
- Der Stanley Cup - Foto: Cord Heine
Mitte des Schlussdrittels krächzt Marks Vuvuzela nur noch schlapp. Zehn Minuten später ist Janets Leben praktisch beendet. So wie dieses 7. Stanley-Cup-Endspiel zwischen den Vancouver Canucks und den Boston Bruins. 0:4 - die Gäste aus den USA sind es, die sich an diesem kühlen Frühsommerabend des 15. Juni 2011 an Kanadas Westküste den begehrten Silberpokal sichern. Und nicht ihre heiß geliebten Canucks, für die sich die Vancouver-Fans scharenweise in Schale geworfen und schon zwei Stunden vor dem ersten "puck drop" in Stimmung gebracht haben.
Stanley Cup: "This is what we live for" steht auf den T-Shirts
Riesengroß und greifbar ist die Enttäuschung im "Sporanos", einem der größten Sport-Pubs in Victoria, wo sich zum alles entscheidenden Finalspiel 450 Vancouver-Fans versammelt haben. Ernüchterung ist auch dabei, doch die fällt nach einigen Bieren vor den Großleinwänden ein wenig kleiner aus. "This is what we live for" steht auf Janet's blauem T-Shirt in dicken weißen Lettern - "Dafür leben wir". Als drüben im 60 Kilometer entfernten Vancouver die Schlusssirene ertönt und Bruins-Kapitän Zdeno Chara kurz nach 20 Uhr den Stanley Cup in die Höhe reißt, ist Janets Traum ausgeträumt. Doch das Leben geht weiter, muss ja, meint Janet. "Was soll's", brüllt jemand vom Nebentisch laut in die kopfschüttelnde Menge, die sich Richtung Ausgang schiebt, "in drei Monaten geht alles wieder von vorne los." Janet nickt und kann sogar schon wieder schmunzeln.
Dabei hatte alles so optimistisch und erwartungsfroh im "Sopranos" begonnen. Zur besten Kaffeezeit um halb Vier trudeln die ersten Eishockey-Fans im Pub ein, lange vor Spielbeginn. Fast jeder Fan trägt mindestens ein Canucks-T-Shirt, sehr viele sogar eines dieser unverschämt teuren grün-blauen Vancouver-Trikots mit dem Killerwal-Logo drauf. Junge Frauen sind hier in der Mehrheit, denn der Männersport Hockey ist in diesen Playoff-Wochen einfach "in". Die Modeindustrie hat sich flugs drauf eingestellt und hässliche Canucks-Jerseys in zartrosa auf den Markt gebracht.
Erste Burger finden schon um 16 Uhr den Weg ins Ziel
"We want the cup", skandieren die Fans und bringen sich in Schwung. Die Kellnerinnen kommen kaum nach mit den Bieren, die ersten Burger finden schon um 16 Uhr den Weg ins Ziel. Als im kanadischen Fernsehen die Nationalhymne gesungen wird, fordert Vuvuzela-Mann Mark die Pubgänger auf, sich zu erheben und mit einzustimmen. Niemand murrt, siegesgewiss und voller Inbrunst dröhnt es "O Canada" aus den gut geölten Kehlen. "Das ist ja echt super. Sowas habe ich noch nie erlebt", lässt sich ein Tischnachbar begeistert mitreißen.
Nach dem ersten Drittel hat die Stimmung im Laden den ersten Dämpfer eingesteckt. Es steht 0:1, Boston hat ins Tor getroffen - aber nicht in die Herzen der Canucks-Fans. Deren Zuversicht lässt sich nicht so schnell aufs Glatteis führen. Das Ding drehen wir noch um, will Mark allen aus der Ferne klarmachen. Die Botschaft vom Tresen, wohin sich der in eine Kanada-Flagge gehüllte Hüne inzwischen durchgedrängelt hat, kommt bei den Fans an. Ein Tor bedeutet im Eishockey gar nichts, das ist schnell wettgemacht.
Beim 0:3-Zwischenstand ist bei Vancouvers Fans die Luft raus
Eine gute halbe Stunde später, das zweite Drittel ist vorüber, ist die Luft im "Sopranos" dann aber doch raus. Drei Treffer aufholen, noch dazu in einem solch bedeutenden Spiel? Daran glauben nach dem 0:3-Zwischenstand nur noch die allergrößten Optimisten. Und die sind hier offensichtlich in der Minderheit. Mitte des Schlussdrittels, der Pub ist nur noch halb gefüllt und der Wirt stößt mit seinem einpeitschenden Schlachtruf "Glaubt ihr dran?" auf taube Ohren, hat schließlich auch Mark begriffen, dass der Stanley-Cup-Gewinn für die Vancouver Canucks in dieser Saison ein Traum bleibt. Ein letztes Mal setzt er die Vuvuzela an, aber das Tröten verhallt schon ungehört. Leer wie das "Sopranos" sind die Hoffnungen der Fans in "Canucks Country" geblieben.
Keine Autokorsos, keine Hupkonzerte, die Antennen-Fähnchen an verzierten Fahrzeugen auf Halbmast. Es bleibt ruhig auf den Straßen von Victoria. Im Gegensatz zu Vancouver, wo nach dem Spiel Autos brennen und Scheiben klirren. Aus und vorbei, Canucks. Vielleicht klappt es in einem anderen Leben mit dem Stanley Cup für Vancouver.
