
- Pasternak, Roman, Doktor Schiwago, Anklage - Katharina Wieland Müller
Mit dem ergreifenden, großartig erzählten Roman „Doktor Schiwago“ erreichte Boris Pasternak (1890-1960) den Gipfel seiner Kunst. Dieser zählt zu den „größten Romanen[n] der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts“.
Boris Pasternak: eine Kurzbiographie
Der Dichter Boris Pasternak war dem europäischen Geistesleben tief verbunden. Er wurde 1890 als Sohn eines russisch-jüdischen Malers und einer erfolgreichen Pianistin in Moskau geboren, studierte unter anderem in Marburg und lernte in seinem Elternhaus den wahrscheinlich bedeutendsten Dichter deutscher Sprache, Rainer Maria Rilke, kennen, dem er geistig nahe steht.
Pasternak trat in Russland vor und noch einige Zeit nach dem Umsturz von 1917 (Oktoberrevolution) als Lyriker und als Übersetzer von Shakespeare, Goethe, Rilke, Kleist, Verlaine und Molière hervor. Sein Schaffen ist aber immer wieder durch jahrelanges Schweigen unterbrochen. Er führte ein zurückgezogenes Leben in seinem Landhaus Peredelkino bei Moskau, bis 1957 das Erscheinen seines Romans „Doktor Schiwago“ verhängnisvolle Unruhe in die letzten Jahre seines Lebens brachte. 1958 wurde ihm durch Verleihung des Nobelpreises mehr Schaden als Freude zugefügt. Er starb nach Jahren schwerer Sorge um sein Leben, sein Verbleiben in der Heimat und seine Schaffensruhe 1969 in seinem Landhaus.
Boris Pasternak und sein Roman „Doktor Schiwago“
Der Roman „Doktor Schiwago“ (1957) ist zuerst in Italien erschienen und hat dann in der ganzen Welt großes Aufsehen erregt. „Dies geschah aber nicht bloß wegen seiner künstlerischen Kraft, sondern vor allem seiner von einer geschäftstüchtigen Propaganda noch besonders aufgeblähten Sonderstellung im russischen Schrifttum der Gegenwart wegen“.
Der Roman gibt ein Bild der Zeit 1909 bis 1929 und reicht mit andeutenden Sichten bis 1943. Jura Schiwago stammt aus einem einst vermögenden, dann verarmten großbürgerlichen russischen Haus. Er wird, früh verwaist, durch Verwandte und Gönner aufgezogen, wird Arzt, ist aber vor allem Künstler und stark gefühlsbetont. So gerät er in die Wirren der Oktoberrevolution, in den Moskauer Hunger-Herbst von 1917, zwischen die Bürgerkriegsfronten von Rot und Weiß, in ein sibirisches Partisanenlager, in den Wirrwarr der Jahre 1922/29 in Moskau. Er erlebt den Revolutionswahnsinn der Epoche, der alle zu Wahnsinnigen und Rasenden macht. Mit dem äußeren Durcheinander kommt auch Schiwagos inneres Erleben in Bedrängnis. Als Gefühlsmensch wird er hin und her geworfen nicht nur durch die politischen Geschehnisse, sondern auch in seiner Liebe. Er schwankt zwischen seiner klaren, auf einen rechten Weg eingestellten Frau Tonja und der von dunklen Schicksalen umwitterten, aufwühlenden Lara. Sie erscheint geradezu als ein Symbol des seelentiefen, aber auch unberechenbaren Russland.
Schiwagos Gegenbilder sind sein ehemaliger Jugendfreund, der spätere hundertprozentige Funktionär und Erschießer Antipov-Strelnikov, und der im Hintergrund Politik machende, dämonische Geld- und Machtmensch Komarowskij.
Vereinsamt, von allen getrennt, erlischt Doktor Schiwago schließlich in einer Kammer in Moskau, ein Geschöpf, das Mensch sein wollte und dem Unmenschlichen rund um sich nicht gewachsen war: „Die Mehrzahl der Menschen ist heute zu dauernder, bis zum System perfektionierter Heuchelei gezwungen. Ohne Folgen für die Gesundheit kann man nicht Tag für Tag genau das Gegenteil von dem tun, was man empfindet, mit Leib und Seele für das einstehen, was man nicht liebt, sich freuen über das, was einem Unglück bringt (…)“.
Der Roman „Doktor Schiwago“ ist eine Anklage gegen die Welt
Der Roman „Doktor Schiwago“ ist eine Anklage gegen die Welt, in der das Gefühl der erhabenen Reinheit des Lebens nicht mehr aufkommen kann. In breithinströmenden Bildern und Szenen entrollt sich eine weltgeschichtliche Ereignisfolge, in die ein Mensch gestellt ist. Aus der Sintflut der Unmenschlichkeit dringt zu uns eine menschliche Stimme. Die Gestalten stehen entweder leidend dem unmenschlichen geschehen gegenüber, oder sie verlieren ihr Menschentum, in dem sie sich ihm verschreiben.
Bildnachweis: © by Katharina Wieland Müller/pixelio.de
Quellen:
Kuschel, Karl-Josef: Jesus im Spiegel der Weltliteratur. Eine Jahrhundertbilanz in Texten und Einführungen. Artikel: „Das Christentum als Mysterium der freien Person: Pasternak“, Seite 555-578, Düsseldorf 1999. [Zitat: „größten Romanen[n] der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts“: Seite 555].
Opitz, Roland: Russische Dichter. Puschkin, Lermontow, Tjutschew, Block, Achmatowa, Pasternak, Leipziger-Universitäts-Verlag 2009 [Zitat: „Dies geschah aber nicht bloß wegen seiner künstlerischen Kraft, sondern vor allem seiner von einer geschäftstüchtigen Propaganda noch besonders aufgeblähten Sonderstellung im russischen Schrifttum der Gegenwart wegen“: Seite 122].
Pasternak, Boris: Doktor Schiwago. Aus dem Russischen übertragen von Reinhold von Walter. Ungekürzte Ausgabe, Frankfurt am Main 1991 (Fischer-Taschenbücher) [Zitat: Seite 612].
