Braunbären in Rumänien

Wie gefährlich sind Rumäniens Bären für Wanderer?

In Rumänien sind Braunbären noch häufig - Niko Korte
In Rumänien sind Braunbären noch häufig - Niko Korte
In Rumänien lebt Europas größte Population von Braunbären. Immer wieder wird von Angriffen auf Menschen berichtet. Wie groß ist die Gefahr wirklich? Wie schützt man sich?

„Und wenn Ihr einen Bären trefft, dann macht Krach!“ warnt der Verkäufer des Outdoor-Shops. Und mit Nachdruck fügt er hinzu „Kein Witz!“. Das Geschäft ist eines von vielen dieser Art im rumänischen Brasov (gesprochen „Braschow“), einer der größten und auch schönsten Städte des jungen EU-Landes.

Brasov, zu Deutsch Kronstadt, ist Industriestandort, Erholungsort, Wandererhochburg. Wer Streifzüge in die Südkarpaten unternehmen möchte, bezieht zunächst meist hier Quartier. Doch nicht nur Touristen schätzen die dicht bewaldeten Berghänge der Karpaten, sie sind auch Heimat für 5.000 heute noch frei lebende Braunbären. Es handelt sich um die größte noch existierende Population dieser Art in Europa.

Viel Phantasie ist nicht nötig, um sich in den dichten Mischwäldern eine Begegnung mit einem Bären vorzustellen. In Westeuropa muss man nicht damit rechnen, einem Tier zu begegnen, das im Durchschnitt 300-400 Kilogramm schwer wird. Und so schwingt schon eine gewisse Spannung mit, wenn man durch die Berge des Postavarul wandert, den knapp 1800 Meter hohen Gebirgszug südlich von Brasov.

Die Müllbären von Brasov (Kronstadt) in Rumänien

Es ist keine Seltenheit, dass in dieser Region Braunbären gesichtet werden. Die bergige Baumlandschaft der Südkarpaten bietet ihnen einen großzügigen Lebensraum, allerdings lockt die Aussicht auf einfach zugängliche Nahrung in Form von Abfällen die Bären immer häufiger in die Nähe der Städte. Bären sind Allesfresser, sie können sich, je nachdem was ihnen ihr Lebensraum bietet, ebenso von Gräsern, Früchten und Beeren ernähren wie von der Jagd auf größere Wildtiere. Essensreste in Mülltonnen bieten für Bären eine schmackhafte Abwechslung, weshalb sie immer häufiger auch in der Nähe von Ortschaften gesichtet werden und sogar von Fällen berichtet wird, in denen Bären bis in Hinterhöfe vorgedrungen sind. Einheimische der Region Brasov sehen die hungrigen Besucher daher mit wachsender Besorgnis. Doch nicht nur der Müll ist für die Allesfresser verlockend. Auch in Maisfeldern oder Obstgärten stillen sie gerne ihren Hunger. Für Bären gibt es derzeit ein leicht zugängliches Überangebot an Nahrung, die Scheu vor dem Menschen weicht dabei zunehmend einer Gewöhnung.Verstärkt wird das Problem zusätzlich durch unseriöse Geschäftemacher, die versuchen, die „Müllbären“ als Touristenattraktion zu verkaufen. Vor allem in Brasov füttern sie die Bären gezielt an, um Urlaubern gegen ein entsprechendes Entgelt eindrucksvolle Urlaubsfotos zu verschaffen.

Angriffe von Bären auf Menschen in Rumänien kommen immer wieder vor

Schlagzeilen aber machen vor allem jene Begegnungen mit den Braunbären, die nicht nur mit einer durchwühlten Mülltonne enden. Gelegentlich kommt es zu Angriffen von Bären auf Menschen, meist auf Touristen. Im August vergangenen Jahres wurde ein deutscher Urlauber beim Campen im Gebiet Lunca Padinei in der Nähe von Brasov von einem Bären auf Nahrungssuche angefallen und schwer verletzt. Der Bär zerriss das Zelt, in welchem der Mann mit zwei Gefährten schlief. Im Gebiet Lunca Padinei ist das Campen untersagt, nachdem Bären schon häufiger Zelte zerrissen hatten, auch wenn es bei diesen Vorkommnissen keine Verletzten gab. Dem Mann wurde zum Verhängnis, dass er die ausschließlich auf Rumänisch beschrifteten Warnschilder nicht deuten konnte.

Wenige Wochen zuvor war am Fuße des Berges Tampa bei Brasov die Leiche eines Mannes gefunden worden, der wahrscheinlich von einem Bär getötet worden war.

Ebenfalls einen Angriff auf ein Zelt gab es im September 2007 im Buceci-Gebirge südlich von Kronstadt, bei dem ein Mann schwer verletzt wurde.

Nachrichten wie diese gibt es immer wieder und die Diskussion um die eigentliche Gefahr, die von den Bären ausgeht, wird dabei jedesmal neu entfacht.

Aber wie gefährlich sind die Bären wirklich? Bei näherer Betrachtung der Vorfälle, in den Menschen durch Braunbären angegriffen, verletzt und sogar getötet wurden, ist das Verhalten der Tiere erklärbar. Viele Angriffe passieren, wenn Weibchen mit ihren Jungen überrascht werden. Bärinnen verteidigen ihren Nachwuchs vehement, ebenso wie Nahrung, die sie entdeckt haben. Auch ein panischer Bär kann zu einer großen Gefahr werden. Dies wurde im Juni 2007 einer US-amerikanischen Touristin im Buceci-Gebirge zum Verhängnis. Eine Bärin war dort zunächst in der Nähe einer Berghütte von einer Gruppe Touristen mit Blitzlicht fotografiert und gleichzeitig von Hunden gehetzt worden. Das verängstigte und wütende Tier traf bei seiner Flucht auf eine weitere Gruppe Wanderer, zu welcher auch die US-Amerikanerin gehörte. Die Frau erlitt bei dem Angriff der Bärin tödliche Verletzungen.

Das richtige Verhalten gegenüber Bären kann Angriffe verhindern

Doch die Gefahr von einem Bären verletzt zu werden, kann durch das eigene Verhalten minimiert werden. Wer sich mit dem natürlichen Verhalten dieser Tiere beschäftigt und einige Regeln einhält, ist weitgehend auf der sicheren Seite. Internetforen und Bücher, die sich mit dem Verhalten bei Bärenbegegnungen befassen, haben weitestgehend die gleichen Tipps für Wanderer parat wie der Verkäufer im Outdoor-Shop: ruhig bleiben, laut sein, deutlich machen, dass man ein Mensch ist. Panisches Weglaufen wäre sinnlos, denn Bären können auf kurzer Distanz Geschwindigkeiten von über 50 km/h erreichen. Auch wenn die Begegnung mit einem Braunbären die wohl spektakulärste Story wäre, die man der Familie zu Hause berichten könnte, sollte man versuchen ihnen von vornherein aus dem Weg zu gehen. Bären greifen nicht gezielt Menschen an. Sich bemerkbar machen hält Bären auf Distanz. Wildes Campen ist in den Karpaten generell zu vermeiden. Muss es doch sein, sollte das Zelt nicht mitten im Gehölz aufgeschlagen werden, denn Bären sind auch in der Nacht aktiv, sehen dann aber nicht so gut und könnten über das Zelt stolpern. Trifft man auf einen Bären, sollte der Fotoapparat in der Tasche bleiben, vor allem das Blitzlicht kann Bären aggressiv machen.

Gerüche sind für Bären ein wesentliches Lockmittel. Ihr Geruchssinn ist phänomenal, weshalb Düfte vom abendlichen Grillen für sie von magischer Anziehungskraft sind. Auch dies sollte man vermeiden.

Bären müssen als Wildtiere verstanden werden. Wer sich in ihr Revier begibt, muss sich respektvoll verhalten und vorsichtig sein. Während in Westeuropa Braunbären äußerst selten sind, gehören sie in den Südkarpaten noch zum Alltag der Einheimischen. Auch wenn Nachrichten über Opfer von Bärenangriffen immer wieder Angst schüren, sollte eher mehr Aufwand in die Aufklärung zum richtigen Verhalten den Bären gegenüber investiert werden – sowohl bei Touristen als auch bei den Einheimischen.

Auch wenn man bei einer Wanderung durch die Wälder der Karpaten vielleicht keinem Bären begegnet, es ist trotzdem ein schönes Gefühl zu wissen, dass es sie dort gibt.

Dieser Artikel erschien auch als Printausgabe im Magazin Canisund.

Links zu Rumänien und den Bären:

Constanze Liess, Constanze Liess

Constanze Ließ - Constanze Ließ studierte Journalismus an der Freien Journalistenschule Berlin. Sie bringt ihre Erfahrungen aus anderen Ländern ...

rss