
- Bruno als Filmstar in der Türkei - privat
Das Leben von Bruno Stickroth steckt in einer dicken Mappe, die schon bessere Zeiten erlebt hat. Der Einband ist abgegriffen, die Seiten sind zerknittert und auf den Fotos und Zeitungsausschnitten, die all die Geschichten vom schönen Bruno erzählen, hat sich die Patina längst vergangener Tage gelegt. Bruno Stickroth selbst, so wie er um die Ecke biegt, könnte dagegen frisch aus einem Katalog für Sommermoden gefallen sein: gebräunt, gestylt und gierig darauf, seine Sammlung um ein paar Kapitel zu erweitern. "Wenn ich 20 wäre", verkündet er, "dann würde ich mich bei Dieter Bohlen bewerben und den Laden richtig aufmischen."
Aber der schöne Bruno hat kürzlich seinen Siebzigsten gefeiert, was ihm niemand glaubt. Er glaubt es sich ja nicht einmal selbst. 1937 in Kaltental geboren und im Stuttgarter Westen aufgewachsen, wusste Stickroth schon früh, was er nicht wollte: ein Kaufmann werden. Die Arbeit in dem miefigen Geschäft für Buchbindereibedarf war nichts für den jungen Filou, dem der Sinn nach anderem stand, und so warf er seinem Meister eines Morgens die frisch polierten Stiefel vor die Füße.
Fast wäre aus dem schönen Bruno Roy Black geworden
Ein Akt der Befreiung - mit Folgen, denn als er wenig später im Stuttgarter Hindenburgbau "Die große Chance" gewann, einen Gesangswettbewerb, verweigerte der wütende Vater dem damals 17-Jährigen die nötige Unterschrift für den von Polydor ausgelobten Plattenvertrag. "Sonst wäre ich der Roy Black geworden", sagt Stickroth. Stattdessen wurde der Junge erst einmal Friseur, was so schlecht aber auch nicht war. Erst schnitt er sich selbst die Haare, dann seinen Schulkameraden, dann dem King of Rock 'n' Roll. Das war im November 1958 und Bruno Stickroth diente zu dieser Zeit dem Vaterland. Eingerückt war er im weißen Anzug mit knallrotem Futter, den er sich in Riccione besorgt hatte. Dazu trug er weiße Slipper und blauschwarz gefärbte Haare, die er sich über der Stirn zu einer Toni-Curtis-Tolle gedreht hatte. "Wenn die Kameraden abends gesoffen und geraucht haben", sagt er, "hab ich mich vor meine Höhensonne geknallt." Original Hanau für 49 Mark. Bei einem gemeinsamen Manöver in Grafenwöhr kam es dann zur Begegnung. Elvis wollte den deutschen Toni Curtis kennen lernen, und dieser brachte Presleys Frisur in Form.
Arnold Schwarzenegger die Haare geschnitten
Zehn Jahre später verlangte ein gewisser Arnold Schwarzenegger von ihm: "Schneid mir die Haare ganz kurz, dann wirken die Muckis größer." Frisch frisiert wurde der heutige Gouverneur von Kalifornien, damals noch am Beginn seiner Bodybuilderkarriere, prompt zum Mister Europa gewählt. Bruno Stickroth, der "ein paar Jahre wie ein Bekloppter Eisen gestemmt" hatte und als dreifacher Mister Stuttgart und Mister Baden-Württemberg in die Essener Grugahalle angereist war, wurde Siebter.
Auch so eine Geschichte aus Stickroths Mappe, die vom Dressman und Laufstegmodel erzählen. 500 Modeschauen, Fotoshootings, Kataloge, Bauer, Quelle, Neckermann, Paris, Hawaii, Gran Canaria, Atlantik Hotel Hamburg, Bayrischer Hof München, Hilton Berlin. Immer die Fürstensuite. Ein Fotograf hatte Stickroth damals im Friseurladen entdeckt und engagiert - aber Mister Baden-Württemberg passte in keinen Designeranzug. "Ich hab ich von heute auf morgen auf Konfektionsgröße gehungert", sagt er. Drangeblieben ist aber offenbar noch genug. "Wenn der schöne Bruno über den Laufsteg federt", dichtete Mitte der 70er-Jahre eine Zeitungsjournalistin über ihn, "dann ist das wie ein Versprechen. So was müsste es in Serie geben."
Den Job als Camel-Cowboy hat ein anderer bekommen
Der schöne Bruno. So nannten sie ihn schon, als er noch als Zeitschriftendrücker jobbte, Moorbäder und Schlankheitskuren verkaufte oder vor dem Kaufhaus Hertie in Nürnberg unzerreißbare Regenmäntel aus Gummi laut schreiend zerfetzte. Verkaufsfördernd waren diese Einlagen nicht unbedingt, dafür aber unterhaltsam. "Wenn ich morgens meine Show abgezogen habe, hat abends die ganze Stadt darüber gesprochen", sagt Stickroth.
An Selbstbewusstsein hat es ihm nie gemangelt, groß rauszukommen war für ihn stets nur eine Frage der Zeit. Barbier war er gewesen, Boxer, Bodybuilder und Badehosenmodel. Und der neue Camel-Cowboy wollte er eines Tages auch werden. Zum Casting im Münchner Gasteig reiste er aus London im knöchellangen Jeansmantel an, dazu trug er Dreitagebart und Westernstiefel. "Ich hab ausgesehen wie Django persönlich", sagt er. Der 40-tägige Dreh in Mexiko sei praktisch unter Dach und Fach gewesen, die Werbefilmer wollten nur noch einen einzigen Satz von ihm hören. "I gang meilaweit für a Camel-Filter" schwäbelte Stickroth ungeniert in die Kamera - den Job als Cowboy bekam ein anderer.
Blauäugiger Liebhaber in türkischen Sexfilmchen
Doch dafür wurde er König. Ein Filmproduzent hatte Stickroth auf irgendeinem Laufsteg gesichtet und den inzwischen erblondeten Germanen in die Türkei geholt, wo er als Bruno Hakan ("König Bruno") in türkischen Fernsehserien meist den blauäugigen Liebhaber gab. Knapp 20 Filme hat Stickroth in der Türkei zwischen 1975 und 1980 gedreht. "Hollywood hat sich nicht gemeldet", sagt er. Das Thema Film ist seither abgehakt, an die große Karriere glaubt Stickroth aber nach wie vor. "Das haben wir einfach im Blut", sagt er. Sein Sohn aus erster Ehe, Marcus Stickroth, hat in Manhattan Karriere als Berufsmusiker gemacht. Und Thomas Stickroth, einst Kinderstar im Quelle-Katalog, wuschelköpfiges Fotomodell und Wunderknabe in der VfB-Jugend, hat es immerhin zum Bundesligaprofi gebracht, unter anderem in Saarbrücken und beim VfL Bochum.
Karaoke-Star auf Plateau-Schuhen
Vater Bruno feilt unverdrossen an einer Musikkarriere. Nachdem er eines Tages nicht mehr für Shootings und Auftritte gebucht wurde, besann sich er sich auf sein Handwerk und heuerte im Stuttgarter Salon Hörrmann an. Dort wurde er schnell zum Starfriseur im Städtle, nebenbei machte er sich bei Karaoke-Wettbewerben mit diversen Elvis-Auftritten einen Namen als Bruno Roth. Mit Glitzerfummel und Plateauschuhen. Die hat der 70-Jährige jetzt schon einige Zeit nicht mehr angezogen, seine Ehefrau Bärbel hat ihm aus Altersgründen davon abgeraten. Stattdessen hat er vor Kurzem eine CD mit alten Schlagern aufgenommen - "Moon River", "Lilly Marleen", "Wonderful World", "True Love". Teilweise habe er dazu selber deutsche Texte geschrieben, sagt er, es soll eine "musikalische Biografie" werden, eine eigene Bühnenshow. Die Bruno-Show. Ein paar Leute, raunt er, seien bereits an ihm dran. Als Schlussnummer hat er sich "My Way" ausgesucht. Und zur Musik, sagt er, "da knallen wir meine Fotos groß an die Wand".
