
- Bremer Eiswette mit Schneider und Bügeleisen - Dennis Schmalhausen
Geiht oder steiht de Weser?, oder auf Hochdeutsch: Geht oder steht die Weser? Dieser wichtigen Frage wird in Bremen alljährlich am Dreikönigstag, also am 6. Januar, nachgegangen. Und zwar seit dem Jahre 1829. Außerdem geht es bei der Eiswette darum, das politische Zeitgeschehen zu kommentieren und bei einem Festmahl mit Kohl und Pinkel ein ordentliches Maß an Spendengeldern zu generieren – zugunsten der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS).
Überqueren der Weser mit heißem Bügeleisen
Es ist ein feierliches Ereignis, das nach klar festgelegten Regeln stattfindet. Der Protagonist der Eiswette soll ein Schneider sein, und genau 99 Pfund soll er wiegen, zusammen mit seinem Zylinder und dem heißen Bügeleisen, das er bei der Weserüberquerung bei sich trägt.. Das wird von kundiger Hand des Zeremonienmeisters und mittels einer Waage überprüft. Stimmt das Gewicht nicht, werden auch gute Argumente für diesen Sachverhalt akzeptiert. Wobei der Schneider heute kein Schneider mehr ist, sondern seit 1989 von Burckhard Göbel schauspielerisch präsentiert wird. Und während der Zeremonie bekommt die Landes- wie Bundespolitik ihr Fett reichlich ab. Die Heiligen Drei Könige sind selbstverständlich ebenfalls anwesend. Die Aufgabe des Schneiders ist es nun, trockenen Fußes mit dem heißen Bügeleisen in der Hand von der Ostertorseite der Weser zur Neustadtseite zu gelangen. Doch hier gibt es ein neuerliches Problem.
Seit dem Winter 1946/47 "geht" die Weser
Die Weser war zuletzt im Winter 1946/47 zugefroren, also vor über 60 Jahren. Seitdem ist die Weser offen, denn durch die Begradigungen des Flusslaufes und die Einleitung salzhaltigen Brackwassers wird das Zufrieren weitgehend verhindert. Vom Klimawandel ganz zu schweigen. Was zwar schön für die Handelstradition der Hanse und den Schiffsverkehr allgemein ist, dem Schneider aber nun einige Not bereitet. Doch zum großen Glück gibt es ja die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger mit ihren Seenotrettungskreuzern. Mit einem kleinen Tochterboot wird der Schneider sicher und trocken auf die Neustadtseite der Weser übergesetzt. Um aber – was den Zustand der Weserfluten angeht – ganz sicher zu gehen, wird auch noch die Steinwurfprobe vollzogen: Ja, es ist, wie es scheint und der ein oder andere insgeheim schon vermutet hat – die Weser geht!
Auf die Eiswette folgt das Stiftungsfest
Ganz uneigennützig ist die DGzRS indes nicht, wenn sie dem Schneider über den Fluss hilft. Denn folgend auf die Eiswette, findet am dritten Samstag im Januar jeweils das große Stiftungsfest zugunsten der DGzRS statt. Im Frack (höheres) beziehungsweise Smoking (niederes Volk) und in reiner Männerrunde wird an Eisschollen nachempfundenen großen runden Tischen üppig gespeist – traditionell versteht sich, was in diesem Falle Kohl und Pinkel heißt. Etwa 700 Herren der Schöpfung dürfen bei diesem Ereignis nicht nur das schwere fettige Essen über sich ergehen lassen, sondern auch eine Reihe von Reden. Da neben den Eiswettgenossen stets auch allerhand Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kultur anwesend ist, liest sich die Liste der Redner der "Deutschlandrede" und der "Bremenrede" wie ein Who is who: Wilhelm Kaisen, Willy Brandt, Walter Scheel, Karl Carstens, Andrzej Szczypiorski und viele andere waren schon mit von der Partie.
Doch die Herren sollen sich nicht nur die Mägen vollschlagen und herumtönen – sie sollen vor allem auch die Taler in der Tasche locker machen, für den guten Zweck. Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger ist Nutznießer dieser Veranstaltung. Und es gehört zum guten Ton, hier nicht zu knauserig zu sein. Das Radio Bremen-Magazin buten un binnen wollte es gern genauer wissen und fragte beim Stiftungsfest 2010 bei einigen Prominenten nach. Vierstellig, ja ja, das wäre die Summe schon, fünfstellig dann doch nicht, hieß es da zum Beispiel. Der UN-Sonderbeauftragte und frühere Manager von Werder Bremen, Willi Lemke formvollendet: "Als guter Bremer sagt man das nicht jetzt an dieser Stelle. Das wäre unbremisch und not appropriate."
Stiftungsfest 2012 und neuer Notarius Publicus
Die Gästerede des traditionellen Stiftungsfestes – 2012 am 21. Januar – wird Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, halten. Als zweiter Ehrengast ist der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, Mathias Döpfner, geladen, der die Deutschland- und Bremen-Rede halten wird. Das Jahr 2012 bringt der Bremer Eiswette außerdem einen neuen Notarius Publicus, der darauf achtet, dass alles seine Ordnung hat: Thomas Röwekamp, seines Zeichens Fraktionsvorsitzender der Bremer CDU und Dauergast in den Medien, wird diese, schauspielerisches Talent erfordernde, Rolle übernehmen.
Wie kam es zur Bremer Eiswette?
Im November 1828 ersannen ein paar befreundete Kaufleute die Bremer Eiswette. Die Verlierer sollten die Rechnung zahlen für den gemeinsam verspeisten "vaterländischen Braunen Kohl mit Zubehör". Ob die Weser zufror oder eben nicht, war damals von immenser Bedeutung für den Handel in der Hansestadt – andere Verkehrswege waren wenig oder noch gar nicht erschlossen. Und so war die Eiswette Jux und Dollerei mit einem ernsten Hintergrund.
Die 183. Bremer Eiswette startet am 6. Januar 2012 um 12 Uhr am Punkendeich (Osterdeich, Höhe Sielwall). 2011 lautete das Fazit des Schneiders: "Die Weserwelle ist immer noch besser als der Westerwelle." Und 2012?
