Die kleine Krabbe auf dem Foto der Deutschen Presseagentur (dpa) verendet im Ölschlick. Ihr Überlebenskampf war vergebens, das Foto nur ein Schnappschuss im Auftrag. Tausende Meerestiere und –pflanzen aber sterben unbemerkt im Golf von Mexiko: in artenreichen Küstenstreifen, Mangrovensümpfen oder auf See. Sobald die zähklebrige Ölschicht ihre namenlosen Kadaver wieder freigibt, spült die nächste Flut sie wohl ins Meer hinaus. Inzwischen schwappt das giftige Zeug an alle Küsten der US-Golfstaaten: von Mississippi, Louisiana und Alabama bis nach Texas und Florida. Von See treibt der Wind Ölgestank ans Ufer. Benzoldämpfe steigen aus der braunen Brühe auf.

Braune Pelikane, Basstölpel oder Königsseeschwalben kämpfen um ihr Leben

Im Sonnenlicht schillert die heimtückische Öldecke auf dem Wasser blau-braun. Meerestiere oder –vögel übersehen sie beim Auftauchen oder Landen. Nur ihr Geruch warnt manchmal die Vögel: Lebensgefahr. Hat das Öl sie erst einmal in den Fängen, versiegelt es die Kiemen der Fische und blockiert so Atmung und Kreislauf. Es zerstört die Sehkraft bis zur Erblindung und tötet zum Beispiel Vögel innerhalb weniger Stunden. Bleiern haftet das zähe Öl am Gefieder, so dass sie verzweifelt rudern und flattern. Auch die Wärmeisolation des Gefieders schwindet. Vergeblich versuchen sie, sich noch in die Luft zu retten, bevor sie schließlich kraftlos aufgeben, ertrinken, ersticken oder vergiftet gefressen werden. Ob Braune Pelikane oder Reiher, Basstölpel, Königs- oder Raubseeschwalben: tausende Wat- und Küstenvögel schreien im Golf von Mexiko um ihr Leben.

Ölpest im Golf von Mexiko schädigt mehr als 400 Pflanzen- und Tierarten

Da die Katastrophe in der Laich- und Brutsaison einsetzte und zahllose Naturschutz- und Vogelbrutgebiete heimsucht, liegt der ökologische Schaden besonders hoch. Denn damit ist die nächste Generation zahlloser Populationen mit einem Schlag ausgelöscht. Die zukünftige Entwicklung der Pflanzen- oder Tierarten dieser Region wird daher sehr geschwächt. Der World Wildlife Fund Deutschland (WWF) schätzt, dass mehr als 400 Tier- und Pflanzenarten auf lange Zeit dadurch geschädigt werden.

Über Nacht versinken zum Beispiel Nester von Bodenbrütern im Ölschlick. Entscheiden sich die Altvögel dann zur Flucht, überlassen sie ihre flugunfähige Brut dem sicheren Tod. Harren sie jedoch schützend aus, erkranken und sterben beide an der Verseuchung. Obwohl Baumbrüter ihre Jungen in sicherer Höhe aufziehen, leiden auch sie unter den Folgen der Ölpest. Denn ihre Hauptnahrung, wie Fisch, Algen oder Insekten, finden sie jetzt kaum noch. Nur ein Hurrikan mag das ernste Szenario noch verschärfen.

BP-Ölpest bedroht Karibik-Manati, Blauflossenthun und Großen Tümmler

Menaden (Heringsart), Blauflossenthun oder Karibik-Manatis (Seekuhart) zählten bereits vor der Ölpest zu den stark gefährdeten Arten. Artenschützer befürchten daher eine weitere Dezimierung der Tiere. Nach Angaben des WWF leben derzeit nur noch 2.500 ausgewachsene Seekühe an der Golfküste. Da diese Meeressäuger längs der Küste leben und vorwiegend in Seegraswiesen weiden, nehmen sie dort leicht Gifte auf, die das Öl auf die Pflanzen überträgt. Versinken diese Weidegründe im Öl, verlieren die letzten noch lebenden Verwandten der Elefanten einzigartige Lebensräume. Ebenfalls große Sorge bereitet die Zukunft des Großen Tümmlers (Delphinart), verschiedener Haiarten oder Pottwale.

Meeresschildkröten speichern zahllose Gifte für immer an

Meeresschildkröten atmen über ihre Lunge. Daher schwimmen sie zwischen ihren Tauchgängen wiederholt zur Wasseroberfläche. Dabei geraten sie zum Beispiel auf der Unterwasserjagd nach Quallen unvermittelt in Ölschwaden, die ihren Körper überziehen. Auch bei ihrer täglichen Nahrungssuche in verölten Seegraswiesen dringen lebensgefährliche Stoffe in sie ein. Der Schmierfilm aus Öl und Meerwasser benetzt dabei Schlund, Augen oder Lunge der Meeresschildkröten, so dass besonders Jungtiere daran ersticken.

Da sich die Schadstoffe der einverleibten Nahrung allmählich im Körper anreichern, wirken sie sich nach Aussage von WWF Deutschland erst mittelfristig auf Meeresschildkröten aus. Wie zahllose Tiere oder Pflanzen deponieren auch sie einen Giftcocktail aus Arsen, Benzol, Naphtalin, polyzyklischen Aromaten oder Corexit 9500. Ob Karibische Bastardschildkröten, Karrettschildkröten oder Lederschildkröten sich vergiften, oder ob die bereits heute stark gefährdeten Unechten Karrettschildkröten oder Grünen Meeresschildkröten erkranken: wie alle Organismen im Golf von Mexiko sind sie fest eingewoben in fein verzweigte Nahrungsketten und schultern bisher das ökologische Gleichgewicht.

Arsen, Corexit 9500 und polyzyklische Aromate reichern sich an

Auf Jahrzehnte hin tragen ölverschmutzte Mangrovensümpfe oder teerüberzogene Meeresböden eine hohe Schadstoffbelastung. Aber auch Meerwasser, Meerestiere und -pflanzen speichern davon große Mengen. Wie die Schadstoffe im Einzelnen oder in der Summe auf lebende Organismen wirken, welche Krankheiten sie verursachen oder wie lange sie das vielfältige Leben im Golf von Mexiko verpesten, bleibt auch im Expertenkreis bis heute unklar. Sicher ist allerdings, dass die Chemikalie Corexit 9500 das Öl in feinste Tröpfchen aufspaltet und so zum Meeresgrund absenkt. Dabei jedoch gelangen mit dem Rohöl gefährliche polyzyklische Aromate in die Tiefe, die jahrzehntelang unter einer allmählich wachsenden Sedimentschicht schlummern.

Erfahrungen aus Öltankerunfällen belegen, dass Fische, Krabben, Muscheln oder Seeigel dadurch an Geschwüren, körperlichen Missbildungen oder Erbgutveränderungen erkranken. Während nach Angaben von Greenpeace e.V. das Lösungsmittel Corexit 9500 noch gefährlichere Stoffe enthält, warnen Forscher des Imperial College in London vor langfristiger Anreicherung des giftigen Rohölbestandteils Arsen in der Nahrungskette.