AVIGNONs Festival begann spektakulär. Boris Charmatz und seiner Compagnie gelang es, das Publikum mit „enfant“ („kind“) zu polarisieren. Ein paar Zuschauer gingen während der gut einstündigen Uraufführung am Donnerstagabend im Ehrenhof des Papstpalastes, die Mehrheit jedoch war begeistert, feiert das Ensemble, konnte aber erbitterte Buhrufe nicht übertönen.
Charmatz leitet das Choreographische Zentrum in Rennes. Der 38jährige, ein radikaler Vertreter des Tanztheaters, ist in diesem Jahr künstlerischer Berater (artiste associé) des Festival d’Avignon, des berühmtesten französischen Sommerfestivals mit weltweiter Ausstrahlung. Wer als Zuschauer in den riesigen Ehrenhof kam und seinen Platz gefunden hatte, konnte in der Mitte der riesigen Bühne fremdartige Maschinen bestaunen (Bühnenbild: Artefact und Frédéric Vannieuwenhuyse).
Proteste
Das Theater begann, bevor die Aufführung anfing: Ein Vertreter der Künstler ergriff das Wort und plädierte für eine großzügige Kulturpolitik. Er bekam viel Beifall, eine Regierungsvertreterin wurde ausgebuht, was als Reaktion Beifall bei den Rechten provozierte. Schon bevor die Aufführung begann, war die Atmosphäre geladen.
Dann nahm die erste Maschine, die entfernt einem Kran ähnelte, die Arbeit auf, riss Klebefäden ab und bemächtigte sich schließlich eines Tänzers, der am Boden gelegen hatte – kaum sichtbar, er war schwarz gekleidet und hob sich so nur wenig vom schwarzen Tanzboden ab. Eine Tänzerin wurde zu einer Maschine gehievt, die wie eine Rolltreppe ohne Stufen nach oben lief und sie emportrug, bis sie von oben wieder herab kollerte. Unten wartete die dritte Maschine, ein Boden, der zu zittern begann, so dass, wer darauf lag, durchgeschüttelt wurde.
Kraft- und orientierungslos
Die Tänzer wirkten völlig kraftlos und ließen sich die Zumutungen der Maschinen gefallen – als ob es so sein müsste. Dann kamen Kinder ins Spiel („enfant“) – neun Erwachsene und 27 Kinder zwischen sechs und zwölf bildeten das Ensemble. Wobei von Ensemble keine Rede sein konnte. Niemand wirkte hier mit jemand anderem zusammen, jeder blieb bei sich, isoliert, völlig orientierungslos. Die Erwachsenen behandelten die Kinder wie Objekte ohne jedes Verständnis dafür, dass sie lebendige Geschöpfe sind – und die Kinder waren schlaff, als wären sie lebende Leichen. Olivier Renouf, für den Ton verantwortlich, weigerte sich, Musik einzuspielen, wie sein Chef sich weigerte, seine Leute tanzen zu lassen. Er hatte in seinem Computer Geräusche, das Kreischen von Möwen war nicht das Schlimmste. Ein Dudelsackspieler trat auf, dessen Instrument alle Blasinstrumente der Welt vor Scham erröten ließ, und machte einen Kopfschmerzen verursachenden, nicht enden wollenden Höllenlärm. Dieser Kakophonie konnte sich niemand auf der Bühne entziehen, der Dudelsackpfeifer entpuppte ich als Rattenfänger von Hameln, alle taumelten hinter ihm her – eine eminent politische Stelle in dem absurden Tanztheaterabend, an dem Samuel Beckett seine helle Freude gehabt hätte. Bevor der Abend seinem Schluss zu taumelte, hatte er noch Bilder von der schlecht erzogenen Jugend im Vorrat. Die hatten – bei den Eltern - nie so etwas wie Gemeinschaftssinn entwickelt, von Liebe und Solidarität kann nicht einmal ansatzweise die Rede sein. Und so saßen sie anteilslos dabei, als die Alten in schrecklichen Verzerrungen auf der Bühne herumlagen. Der Abend endete nicht, ebenso wenig wie er angefangen hatte. Er brach ab – und dann zankte sich das Publikum, ob man nun einem spektakulären Meisterwerk beigewohnt hatte oder der Verletzung und Hinrichtung aller guten Tanzgeister.
Empört euch!
Der Abend war hochoriginell und kann unschwer als scharfe, polemische und leidenschaftliche Kritik an unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit gelesen werden. Der Gestus ist der von Stéphane Hessels viel gelesener Streitschrift „Empört euch!“ Trotz der untröstlich-absurden Grundierung hatte „enfant“ Humor – eine tragische Farce. Die Tänzerinnen und Tänzer haben ihre Aufgaben meisterhaft gelöst, die Kinder waren einfach toll – was wir ihnen antun mit der augenblicklichen, vom Neoliberalismus verursachten Verrohung, wurde so schmerzhaft spürbar, weil die Kinder so nett aussahen, sie verkörperten die Potentiale des Guten – und alle Möglichkeiten wurden ohne Sinn und Verstand verspielt. Einmal wollte ein Rotschopf abhauen, von der Bühne weglaufen. Vergeblich. Ein Erwachsener fing den flüchtenden Rebellen rasch wieder ein.
Borris Charmatz hat einen großartigen Tanzabend geschaffen. Dass er das Publikum polarisierte, beweist den Wert des Choreographen. Er ist kompromisslos – eine Kampfansage, eine Anklage, der Gestus ist unversöhnlich. Ich hatte den Eindruck, einem besonderen Moment beizuwohnen. So könnte es gewesen sein, als Pina Bausch mit ihrem Tanztheater zum ersten Mal ihr vom Ballett jahrelang eingelulltes Publikum mit einem Tanzabend verstörte.
Dies war der eigentliche Anfang des Festivals. Die Premieren am Vortag blieben weit hinter der Kraft und Originalität von „enfant“ zurück: „Jan Karski“ nach dem gleichnamigen Roman von Yannick Haenel war ohne wirkliche Konzentration, „Der Selbstmörder“ von Nicolai Erdmann blieb in Patrick Pineaus Inszenierung wacker, aber ohne wirkliche Originalität. Boris Charmatz hat das Niveau getroffen, das von einem Fünfsternefestival wie dem in Avignon erwartet werden darf.
Dank Boris Charmatz leuchtet Avignon.
Internet: www.festival-avignon.com
„enfant“ wird auch in Deutschland gezeigt: Im Rahmen des Internationalen Sommerfestivals in Hamburg am 23. und 24. August auf Kampnagel
