Brasil Plural: Zehn Jahre Festival

Kurz-, Spiel- und Dokumentarfilme aus Brasilien in deutschen Kinos

Brasil Plural reflektiert aktuelles und vergangenes Filmschaffen des größten lateinamerikanischen Landes mit einem vielfältigen Programm

Die Vielfalt der brasilianischen Filmlandschaft in Mitteleuropa bekannt zu machen, ist das Anliegen von "Brasil Plural". Das Festival, 1998 auf Initiative zweier Filmemacher in München geboren, präsentiert jeden Herbst und Winter Filme aus allen Genres und tourt damit durch rund ein Dutzend Städte in Deutschland, der Schweiz und Österreich.

Brasilien - ein cineastischer Kosmos

Kino aus Brasilien verbindet man hierzulande oft mit dem verklärten Romantizismus von Klassikern wie "Orfeu Negro", oder den etwas kitschigen Verfilmungen der Bücher von Jorge Amado, in denen Sexsymbol Sonia Braga und auch mal ein Marcello Mastroianni die Protagonisten mimten. Das Cinema Novo, das den brasilianischen Film in den Sechzigern auf einen neuen, geradezu avantgardistischen Level brachte, war ein Phänomen, das im Ausland nur unter Kennern Beachtung fand. Heute hat es immerhin der Regisseur Walter Salles ("Central do Brasil", "Die Reise des jungen Che") zu weltweitem Erfolg gebracht.

Regionale Zwischentöne

"Brasil Plural" setzt jedoch gerade auf unbekannte, regionale Zwischentöne, die zum Teil die progressive Ausrichtung des Cinema Novo fortsetzen. So gelingt es, die kulturellen Besonder- und Verschiedenheiten des riesigen Landes abzubilden. In vergangenen Ausgaben richteten die Kuratoren den Blick unter anderem auf Religiosität im Alltag, präsentierten sozialkritische Epen über Emigration oder Porträts origineller Musiker. Zum zehnjährigen Jubiläum wird der Anspruch untermauert, Streifen abseits der US-amerikanischen Ästhetik zu zeigen.

Zwischen Telenovela und Roadmovie

Mit "2 Filhos de Francisco" wird das Genre des Roadmovies mit dem des Musikfilmes verknüpft, wenn in fast warmherzigen Bildern der Weg eines jugendlichen Duos zum großen Erfolg erzählt wird. Hier ist noch am ehesten die Nähe zum Mainstream zu spüren, war der Streifen von Breno Silveira doch ein großer Publikumsrenner in der Heimat. Andere Beiträge befassen sich mit der harten Realität. "A Negacao Do Brasil" legt den Finger auf eine altbekannte Wunde: Wenn Rassismus, wie viele Brasilianer meinen, in ihrem Land gar nicht existiert. weshalb sind schwarze Schauspieler in der schönen Welt der Telenovelas immer auf bestimmte Rollen festgenagelt? Und "Cabra-Cega" (Regie: Toni Venturi) rekapituliert die bittere Epoche der Militärdiktatur mit den filmischen Möglichkeiten des 21.Jahrhunderts.

USA-Kritik, Anime-Erotik und Retro-Flair

Spannend sind auch die beiden Kurzfilmprogramme, stets das Kernstück von "Brasil Plural". Aus ihnen ist das Festival auch hervorgegangen. Hier bietet sich die Chance, in 90 Minuten durch verschiedenste brasilianische Regionen und Befindlichkeiten zu reisen. Da erlebt man, wie ein schmieriger Familienvater sich mit tragischen Folgen in die Rolle von George W. Bush hineinsteigert - raffiniert verpackte Kritik an den USA und am Machismo von Pantoffelhelden zugleich. Oder es werden erotische Fantasien in eine Anime-Sequenz projiziert, wenn sich ein Feuerwehrmann mitten in den Flammen mit einer vollbusigen Blondine vergnügt.

Am schönsten vielleicht "Cine Holiúdy": Hier werden wir Zeuge, wie ein Filmvorführer in den 1970ern zum Geschichtenonkel werden muss, da der Projektor durchgebrannt ist. Ein schöner Spiegel für Brasiliens Filmindustrie - hier kann sich bis heute gewitzte Erzählkunst noch neben den Special Effects aus dem Computer behaupten.

Brasil Plural läuft noch bis zum 28.01.2008 in verschiedenen Städten.

Stefan Franzen, Christopher Schmitt

Stefan Franzen - Er hat ganz klassisch die Musikwissenschaften studiert. Doch schon während seiner Zeit an der Uni merkte Stefan Franzen, dass es neben ...

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