Der englische Bobby und die deutschen Besatzer in plaudernder Zweisamkeit. Es ist schon ein merkwürdiges Bild: Der englische Bobby, der neben deutschen Besatzungssoldaten seinen Dienst versieht. Unmöglich? Unglaublich? Aber wahr: Die britischen Kanalinseln waren, als einziger Teil des Vereinigten Königsreiches, während des II. Weltkrieges von deutschen Truppen besetzt. Die deutsche Besetzung der Channel Islands ist ein Kapitel europäischer Geschichte, das selbst gut informierten Zeitgenossen oft unbekannt ist.
Besatzung und Befreiung
Roy McLoughlin berichtet in einem ansprechenden, gut bebilderten und sauber recherchierten Bildband über die britischen Inseln unterm Hakenkreuz. Über die Channel Islands, Guernsey, Jersey, Alderney und Sark, welche 1940 bis 1945 von deutschen Truppen besetzt waren. Über den Luftangriff der deutschen Luftwaffe auf St. Peter Port auf Guernsey genauso, wie über die Tatsache, dass die britischen Befreier 1945 für die Befreiung der kleineren Kanalinsel Sark keine Truppen zur Verfügung hatten. So wurde „La Dame“, die Lehensherrin der königlichen Segneurie von Sark, Sybil Hathaway, selbständig die Verantwortung für die Befreiung „ihrer“ Insel übertragen. Sie tat es, indem sie die früheren, deutschen Besatzungssoldaten zum Wegräumen der verlegten Minen einsetzte.
Dienstflagge im Zeughaus
Dass die Kanalinseln zur Zeit des Luftangriffs bereits entmilitarisiert waren, war den Bailiffs (Kronvögten) von Guernsey und Jersey bekannt, den deutschen Angreifern aber nicht. Von Jersey waren rund 10.000 Menschen ins britische Mutterland evakuiert worden. Nach dem Eintreffen der deutschen Truppen auf den Kanalinseln wurde zuerst – die Dienstflagge des britischen Befehlshabers der Kanalinseln sauber eingeholt, um sie per Kurierflugzeug nach Berlin zu bringen, wo sie im Zeughaus ausgestellt wurde.
Deutsche Besatzungsbriefmarken
Die deutschen führten ab 1941 für die Kanalinseln sogar eigene Besatzungsbriefmarken ein, versäumten es zugleich auch nicht, unzählige „friedvolle“ Propagandabilder der Inselbesetzung in der deutschen Presse zu verbreiten. Die Inselpresse unterlag selbstverständlich der deutschen Zensur – was ein Gegensatz zu Großbritannien, nicht aber zum damaligen Deutschland war.
Deutsche Zensur
Die Geheime Feldpolizei überwachte die Buchhandlungen im Hinblick auf Bücher, die sich kritisch mit dem deutschen Regime auseinandersetzen. Nach außen hin aber waren alle Beteiligten bemüht, den Schein der Normalität und des kultivierten Umganges zwischen Inselbewohnern und Inselbesatzern zu wahren.
Zwangsarbeits- und Konzentrationslager
Nicht verschwiegen wird, dass auf Alderney vier Zwangsarbeitslager bestanden. Die Zwangsarbeiter hatten für die deutsche Besatzungsmacht die Inseln zu befestigen. 1943 wurde eines der Lager von der SS übernommen und in ein Konzentrationslager umgewandelt. 20 bis 25% der eingesetzten Zwangsarbeiter kamen unter den unmenschlichen Haft- und Arbeitsbedingungen zu Tode.
Paradies und Vorhof zur Hölle
Was für die deutschen Besatzungssoldaten zuerst als Paradies erscheint – mit deutscher Inselzeitung, Soldatenheim etc. – war für die Zwangsarbeiter sicher der Vorhof zur Hölle. Und: Auch aus der britischen Zivilbevölkerung wurden Menschen weggefangen und einfach deportiert. Die deutsche, antijüdische Gesetzgebung wurde auch auf den Kanalinseln umgesetzt: Kennzeichnung jüdischer Geschäfte, Deportation jüdischer Bürger in die Konzentrationslager.
Das Buch von Roy McLoughlin ist ein wichtiges Buch. Es klärt auf, räumt sachlich mit Klischees und Fehlvorstellungen auf. Hinzu kommen Einleitung und Nachwort von Olaf Schröter, dem zugleich eine herausragende und beeindruckende Übersetzung gelungen ist.
Roy McLoughlin: Britische Inseln unterm Hakenkreuz – Die deutsche Besetzung der Channel Islands. Ch. Links Verlag 2003. ISBN 3-86153-305-7. Derzeitig wohl leider nur noch antiquarisch erhältlich.
