Boxen: Klitschko gegen Adamek - die Boxer im Vergleich

Vitali Klitschko, Boxweltmeister im Schwergewicht - BoxingPress
Vitali Klitschko, Boxweltmeister im Schwergewicht - BoxingPress
Vitali Klitschko gegen Tomasz Adamek aus Polen: Der Boxkampf um die WBC-Weltmeisterschaft im Schwergewicht live im Fernsehen auf RTL Sport.

Boxen: Am 10. September 2011 verteidigt Vitali Klitschko (42-2 39 K.o.) in Breslau freiwillig seinen WM-Gürtel im Schwergewicht gegen Lokalmatador Tomasz Adamek (44-1 28 K.o.) aus Polen. Welcher Boxer gewinnt den Boxkampf um die WM? Suite101 gibt nach einem Vergleich der beiden Kämpfer eine Prognose zur WBC-Weltmeisterschaft zwischen Vitali Klitschko (Ukraine) und seinem polnischen Herausforderer Tomasz Adamek ab.

Vitali Klitschko gegen Tomasz Adamek - die Boxer im Vergleich

1. Physis

Dr. „Eisenfaust“ Klitschko (40) ist 2,02 m groß, besitzt eine Reichweite von 2,03 m und ein Kampfgewicht von 110 kg. Adamek (34) hat nur eine Größe von 1,87 m und eine Reichweite von 1,91 m. Sein Kampfgewicht dürfte bei 98 kg liegen. 10:9

2. Amateurboxausbildung

Beide Boxer haben eine ausgezeichnete Amateurboxschule genossen. Klitschko bestritt über 190 Amateurboxkämpfe, wurde Militärweltmeister sowie Vizeweltmeister. Adamek (108 Siege, 12 Niederlagen) holte sich 1997 immerhin EM-Bronze, hatte bei großen internationalen Turnieren aber stets das Nachsehen gegen Boxer der russischen Boxschule. 10:9

3. Vorbereitung

Vitali Klitschko ist mehrfach über die volle Rundendistanz gegangen und bekannt für seine Disziplin im Boxtraining. Allerdings erfolgte sein letzter WM-Sieg im März 2011 bereits in der ersten Runde. Möglich, dass der ukrainische Staatsmann etwas „Ringrost“ angesetzt hat. Mit 40 Jahren ist er nicht mehr der Jüngste. Seinen letzten 12-Runder bestritt er im Oktober 2010. Er scheint außerdem nicht mehr hundertprozentig auf das Boxen fokussiert. Wegen politischer Unruhen in seinem Heimatland unterbrach Klitschko sogar kurzzeitig sein Trainingslager. Und mangelnde Konzentration kann sich gegen einen fleißigen Arbeiter wie Adamek schnell rächen. Der Pole ist zäh, konditionsstark und wird sicher alles daran setzen, um die Fans bei seiner Weltmeisterschaftschance im eigenen Land nicht zu enttäuschen. Dafür sprechen die Auswahl seiner Sparringspartner, die lange Vorbereitung und vielleicht der größere „Biss“ und „Hunger“. 9:10

4. Psyche

Klitschko, bekannt für seine coolen Staredowns, ist mental stark, schreckt vor keiner Herausforderung zurück. Und auch, wenn er mit Auslandsstarts ausreichend Erfahrung hat: das polnische Publikum wird den erfahrenen und kampferprobten Adamek frenetisch anfeuern. Vielleicht unterschätzt der Weltmeister dessen Heimvorteil und seine Wirkung ein wenig. 9:10

5. Schlagkraft

Beide Boxer sind nicht für ihre sogenannte „One-Punch-Knockout-Power“ bekannt. Vitali Klitschko verfügt dafür über eine äußerst zermürbende Schlagkraft im Boxhandschuh. Seine Knockoutquote liegt bei 88,64 Prozent. Die Knockoutquote von Adamek ist mit 62,22 Prozent nicht ganz so beeindruckend. 10:9

6. Schnelligkeit

Adamek kommt ursprünglich aus dem Halbschwergewicht und dürfte leichte Vorteile haben, was Geschwindigkeit und Schlagschnelligkeit angeht. Sicher: der WBC-Weltmeister ist für seine Größe ebenfalls schnell und schwer zu treffen, doch Adameks Tempo sollte aufgrund seiner Ringpraxis und Erfahrungen als Halbschwer- und Cruiserchamp eine Idee höher sein. 9:10

7. Technik

Beide Boxer sind Normalausleger. Klitschko kämpft unorthodox, boxt dabei dennoch variabel und technisch versiert. Sehr stark ist Klitschkos Führhand. Die solide Boxtechnik von Tomasz Adamek kann sich ebenfalls sehen lassen. Sein Problem: die erheblichen Nachteile, was Größe, Reichweite und Gewicht angeht. Ein Umstand, der sich nachteilig auf den Punkt „Technik“ auswirkt. 10:9

8. Kämpferherz

Klitschkos Kämpferherz und seine „Nehmerqualitäten“ sind seit seinen "WM-Brawls" unbestritten. Adamek hat auch schon Ringschlachten geschlagen, kann viel wegstecken. Im Gegensatz zum Weltmeister hat er aber noch nie vorzeitig verloren. Das Alter, der körperliche Verschleiß und seine Sportverletzungen machen den WBC-Weltmeister vielleicht eine Spur anfälliger und „ausgebrannter“ als Adamek. 9:10

9. Defensive

Adamek kann gut boxen, doch er vernachlässigt dabei seine Deckung. Auch der Weltmeister hält wenig von schulbuchmäßiger Defensivarbeit, sondern verlässt sich lieber auf sein Auge, seine Reflexe und seine Meidbewegungen. Wegen Klitschkos Größenvorteil und seiner besseren Übersicht als Distanz- und Konterboxer: 10:9

10. Offensive

Klitschko ist ein Boxer, der seine Gegner über die Distanz mit Workrate und langen Händen zermürbt und abkontert. Im reinen Angriff agiert er bisweilen sehr offen und ungestüm. Adameks Aktionen wirken hier teilweise überlegter und geradliniger. Seine Mankos: geringe Schlagkraft und fallende sowie hängende Hände. 10:9

11. Ringintelligenz / Taktik

Der WBC-Weltmeister kann taktisch agieren, überlegt boxen und durch entsprechende Atmung mit seinen Kräften haushalten. Bisweilen neigt er zu riskanten Temperamentausbrüchen im Ring und Schlagwechseln, die er sich gegen Adamek nicht leisten sollte. Denn trotz der kurzen Kampfdauer hat Klitschkos letzter Gegner gezeigt, wie man dem Ukrainer boxerisch beikommen kann: Bewegung, Schnelligkeit und überraschende Schlagaktionen scheinen der Schlüssel zum Sieg über Dr. Eisenfaust.

Der polnische Herausforderer hat solche Dinge durchaus drauf. Man denke nur an die kurze Rechte auf der Innenbahn, mit der er zum Beispiel den starken Boxchampion Steve Cunningham auf die Bretter geschickt hat. Das Plus von Adamek: Er kann in gegnerische Aktionen hineinschlagen und 3er-Serien anbringen. Dinge, die Klitschkos „Rücklehnstil“ nicht unbedingt entgegenkommen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Adamek öfter mit seinen Schlägen durchkommt, als es dem Schwergewichtsweltmeister lieb ist. Wenn Klitschko dann in den „Rache-Modus“ umschaltet, keinen kühlen Kopf behält und sich sofort revanchieren will, eröffnen sich für den Polen vielleicht ungeahnte Gelegenheiten zum Punkten. 9:10

12. Unberechenbarkeit

Nicht auszuschließen, dass Vitali Klitschko nach seinen vielen Siegen etwas überheblich geworden ist und Adamek zumindest unbewusst auf die leichte Schulter nimmt. Der Pole wird zwar immer wieder von seinen Gegnern gut getroffen, kann aber boxerisch dagegenhalten, wenn es darauf ankommt. Adamek ist schwer auszurechnen. Er hat viele Klasseboxer besiegt, ohne dabei so souverän und „unbezwingbar“ wie Klitschko zu wirken. Vor allem gegen körperlich stärkere und größere Leute hat er „nur“ Arbeitssiege eingefahren, doch unter Umständen geben gerade „Arbeit“ und „Workrate“ den Ausschlag zugunsten des Herausforderers. Er hat keine außergewöhnlichen Boxtalente, doch er beisst und bleibt dran. Eine Sache, die Klitschko nicht mehr so gewohnt ist, denn die meisten seiner letzten Gegner glänzten „nur“ durch Tapferkeit. 9:10.

Vitali Klitschko gegen Tomasz Adamek – Prognose zum WM-Boxkampf

Nach dem Vergleich (114:114) ist ein enger, ausgeglichener Kampf zu erwarten. Die Favoritenrolle liegt natürlich beim Weltmeister, doch dank „Heimvorteil“ kann Adamek unter bestimmten Voraussetzungen über sich hinauswachsen. Nämlich dann, wenn Klitschko „abgebaut“ hat und Adamek die vermuteten Vorteile wie „Schnelligkeit“ oder „Biss“ tatsächlich im Ring umsetzen kann.

Nachlese zu Klitschko gegen Adamek

Von Alterserscheinungen und Stress keine Spur: Klitschko beherrschte einen tapferen, aber boxerisch unbedarften Adamek nach Belieben, der schwächer als erwartet auftrat. Am Ende siegte der Weltmeister vorzeitig durch technischen Knockout in Runde 10.

Quelle: Boxdatenbank "BoxRec"

Marco Theuer, Boxjournalist, Sportautor

Marco Theuer - Marco Theuer, Jahrgang 1972, Sportautor und Boxjournalist war selbst jahrelang aktiver Boxer und Leistungssportler. Als Landesmeister und ...

rss