Brasília

Die Geschichte der futuristischen Hauptstadt Brasiliens.

Nach nicht mal fünf Jahren Bauzeit wurde Brasília 1960 eingeweiht. 1987 zum UNESCO Weltkulturerbe erhoben ist sie bis heute das Symbol für moderne Stadtplanung.

Mehrere Versionen kursieren über den Ursprung von Brasília. Eine sagt, dass 1883 der italienische Priester Johannes Bosco vom Orden der Salesianer einen Traum hatte: Eine neue Zivilisation werde entstehen, irgendwo in der Mitte von Brasilien. Fakt ist, dass der Traum von Dom João Bosco den Brasilianern zu Ohren kam. Und dass der Plan, eine neue Hauptstadt zu bauen, bereits 1891 in die Verfassung aufgenommen wurde.

Der Plan von Kubitschek

Die anderen Versionen sind pragmatischer und hängen mit dem brasilianischen Präsidenten Juscelino Kubitschek zusammen. Er proklamierte 1955, dass auf einer Hochebene im Bundesstaat Goiás endgültig die neue Hauptstadt entstehen werde. Brasília sollte sie heißen und ein Symbol werden für Brasilien als moderne, aufstrebende Wirtschaftsmacht. Kubitscheks Plan brachte ihm viel Anerkennung und noch mehr Geld von internationalen Kreditgebern. Die Erschließung des Landesinneren, so die Befürworter des Plans, eröffne einen neuen Zugang zu den Bodenschätzen dieser Region. Der Bau der futuristischen Stadt lenke vor allem die Aufmerksamkeit weg von den sozialen und wirtschaftlichen Missständen des Landes, konterten die Gegner.

Niemeyer, Costa und Marx

In einer öffentlichen Ausschreibung wurden die kreativen Köpfe von Brasília ermittelt. Oscar Niemeyer, der bereits durch seinen Entwurf für das UN-Gebäude berühmt wurde, und der Stadtplaner Lúcio Costa gingen als Sieger hervor. Costa entwarf den Grundriss (Plano Piloto) Burle Marx plante die Landschaftsarchitektur. Die Bauträgergesellschaft Novacap (kurz für Nova Capital - neue Hauptstadt) setzte die Pläne um.

Die Freie Stadt

Vor allem Menschen aus dem Nordosten Brasiliens, die „candangos“, strömten nach Goiás. Das Leben als Bauarbeiter bot eine gute Chance, den armen Nordosten zu verlassen und neu zu beginnen. Die Zuwanderer fanden sich in Siedlungen wieder, 25km von der Baustelle entfernt. Ihre Niederlassungen wurden kurz „Cidade Livre“, Freie Stadt, genannt, denn dort mussten keine Steuern bezahlt werden.

Brasília, neue Hauptstadt

Bis zu 15 Stunden am Tag schufteten die candangos, und das Ergebnis war beachtlich: Nach nicht einmal fünf Jahren Bauzeit signalisierten Fanfaren und Feuerwerke, dass die Hauptstadt von Brasilien nicht mehr Rio de Janeiro heißt. Die meisten Hotels waren zwar noch unmöbliert und die Kathedrale für den Einweihungs-Gottesdienst war auch noch nicht fertig. Dennoch: Am 21. April 1960 wurde Brasília eingeweiht.

Unzufriedene Beamte

Die tatsächlichen Ausgaben, die der Bau von Brasília verschlungen hatte, waren weit entfernt von den ursprünglichen Kalkulationen. Der Internationale Währungsfonds wurde ungemütlich, zudem machte gerade eine enorme Inflation Brasilien zu schaffen. Viele Brasilianer waren unzufrieden mit dem Mega-Projekt, die Regierungsabgeordneten konnten sich mit ihrem neuen Hauptwohnsitz nur schwer anfreunden. Kubitschek zeigte sich spendabel: Er versprach den Beamten eine hundertprozentige Gehaltserhöhung, wenn sie ihren Hauptwohnsitz von Rio nach Brasília verlegen.

Navigieren durch Brasília

Die Vogelperspektive auf Brasília erinnert an ein Flugzeug. Es nimmt Kurs auf den Lago do Paranoá, einem gigantischen künstlichen See. In den Flügeln leben die Menschen. Hier reiht sich Wohnblock an Wohnblock in Straßen ohne Namen. Nummern dienen der Orientierung. Im Rumpf befinden sich die Regierungsgebäude und die Denkmäler. Der Rumpf unterteilt auch die Stadt in einen nördlichen und in einen südlichen Sektor. Das Cockpit ist der „Platz der Drei Gewalten“, der Präsidentenpalast (Palácio do Planalto), das Parlament (Palácio do Congresso) und der Oberste Gerichtshof (Palácio da Justiça).

Die Stadt der gebildeten Autofahrer

Die breiten, stark befahrenen Straßen und die weitläufig angelegte Stadt machen den Fußgängern das Leben schwer. Wer eine Straße überqueren möchte, braucht Geduld, wer von A nach B kommen möchte, am besten ein Auto. In der Stadt selbst leben heute etwa 200.000 Menschen, viele von ihnen sind Beamte. Rund 1,5 Millionen Menschen haben sich in den herunter gekommenen Satteliten-Städten rund um Brasília angesiedelt. Für sie war im Plano Piloto kein Platz vorgesehen.

Gerit Gönitzer - Den Großteil meines Lebens verbrachte ich in Wien. Dort studierte ich auch Sozial- und Kulturanthropologie, Publizistik und ...

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