Wenngleich nicht alle Brautwerbungsgeschichten auf dieselbe Weise klassifiziert werden können, sagen sie doch im Großen und Ganzen das gleiche aus: Eine schöne Frau soll gewonnen werden. Und dafür hat der Werber einiges zu leisten. Nicht nur, aber vor allem in der Brautwerbung ist typisch für die mittelhochdeutsche Literatur, dass mit Schemata gearbeitet wird. Feste Handlungsabfolgen, häufige Motive und klare Sprachformeln beeinflussen beispielsweise die Erwartungshaltung von Publikum oder Leser. So ist zum Beispiel die Sprachformel „Ez wuohs in...“ eine typische Einleitungsformel für die wichtigsten Charaktere, die sich auch im Nibelungenlied wiederfindet.
Brautwerbung - ein Überblick
Will man das Schema der Brautwerbung genauer betrachten, ist es zuerst einmal nötig, sich mit dem Gegenstand an sich näher zu befassen. In der Forschung wird üblicherweise zwischen gefährlicher und ungefährlicher Brautwerbung unterschieden. Während der Werber bei der gefährlichen Brautwerbung zahlreiche Hindernisse und Konflikte zu überwinden hat, verläuft die ungefährliche Brautwerbung nahezu reibungslos. In der Regel empfindet der Brautvater oder Vormund der Braut den Werber als angemessen und hat keine Einwände gegen eine Ehe. Im Gegensatz zu seinem Pendant, der gefährlichen Brautwerbung, fühlt er sich durch den Werber nicht in seiner Existenz bedroht. Für gewöhnlich wird die Ehe von Werber und Vormund beschlossen, es handelt sich also um eine klassische Muntehe. Die Gefühle der Braut und des Bräutigams werden nur oberflächlich betrachtet. Sie haben weder für die Ehe, noch für die Geschichte eine größere Bedeutung. Dass diese Form der Brautwerbung in der Brautwerbungsdichtung eher selten vorkommt, liegt auf der Hand. Sie bietet keine Grundlagen für Konflikte, die die Geschichte interessant machen.
Die gefährliche Brautwerbung
Bei der gefährlichen Brautwerbung muss der Werbende sich einigen Gefahren stellen. Oftmals ist der Vormund der Braut dem Werber gegenüber abgeneigt. Er fühlt sich in seiner Existenz bedroht oder ist der Ansicht, dass der Werber seiner Tochter nicht würdig ist. Auch die Gefühle des Werbers und seiner Braut spielen in der gefährlichen Brautwerbung eine größere Rolle als in der ungefährlichen. Wie man am Beispiel des Nibelungenliedes deutlich erkennen kann, beeinflussen auch die Gefühle der Protagonisten den Verlauf der Geschichte. Da der Werber bei der gefährlichen Brautwerbung einigen Schwierigkeiten gegenübersteht, verlässt er sich in der Regel auf die Hilfe von Boten, Freunden und Vasallen.
Klar ersichtlich ist, dass alle einzelnen Handlungen der Geschichte eine Funktion haben. Sie alle wirken sich auf die ganze Geschichte aus. Von größerer Bedeutung sind die unterschiedlichen Charaktere der Figuren. Wäre Hagen nicht so jähzornig und Brünhild nicht so überzeugt von sich selbst, wäre Siegfried nicht geradezu naiv was die burgundischen Könige angeht – die Geschichte hätte einen anderen Verlauf genommen.
Brautwerbung - warum und wofür?
All dies betrifft nun die Makrostruktur der Brautwerbung. Doch wie sieht es mit der Motivik aus? Was soll eine Brautwerbungsgeschichte bezwecken und warum weckt sie beim Zuhörer bestimmte Erwartungen? Erst in den Epen des 12. Jahrhundert erfährt die Minnethematik eine größere Resonanz in der epischen Literatur. Ging es in der früheren Literatur um Brautwerbung, war weniger die hôhe minne, als vielmehr einfach die Suche nach einer geeigneten Ehefrau zentrales Thema. Zwar schließt das Eine das Andere nicht aus, und das Nibelungenlied ist ein gutes Beispiel dafür. Dass die minne plötzlich eine völlig neue Bedeutung in der mittelhochdeutschen Literatur bekommt, könnte an aktuellen Geschehnissen der Zeit liegen. Doch bevor es zur Verwirklichung der Liebe kommt, müssen die Protagonisten nicht nur räumliche, sondern auch gesellschaftliche Hürden überwinden. Denn man konnte nicht einfach irgendeinen Ehepartner wählen. Stand und Ruf waren von großer Bedeutung. Gleichzeitig strebte man nach immer stärkerer Individualisierung, um sich von den übrigen Mitgliedern des eigenen Standes abzuheben. Gerade in der Minneliteratur spiegelt sich das sehr deutlich wieder. Wenn eine Liebesehe in der Realität schon gegenüber der Muntehe zurückstehen musste, so nahm man sich wenigstens in der Literatur die Freiheit, Wert auf eine Liebesbeziehung zu legen. Darin begründet sich auch, dass in Brautwerbungsgeschichten der Vormund zwar über die Eheschließung seines Mündels entscheiden kann, dieses aber gewöhnlich um Zustimmung gebeten wird.
Hohe Minne
Hohe minne setzt die Einhaltung eigener Regeln voraus. Eine höherrangige Frau wird nicht einfach ungefragt zur Ehegattin genommen. Der Mann muss sie umwerben und für sich gewinnen. Deshalb ist es, wenn Siegfried mit dem Gedanken spielt, Kriemhild mit Gewalt zu gewinnen, eigentlich undenkbar, dass eins edelen küneges kintzu solchen Maßnahmen greift, um eine Frau zu gewinnen. Doch eine Frau mag ihrem Mann von ihrem Stande her noch so ebenbürtig oder sogar überlegen sein – diese Gleichartigkeit beschränkt sich nur auf eine geistige, gefühlsmäßige Ebene. Körperlich hat sie sich ihrem Manne unterzuordnen.
Quellen:
Das Nibelungenlied
Schmidt-Cadalbert, Christian, Der Ortnit AW als Brautwerbungsdichtung, Ein Beitrag zum Verständnis mittelhochdeutscher Schemaliteratur, in: Haug, Herkommer, Rupp (Hrsg.), Bibliotheca Germanica 28, Francke Verlag, Bern, 1985
