Boßeln – Outdoor-Sportart in Dithmarschen

Traditionreiches Bleikugelwerfen

Die wahrscheinlich vor 500 Jahren von Holländern in die schleswig-holsteinische Westküstenregion exportierte Wurfsportart Boßeln ist in Dithmarschen Nationalsport

Nicht nur in Dithmarschen wird geboßelt, sondern auch in anderen deutschen Nordseeküstenregionen wie Ostfriesland, Oldenburg und Nordfriesland. Und auch in den Niederlanden, Irland, Großbritannien und Italien gibt es boßelähnliche Kugelspiele. Regeln und Traditionen unterscheiden sich oft erheblich. In den friesischen Regionen wird die dem dithmarscher Boßeln (ausgesprochen : „Boohsseln“) entsprechende, mit einer etwa ein Pfund schweren Holzbleikugel gespielte Wurfsportart „Klootscheten“ genannt. Verwirrenderweise nennen Ostfriesen und andere Niedersachsen eine an Straßenkegeln erinnernde Spaßsportart mit Einkilo-Kunststoff- oder Pockholzkugeln ebenfalls „Boßeln“.

Winterlicher Feldkampf

Traditionell wird das mit dem niedersächsischen Boßeln lediglich entfernt verwandte dithmarscher Boßeln im Winter auf den gefrorenen Flächen im Deichvorland oder auf den Feldern und Weiden der Geest als Feldkampf ausgetragen. Im Sommer tragen die Boßler ihre Wettkämpfe dagegen meist als Standboßeln aus.

Beim Feldkampf treten zwei Mannschaften gegeneinander an. Die in beiden Mannschaften gleiche Anzahl der Werfer ist nicht zwingend festgelegt. Oft sind die Mannschaften 15 bis 30 Mann ( oder Frau ) stark. Jeder Werfer kommt in der Regel zweimal zum Einsatz. Ziel ist es, die 500 Gramm schwere Boßel, eine mit Blei ausgefüllte Holzkugel mit einem Durchmesser von 58 Millimetern, möglichst weit von einer Startlinie aus zu werfen. Dort, wo die Boßel ausrollt, ist der Abwurfplatz für den nächsten Werfer der eigenen Mannschaft. Die Mannschaften werfen abwechselnd. Sollte es einer Mannschaft nicht gelingen, mit zwei Würfen die Weite zu erreichen, die das andere Team mit einem Wurf vorgegeben hat, wird der führenden Mannschaft ein „Schott“ zugesprochen. Sie braucht den Werfer, der jetzt eigentlich an der Reihe sein würde, nicht einzusetzen. Eine starke Mannschaft kann so durchaus mehrere Schotts in das Spielprotokoll eintragen lassen. Wenn sich das Wurfglück ändert, müssen diese Schotts allerdings eingesetzt werden.

Hat eine Mannschaft alle ihre Werfer eingesetzt, wird in Richtung auf die Startlinie zurückgeboßelt. Es gewinnt die Mannschaft mit den meisten Schotts. Bei Schott-Gleichstand entscheidet der „Kiekut“, das heißt, die Distanz, die am Ende zwischen den jeweils letzten Würfen beider Mannschaften liegt.

Mit dem Boßler-Gruß „Lüch op“ übergibt die Verlierermannschaft dem Siegerteam die eigene Boßelkugel, und oft wird dazu ein Korn getrunken. Verliert ein Team in Folge drei Mal gegen dieselbe Mannschaft, muss die zu übergebene Boßel (mit Farbe) vergoldet werden. Eine besonders große Ehre für das Siegerteam.

Sommerliches Standboßeln

Hat das Feldboßeln manchmal den Charakter von nicht ganz so bierernst zu nehmenden Volksfestveranstaltungen, bei denen sich Dorfgemeinschaften fröhlich messen, gehört das Standboßeln eindeutig in die Kategorie des Amateur-Leistungssports.

Beim Standboßeln treten die meist sechs Mann starken Mannschaften im Zweiervergleich oder auch im Turnierwettkampf gegeneinander an. Hier zählen sowohl Einzel- als auch Mannschaftsleistung. Von einem Wurfbrett aus wird die Boßel von jedem Spieler vier Mal in ein trichterförmiges Feld geworfen. Die Distanzen der drei besten Würfe vom Wurfbrett bis zur Aufprallstelle werden – sofern sie innerhalb des Feldes liegen – gewertet.

Die Wurftechnik

Die der Technik beim Diskuswerfen nicht unähnliche Boßelwurftechnik ist recht kompliziert und erfordert Konzentration, Armkraft und Anlaufstärke.

Der Werfer läuft etwa 30 Meter bis zum Wurfbrett und hält dabei die Boßel in einer bestimmten Weise in der Hand. Am Ende des Anlaufs springt er mit Kraft auf das Wurfbrett und macht dabei eine grätschende Seitdrehung, aus der heraus er den Wurfarm schnell kreisen lässt und die Boßel im richtigen Augenblick ins Feld schleudert. Besonders gute Werfer schaffen so Einzelwürfe von über 100 Metern.

Unterverband Dithmarschen

Dithmarschen bildet innerhalb des Verbandes Schleswig-Holsteinischer Boßler (VSHB) einen von vier Unterverbänden. Neben den dithmarscher Boßelvereinen wie Vereinigte Köge, Vereinigte Geestdörfer, Mielebund Meldorf oder Südbund Reinsbüttel gehört zum dithmarscher Unterverband auch der 1908 von weggezogenen Dithmarschern und Eiderstedtern gegründete Boßelverein Hamburg-Altona.

Thies Völker, Thies Völker

Thies Völker - Studium Jura, Geschichte, Volkskunde und Ethnologie, Text- und Archivberater, Schwerpunkte: Biographierecherche, Familienchroniken, ...

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