
- Botanischer Garten München - Judith Czakert
Was Botanische Gärten eint, ist wohl am ehesten ihre Vielfältigkeit: Die historischen Wurzeln unterscheiden sich von Garten zu Garten – sie lassen sich zurückverfolgen bis zu mittelalterlichen Heilkräuteranlagen (Hortus Medicus), zu privaten Pflanzensammlungen reicher Kaufleute, zu engagierten Pflanzenhandlungen oder zu angesehenen Repräsentationsgärten der Renaissance. Ebenso komplex sind die Aufgaben und Schwerpunkte einzelner Botanischer Gärten.
Botanischer Garten als Naherholungsgebiet
Warme, stickige Luft. Feuchtigkeit setzt sich auf die Haut, lässt Brillengläser beschlagen und dringt in die Kleidung ein – im Warmhaus herrschen tropische Verhältnisse. Inmitten von grünem Dickicht, exotischen Blüten und fremden Gerüchen lässt sich die winterliche grau-kalte Stadtatmosphäre vergessen.
Insbesondere die öffentlich-städtischen Gärten sehen sich als Erholungsgebiet und als Möglichkeit Naturraum in der Stadt zu erleben. Zielsetzungen sind Ablenkung vom Alltag, Erfahrung der Fremde innerhalb der eigenen Kultur und Vermittlung von Wissen über Pflanzen und botanische Zusammenhänge. Spezialpflanzungen wie Duftgärten, Schmetterlingsgärten, Gehölzpflanzungen mit Erläuterungstafeln über Nutzwert und Verwendungsmöglichkeiten, Farbgärten, manchmal auch in Verbindung mit Objekt-Ausstellungen erhöhen den Unterhaltungswert in Botanischen Gärten. Ein Beispiel für gelungene Zusammenführung von Zoo und Garten zur Steigerung des Unterhaltungswertes ist der Zoologisch-Botanische Garten Wilhelma in Stuttgart.
Botanischer Garten - Ort für kulturelle Veranstaltungen und Kultur-Ort
Leise Klavierklänge dringen durch die Nacht. Unter klarem Sternenhimmel lauscht eine Menschenmenge den Melodien. Sie klingen durch die Parkanlage bis hinaus auf die leeren Straßen. Angelockt durch die Musik lugen Schaulustige hinein in den Garten.
Kulturelle Veranstaltungen an besonderen Orten üben einen fast magischen Reiz aus. Insbesondere wenn Kultur und Natur zusammentreffen. Die vermeidlichen Gegensätze, die sich bedingen und untrennbar miteinander verwoben sind, werden in Botanischen Gärten bewusst vereint.
In ihrem Buch „Mensch im Garten“ nennt die Kulturanthropologin Nana Hartig die kultivierte, zur Schau gestellte Natur „kultürlich“. Sie stellt damit die Bedingtheit zwischen Natur und Kultur hervor und weist darauf hin, dass Naturverständnis ein kulturelles Konstrukt ist. Botanische Gärten sind also nicht nur Orte des Zusammentreffens von Kultur und Natur, sondern die dort gewählte Darstellung von Natur verweist auch auf das Kulturverständnis vergangener und gegenwärtiger Zeit.
Botanischer Garten als Ort des aktiven Umweltschutzes
Informationstafeln weisen auf Seltenheit und Schutzwert umfriedeter Pflanzenbiotope hin. Die Schilder klären auf über vom Aussterben bedrohte heimische Flora, über Raubbau an pflanzlichen Ressourcen und über die Wichtigkeit eines sensiblen, nachhaltigen Umgangs mit der Umwelt.
Eine erklärte Aufgabe Botanischer Gärten ist der aktive Umweltschutz, der sich aus Umweltbildung und konkreten Aktionen zusammensetzt. Oft gibt es Beetanlagen, die einen schützenswerten, heimischen Landschaftsstrich nachstellen, der in der Umgebung wild nur noch selten vorkommt. In den Gärten kann vom Aussterben bedrohte Flora neu kultiviert und anschließend in den natürlichen Wuchsraum zurückversetzt werden. Die Pflanzengemeinschaften werden auf diese Weise für ein breites Publikum anschaulich dargestellt. Hinzu kommt die Vermittlung ökologischer Zusammenhänge, die für Umweltthemen sensibilisieren soll.
Seit etwa 200 Jahren gibt es ein weltweites Samen-Tauschnetz zwischen Botanischen Gärten. Im so genannten Index Seminum finden sich die verfügbaren, gesammelten und gereinigten Samenmaterialien aufgelistet. Sinn des Samentausches besteht in der Erhaltung der botanischen Artenvielfalt, der Biodiversität. Seltene Pflanzen können auf diese Art innerhalb der Gärten erhalten und vor dem Aussterben bewahrt werden. Botanische Gärten fungieren in ihren diversen Arterhaltungsprojekten als eine Art „lebendige Museen“.
Botanischer Garten als Ort der Wissensvermittlung
Eine Schulklasse schlängelt sich durch die schmalen Wege der systematischen Abteilung im Botanischen Garten. Von einer Gärtnerin erfahren sie Wissenswertes über Pflanzen, erhalten Gartentipps und Einblick in die tagtäglichen Arbeitsprozesse einer großen Gartenanlage.
Wissensvermittlung gehört zu den wichtigsten Aufgaben eines Botanischen Gartens. Insbesondere Gärten, die Teil einer Universität sind und deren Wurzeln vielleicht sogar bis in mittelalterlichen Heilkräuteranlagen (Hortus Medicus) zurückreichen, beschreiben ihre vorrangige Aufgabe als Ort der Forschung und Lehre. Als Teil botanischer Institute stellen sie pflanzliches Anschauungsmaterial zur Verfügung und bieten Raum für Seminare und Versuche. Durch Zucht und Kultivierung von Pflanzen unter optimalen Bedingungen können neue Erkenntnisse innerhalb der Botanik gewonnen werden, die wiederum für wissenschaftlichen und kulturellen Fortschritt sorgen.
Netzwerk der Botanischen Gärten
Die meisten Botanischen Gärten versuchen trotz etwaiger Schwerpunkte alle genannten Aufgabenbereiche zu erfüllen. Ein weltweites Netzwerk vereinfacht die Weitergabe praktischen Wissens, den Austausch neuer Erkenntnisse, neuer Forschungsfelder und aktueller Themen zwischen den Gärten. Es finden Exkursionen statt, die es den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Botanischen Gärten ermöglicht, Einblicke in die Arbeit anderer Gärten zu erhalten und diese sinnvoll umzusetzen. Samentausch, Umweltschutz und Wissensteilung sind grundlegende Bestandteile der vernetzten Arbeit Botanischer Gärten.
Zwischen Naturvermittlung und Kulturarbeit stellen die Botanischen Gärten ein lebendiges, wachsendes und Wert-volles Stück Kulturgut unserer Zeit dar.
