eine Störung, die in der psychiatrischen Medizin mit dem Begriff „Borderline-Persönlichkeitsstörung" (BPS), kurz Borderline oder auch als "emotional instabile Persönlichkeitsstörung" bezeichnet wird. Wie ein wildes Tier im Käfig fühlt sich manch Leidtragender hoffnungslos und wie gelähmt, aber doch mit großer Kraft und willensstark, ähnlich wie Rainer Maria Rilke dies in seinem Gedicht „Der Panther“ beschreibt.
Die „Borderline-Persönlichkeitsstörung“ (BPS)
Ursprünglich verwendet wurde der Ausdruck „Borderline“, um grenzgängerische Patienten zu beschreiben, deren Krankheitsbild sich zwischen Psychose und Neurose zu bewegen scheint. Erst in den letzten Jahrzehnten hat sich ein modernes Verständnis der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) entwickelt. Der Begriff „Borderline“ als Krankheitsbild ist nach wie vor umstritten, eine eindeutige, allseits anerkannte Definition schwierig. Manche Kritiker des Begriffs meinen gar, es handle bei BPS sich um eine Modediagnose, hinter der sich in Wirklichkeit ein anderes Leiden verberge. Zwar lässt sich trefflich darüber streiten, warum gerade in modernen Industriegesellschaften diese Störung so weit verbreitet ist. Aber ihre Existenz ist unbestreitbar. Nach der DSM-IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders), dem Klassifikationssystem der American Psychiatric Association, ist eine erhebliche Instabilität bezeichnend für diese seelische Andersartigkeit, vor allem im Bereich des eigenen Selbstbildes, der Gefühlslage, der zwischenmenschlichen Beziehungen und der Impulskontrolle. Symptome wie bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen wurden schon vor über 100 Jahren beschrieben und damals meist als Hysterie interpretiert (Freud). Eine bedeutsame Rolle bei den Ursachen einer BPS scheinen Traumatisierungen zu spielen. Sexueller Missbrauch und das Erleben körperlicher Gewalt besonders auch in frühkindlichen Entwicklungsstadien gelten unter Experten als häufig zu beobachtende Faktoren, die eine solche Störung begünstigen.
Die Behandlung von BPS im Akutbereich
Aus dem hohen Grad der Anspannung, dem BPS-Patienten die meiste Zeit des Tages ausgesetzt sind, resultiert oft extremes Verhalten mit Selbstverletzung und seltener Fremdaggression, so dass viele der Betroffenen wiederholt in den geschlossenen Abteilungen der Psychiatrie behandelt werden müssen. Anders als auf spezialisierten Stationen ist auf Akutstationen das Setting für den Borderline-Patienten in der Regel nicht optimal. Verschiedene psychiatrische Erkrankungen (Psychosen, Sucht, Depression) werden hier in der Akutphase behandelt. Allgemeine Unruhe, Personalmangel und wechselnde Bezugspersonen führen oft zu einem Anstieg des selbstverletzenden Verhaltens. Dennoch lässt sich die Behandlung auf einer „beschützenden“ Station nicht immer vermeiden.
Die Wege aus der Krise gestalten sich oft schwierig und mühsam für alle Beteiligten. Doch durch eine individuelle Pharmakotherapie sowie psycho- und verhaltenstherapeutische Maßnahmen werden inzwischen gute Erfolge erzielt, so dass die meisten Betroffenen irgendwann ein "normales" Leben führen können.
