Boxhagener Straße – zwischen altem Charme und neuem Lebensgefühl

Das Kino Intimes in der Boxhagener  - Jessy Medernach
Das Kino Intimes in der Boxhagener - Jessy Medernach
Der beliebte Boulevard in Berlin-Friedrichshain, einst Arbeiterviertel und bekannt für Hausbesetzungen, zieht immer mehr Touristen und Besserverdiener an.

Die Boxhagener Straße bietet ein eigentümliches Flair aus graffitibeschmierten Wänden und sanierten Luxuswohnungen, einem Geruch von frisch gebackenem Kuchen und Hundeexkrementen, den Klängen von mexikanischen Touristenliedern und rotzigem Punkrock. Hier treffen Urberliner auf Hinzugezogene, Linksorientierte auf Touristen, junge Familien auf Obdachlose. Doch der eine lässt sich vom anderen nicht stören. Oder etwa doch?

Trendläden und sanierte Luxuswohnungen

Läden, bei denen die Besitzer kreativ-ausgelassen den Namen gewählt haben, prägen das Bild des Boulevards. Im „Frittiersalon“ werden keine von Fett triefenden Fritten, sondern Pommes aus Biokartoffeln und Hamburger aus Neuland-Fleisch serviert. Der „Kuchenrausch“ lädt zu einem gemütlichen Schmaus in alten Ohrensesseln ein.

Friedrichshain ist mittlerweile angesagt, das wissen auch die Reiseführer. Vor allem im westlichen Teil der Boxhagener Straße tummeln sich Touristen in Scharen. Die Simon-Dach-Straße wird immer mehr zum Ballermann Berlins, nicht zur Freude aller Bürger. An vielen Wänden findet man touristenfeindliche Aussagen wie „U Touris kill the Kiez“ („Ihr Touristen tötet den Kiez“).

Die Altbauten der Boxhagener Straße sind mittlerweile fast alle saniert, sie zeigen sich in hübschen Pastelltönen von ihrer besten Seite. Immer mehr Gutsituierte und junge Familien ziehen in die, oft luxuriös umgestalteten, Häuser ein. Durch die steil steigenden Mieten werden viele alteingesessene Friedrichshainer aus „ihrem“ Kiez verdrängt.

Raum für Andersdenkende und Hausbesetzer

Friedrichshain war als ehemaliges Arbeiterviertel und Wohnraum der Unterschicht politisch schon immer links orientiert. Nach dem Ersten Weltkrieg spitzte sich dies zu, viele Kommunisten und Anarchisten schlugen ihr Lager im Kiez um die Boxhagener Straße auf. Der Terror des Zweiten Weltkrieges liquidierte diese Szene, doch es scheint als würde dieser Ort immer wieder Andersdenkende anziehen.

Seit den 70er Jahren übernahmen Hausbesetzer viele verrottete Häuser, denen der Abriss drohte. Sie retteten so wahrscheinlich zahlreiche Altbauten vor dem sicheren Aus. Im Kiez wollte zu DDR-Zeiten eh keiner wohnen, angesagt waren die neu errichteten Plattenbauten mit moderner Ausstattung. In den heruntergekommenen Altbauten entstanden so Kneipen, „Volxküchen“, Buchhandlungen und Infoläden.

In den Oktobertagen 1990 kam es zu der Räumung der zwölf besetzten Häuser der Mainzer Straße. Es war vor allem eine politische Initiative, der Wunsch Berlin aufzupäppeln, der dies veranlasste. Die anfangs friedlichen Proteste der Hausbesetzer eskalierten, es kam zu bürgerkriegsähnlichen Straßenschlachten, mit Einsatz von Tränengas und Wasserwerfern von Seiten der Polizei, und Molotowcocktails und Pflastersteinen seitens der Autonomen.

Heute sind fast alle besetzten Häuser rund um die Boxhagener Straße geräumt, saniert und die ehemaligen Hausbesetzer mussten ihren Kiez verlassen.

Kurze Geschichte der Boxhagener Straße

Die Boxhagener Straße wird 1699 das erste Mal in Geschichtsbüchern erwähnt. Damals verband der „Alte Cöpenicker Weg beim Boxhagen“ Berlin mit Rummelsburg und Köpenick. Den Namen verdankte er einem Gutshof, der seit etwa 1400 in der Nähe der Wühlischstraße angesiedelt war. Mit dem Wachstum der „Colonie Boxhagen“ wurde der Landweg zu klein und 1854 von Sträflingen aus dem Gefängnis Rummelsburg chaussiert.

Ab 1900 siedelten sich in der „Kolonie Friedrichsberg“ zahlreiche Fabriken an und so entstand ein Arbeiterviertel vor den Grenzen Berlins. In den Vorderhäusern befanden sich meist kleine Wohnungen mit Toiletten im Treppenhaus, im Hinterhof entstanden Fabriken und Pferdeställe. Die „Konsum- Kornbrand- und Likörfabrik Melde“ befand sich im Haus Nr. 70, die „Cylkon Maschinenfabrik“ im Haus Nr. 80 und die Schraubenfabrik „Sudicatis“ war im Haus Nr. 73 angesiedelt. In letzterem befindet sich heute eine überdimensionale Jugendherberge mit 70 Zimmern. Leider erinnert nichts mehr an die geschichtlichen Orte, die früher hier angesiedelt waren.

Alteingesessene Boxhagener und Hausprojekte

Und doch gibt es zwischen Hip und Bio noch einige alteingesessene Läden, die nicht weichen wollen, und so zu dem besonderen Flair der Boxhagener Straße beitragen. In der Fleischerei „Hadel“ werden bereits seit über 100 Jahren Fleisch- und Wurstwaren verkauft. Zusammen mit den Nachbarn „Papiermarkt“ und „Foto-Werk Berlin“ werben die „Drei aus der Kiste“ für „Kauf ein im Kiez“.

Das Projekt „Theaterkapelle 10245“ hat die alte Friedhofskapelle des Georgen-Parochial-Friedhofs übernommen. Die Leiterin Christina Emig-Könning sieht das Theater „als ewiges Prinzip von Werden und Vergehen“. In dem ältesten denkmalgeschützten Gebäude Friedrichshains findet nur noch alle zwei Wochen eine Totenmesse statt. Sonst tobt hinter den roten Backsteinmauern das pralle Leben mit sozialkritischen Theatervorstellungen, experimentellen Konzerten und interdisziplinären Veranstaltungen.

Auch das Kino „Intimes“ zeigt schon seit mindestens 1915 Filme, meist Arthouse-Produktionen oder Archivfilme. Mit dem Kachelofen und dem alten Projektor lädt es noch immer viele Besucher zu intimen Momenten ein. Ein Glück, dass die Bewohner des Hauses, zusammen mit der Genossenschaft „SelbstBau“, vor gut zehn Jahren die Sanierung des Hauses selbst in die Hand nahmen. Der Mietvertrag wäre sonst abgelaufen und die Bauunternehmer, die das Haus aufkaufen wollten, hätten womöglich keinen Stopp vor dem Pantoffelkino gemacht.

Auch einige der ehemaligen Hausbesetzer der Mainzer Straße haben sich zu solchen Hausprojekten zusammengetan. Es ist der Wunsch nach einem gemeinschaftlichen Leben und der autonomen Gestaltung des unmittelbaren Lebensraums, der immer mehr Leute in Hausgemeinschaften treibt. Der Erwerb der Häuser findet heute allerdings meist auf legalem Weg statt. Auch die neuen Besitzer des „Grüni 73“ oder des „Scharni 38“ in den Parallelstraßen zur Boxhagener haben die Sanierung „ihres Hauses“ selbst in die Hand genommen. Bis vor kurzem wurden solche Projekte noch vom Senat finanziell unterstützt. Heute fließen keine Gelder mehr, es ist wohl ertragreicher, die Häuser an Bauunternehmen zu verkaufen.

Obwohl das Profil der Boxhagener sich in den letzten 20 Jahren stark verändert hat, besteht noch immer die charmant-freche Atmosphäre des Kiezes. Und womöglich macht gerade die bunte Mischung der Bewohner diesen Charme aus.

Quellen und weiterführende Informationen:

Geschichte Friedrichshains

Bericht über das Kino Intimes in der BZ, 1999

Bericht über die Theaterkapelle im Tagesspiegel, 2010

Bericht über besetzte Häuser im Mieter Magazin, 2003

Bericht von Spiegel TV über die Räumung der Mainzer Straße

Das Projekt "Grüni 73"

Jessy Medernach, Jessy Medernach

Jessy Medernach - Lebt seit einem Jahr in Berlin, stammt aus dem kleinen Luxemburg und ist hin und her gerissen zwischen dem lärmenden, schmutzigen, ...

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