
- Titelverteidiger Box-Poetry Frank Klötgen - K. Mieth
Poetische Boxkämpfe sind eines der aufwändigsten Spektakel der internationalen "Spoken Word Liga" und finden in der Wüste New Mexicos, in Japan oder München statt. In dieser besonderen Inszenierung eines Dichterwettkampfes steigen Poetinnen und Poeten in einen Original-Boxring, kämpfen mit Worten statt mit Fäusten um die Gunst von Punktrichtern und Publikum. Dabei sorgen Hymnen, Nummerngirls und Showkämpfe für die entsprechende Atmosphäre. Ringsprecher und Moderator Ko Bylanzky stellt „Die Acht“ besten Poetry-Slamer, Kampfrichter, Sicherheitsleute, die Substanz-Crew, den Ringarzt und die Juristin vor. Und er verweist auf den Gürtel: „Darum wird es heute hier in der Muffathalle im Kampf um die deutsche Meisterschaft gehen.“
Den Auftakt macht die deutsche Nationalhymne
Den Auftakt macht die Nationalhymne, die der Bariton der deutschen Staatsoper, Tobias Neumann fürs Gänsehautfeeling vorträgt. Und wie beim echten Boxkampf ruft Ko Bylanzky: „Are you ready to rumble?“ Übersetzt: „Seid ihr bereit zum Kampf“. Ist das letzte Wort verhallt, kündigen sogleich die Nummerngirls Melli und Vicky die erste Paarung an. „Ring frei zur Runde eins.“ Jana Klar aus Biel/Schweiz, bekannt durch den zweiten ZDF-Kultur-Poetry Slam, hat nach eigenen Angaben bereits 150 Poetry-Slams absolviert, tritt gegen Julian, den Berliner Stecher und Stadtmeister an, der im Outfit eines Fechtmeisters im Ring erscheint. J.K. das ist Jana Klar - eröffnet den großen Kampf und durchschreitet den Boxring. Nach dem Vortrag folgt großer Applaus für die erste Box-Poetin, dann ruft der Ringsprecher: „Und jetzt kommt der Stecher mit seinem Text: Der Laßmann, den der Poet in großartiger Steigerung und hochpoetisch präsentiert. Gegen Ende zitiert der Vizechampion 2011 Erich Kästner: „Es gibt nichts nices ausser man reißt es – laß mal....“ der Stecher gewinnt und mit den Worten: „Wir werden ihn im Halbfinale wieder sehen“, schließt Ringsprecher Ko Bylanzky die Runde ab.
Deutsch-japanische Kampfmaschine Yamamoto versus Slam 2010-Champion Neumeier
Zum harten Sound von Black Sabbath führen die Nummerngirls in die zweite Runde, von Iron Man zu Kung Fu Fighting betritt Poetry-Kämpfer Ken Yamamoto den Ring. „Ken Bonsai-Boy hat nach eigenen Angaben 213 Poetry-Slams bestritten,“ moderiert Ko Bylanzky den Mann aus Berlin an, der gegen „Moritz, den König der Möwen“ kämpfen wird. Neumeier, der Neu-Bayer, schreit dem Publikum zu: „Bisschen mehr Applaus!“ Ken startet mit gereimten Standpunkten und Moritz antwortet: „Der Text, den ich mitgebracht habe, heißt Haß. Dann fliegt, tanzt, springt Moritz Neumeier durch den Ring, bleibt in den Seilen hängen, schreit: „Deshalb nehme ich Drogen - Halt die Fresse!“ Die Jury bescheinigt Moritz einstimmig den Gewinn dieser Runde.
Clara Nielsen versus Bumillo
Mit Is she live or dead läutet Ozzy Osbournes Sound die dritte Runde ein: „Klara Sieg, das ist Klara Nielsen, kämpft gegen Mister Bombastic, das ist Bumillo,“ moderiert der Ringsprecher an. Klara tänzelt zu Bumillo: „Ich möchte kurz einen kleinen Text dem Bumillo widmen“, der gelassen in den Seilen hängt. „Alle dichten Frühlingstexte wie auch Friedrich Rückert. (Dichter des Biedermeier, 1788 †1866) Ich antworte mit einem Wintertext“, ruft Klara, „immer ist es der Frühling, bei dem alles aufblüht: hier kommt meine Hommage an den Winter.“ Bumillo, der bayerische Eminem, antwortet mit Glaspalast: „Schwabing ist tot, rettet Schwabing!“ Dann animiert er das Publikum: „Es ist Viertel vor. Viertel vor 12.“ Im Kopf- an Kopfrennen ernten Bumillo und Klara Endlos-Applaus aber nur einer kann als Sieger hervorgehen - Bumillo gewinnt.
Titelverteidiger Frank Klötgen versus Max Kennel, dem Mann mit Hut
In Runde Vier treffen Titelverteidiger Frank Klötgen aus Berlin und Dr. Viel-Jammer aus Bamberg aufeinander. „Ein ausgelassenes Bürschchen“, titelt Moderator Ko Bylanzky, als der Bayer Max Kennel herein tanzt. Der sagt: „Ich habe einen Text über die Liebe mitgebracht. Über Göttervater Zeus, des Menschen Oberpimp, aus der griechischen Antike.“ Dann werden alle Götter durchgeheizt, bis Sisyphus an der Reihe ist, „der wieder `ne ruhige Kugel schiebt.“ Über Poseidon geht es zurück zu Zeus, der die Insel Lesbos fand... Ist die Antike durchgepflügt, kommen die Bäckereien an die Reihe. Poetry-Slam-Champion Frank Klötgen kontert mit einem Rap-Text über unser tägliches Brot. Im Schlagabtausch, Götter gegen Backwaren gewinnen Götterwelt und Max Kennel.
In der Pause sprechen die Fäuste
Echte Beinarbeit legen Maren und Marco in der Poetry-Pause vor. Im heimischen Boxring des Boxclubs 1969 e. V. Holzkirchen heizen die Kämpfer die Stimmung in der Münchner Muffathalle weiter an, während der Moderator in einer Dankesrede das grandiose Equipment mit dem Original-Boxring lobt: „Da würde sich manch andere Stadt glücklich schätzen, wenn sie ein Kulturreferat, wie unser Kulturreferat München hätte.“ Folglich trifft im Ring nach dem Break Julian Heun, der Stecher auf Moritz Neumeier, den König der Möwen. Der Berliner Heun gibt eine Kurzgeschichte zum Besten, wünscht sich, daß das Publikum Dominik, den neuen Freund seiner Ex, ausbuht. Dann brilliert der Aufgeheizte mit dem Text Ameisenmann, heizt im Auftaktrennen weiter mit literarischen Wortgebilden, wie … Ticket to Gleichgültigkeit oder … unter der Kruste substanzlosen Fleisches... bis Neumeier aufsteht: „Berlin ist das Hamburg für arme Leute“, die Heimatstadt Julian Heuns herunterputzend. Neumeier kämpft und tobt, Heun, der Stecher gewinnt.
Dr. Viel-Jammer Max Kennel versus Bumillo
Und schon kündigen die Nummerngirls die zweite Runde nach der Pause an: Bumillo gegen Dr. Viel-Jammer Max Kennel. Bumillo bittet für seinen Vortrag „Liebesgedicht“ um Dimmen des Lichtes im Saal und stellt seinem Gedicht die Beatles voran. Love-love-love - Liebe im Kaufhaus.
Sein rhythmisches Auf- und Ab der Worte gleicht dem Durchheizen eines Konsumtempels. Mit seiner Darbietung durcheilt Bumillo Etage für Etage auf den Rollentreppen der Massenproduktion um sich mit seiner Liebe durch den Kaufhauswahnsinn hindurch, nach oben zu schlagen, seiner Liebe immer wieder beteuernd: „Du bist mein Gast, ich bin dein Page.“ Im diesjährigen Box-Poetry-Slam mischt er ganz oben mit.
Dr. Viel-Jammer Kennel schält sich aus dem Eck, kontert mit seinem Stück Betroffenheits-Lyrik November. „Goethe, Schiller, Matthießen verfielen in Herbstdepressionen“, der Doktor treibt die deutschen Literaten durch seinen Text und gipfelt in: „Die Dummheit sich am Dichter labt, weil ihr keine Eier habt – Ende.“ Auch hier kann es wieder nur einen Gewinner geben: Max Kennel gewinnt.
Vor dem Finale - Julian Heun der Stecher gegen Dr. Viel-Jammer Max Kennel
Als Pausen-Box-Session folgen drei Minuten Sparringskampf mit Marco und Eduard. Zur Endrunde bittet der Moderator Ko Bylanzky um „tosenden Applaus für Kämpfer und Nummerngirls, wenn wir ins Finale gehen. Der Stecher Julian Heun versus Dr. Viel-Jammer Max Kennel, unseren jüngsten Poeten.“ Der Moderator ruft drei Mal: „Are you ready to rumble?“ Der Stecher beginnt seinen Text mit dem Titel Samanta Meier im Berliner Dialekt. Schlag auf Schlag und Wort für Wort überbieten sich die Poeten gegenseitig und wenn beim letzten Auftritt an diesem Abend Dr. Viel-Jammer seinen politischen Rundumschlag austeilt, dürfen Guttenberg und Wulff selbstverständlich nicht fehlen: „Gehe nicht über Los, gehe direkt in das Gefängnis ...“
Alle Poeten versammeln sich im Boxring, als Ko Bylanzky ruft: „Drei zu Null, der Gürtel geht an den neuen deutschen Box-Poetry-Meister aus Bamberg - Max Kennel.“ Zum Sound von Queen, We are the champions und nicht enden wollendem Applaus für den neuen Box-Poetry-Meister übergibt Patricia Müller vom Kulturreferat den Pokal. Dr. Viel-Jammer Max Kennel reißt das Mikrophon an sich: „Und auch Applaus für den Ringsprecher.“ Ein Abend, wie aus einem Guss.
Quellen: Vor-Ort-Recherche, Kulturreferat München, Patricia Müller
