Vielen ist es schon ergangen, viele werden es noch über sich ergehen lassen. Nur am Ende sollte jeder für sich selbst entscheiden – und zwar freiwillig.
Dieser Beitrag richtet sich in erster Linie an diejenigen, die schulpflichtige Kinder haben und noch nicht von einem Vertreter (Verlagspartner) des Brockhauses besucht wurden.
Vorgehen
In den Schulen werden verschiedene Aktionen veranstaltet, an denen die Kinder teilnehmen dürfen. Anschließend werden ihnen Flyer mit dem Inhalt verteilt, dass die Kinder ein dort aufgeführtes Buch geschenkt bekommen können. Dafür müssen jedoch die Antwortkarten mit der Adresse und der Telefonnummer ausgefüllt und an den Verlag geschickt werden, damit dieser das ausgewählte Buch zusenden kann. Mit diesem Vorgehen kommt der Verlag zu den Adressen und Telefonnummern der Kinder und ihrer Eltern. Kurze Zeit später (regelmäßig innerhalb eines Monats) wird man angerufen. Der Anrufende teilt mit, dass er sich um die Entwicklung der Kinder kümmert, damit diesen das Lernen in der Schule leichter fällt. Es wird kein einziges Wort darüber verloren, dass es sich hierbei um einen kommerziellen Vertrieb eines Produktes handelt. Mehr noch, es entsteht der Eindruck, dass man mit einer Hilfsorganisation zu tun hat, die dem Kind gerne helfen möchte. Dabei müsste man sich die Frage stellen, von wem und wo heutzutage Lernhilfe kostenlos angeboten und vor allem aufgedrängt wird; Kapitalismus lässt das nicht zu.
Inhalt des Produkts
Der Inhalt des angebotenen Produkts ist recht einfach zu beschreiben und kann in zwei bis fünf Minuten erklärt werden: Es wird eine Enzyklopädie des Brockhaus-Verlages bestehend aus 11 Bücher angeboten. Des Weiteren werden einige CD-ROMs mit Enzyklopädie, Spielen (recht primitiven) und einem Aufgabenheft (E-Book) für den PC angeboten und darauf wird ein 3-jähriges Angebot, online Fragen an die „angeblich“ kompetenten Lehrer zu stellen, gepackt. „Angeblich“ deshalb, weil man als Kunde gar keine Möglichkeit hat, die Kompetenz der Lehrer zu überprüfen. Nun ja, das reale Vorstellen des Produkts nimmt nicht weniger als eine Stunde in Anspruch. Wenn man von einem durchschnittlich gebildeten Bürger ausgeht, so wird dieser innerhalb der ersten 5 bis 10 Minuten des Gesprächs den Zweck des Besuchs feststellen. Allerdings wird man vor Beginn der Beschreibung des Produkts regelrecht mit Fragen auseinander genommen: „Wie gut ist ihr Kind in der Schule? Welche Noten hat es? Wie ist ihre berufliche Situation?“ etc. Das Kind wird gebeten, dem Gespräch beizuwohnen, auch wenn dieses möglicherweise keine Lust dazu hat.
Enzyklopädie und CD-ROMs
Was eine Enzyklopädie ist, weiß jeder Erwachsene. Nur nach dem Anpreisen des Vertreters erscheint das Werk als das Wissen der Welt, was aber zu bezweifeln ist. Nicht zu leugnen ist jedoch, dass das Werk in Wirklichkeit relativ viel Wissen für ein Schulkind bereit hält, so dass auch Erwachsene für sich viele interessante Informationen finden können. Allerdings ist die zu kleine Schrift zu bemängeln. Wenn gesagt wird, dass ihr Kind spielerisch lernen soll, so ist eine solch kleine Schrift für ein Grundschulkind eher abstoßend als begrüßenswert. Das Wort „spielerisch“ wird übrigens im Laufe des Gesprächs permanent erwähnt. Es soll das Gefühl vermittelt werden, dass man sich nach dem Kauf nicht mehr um die schulische Leistungen des Kindes kümmern muss, da durch die angebotenen Bücher und CD-ROMs den Eltern die ganze Aufsichtsarbeit erspart und das Kind in die Lage versetzt wird, sich den Schulpflichtstoff alleine anzueignen. Wie man jedoch weiß, es gibt nur wenige Kinder auf dieser Welt, die von Geburt an in der Lage sind, alleine zu lernen und Begierde nach Wissen zu haben. Es ist also sehr zweifelhaft, dass das Kind ohne die ständigen Hinweise darauf, dass es Hausaufgaben zu machen hat oder allgemein zu lernen hat, sich von selbst die Bücher nimmt oder sich zum heimischen PC begibt.
Online-Angebot
Im Online-Angebot hat man hauptsächlich die Möglichkeit, Fragen an die Lehrer zu stellen, die im Normalverfahren innerhalb von 48 Stunden beantwortet werden. Allerdings bleibt hier zu bemängeln, dass die gestellten Fragen eher weniger umfangreich beantwortet werden. Man bekommt entweder kurze vorformulierte Antworten oder man wird durch Angabe von mehreren Links auf den Inhalt darunter verwiesen. Somit muss sich das Kind bzw. ein Elternteil trotzdem selbst auf die Suche des Gesuchten begeben. Nun ja, wem das verdünnte Wissen im Internet schmackhaft erscheint, der wird Gefallen daran finden.
Kosten des Produkts
Der Preis ist für dieses Produkt nicht unbedingt niedrig, denn je nach Wahl der Finanzierungsart belaufen sich die Kosten auf nicht unter 1800,- €. Man kann eine dreijährige Finanzierung zu 33,- € monatlich auswählen. Diese Summe ist aber für das Angebot viel zu hoch, es sei denn, das ist Taschengeldniveau.
Resümee
Alles in allem ist das Produkt an sich nicht schlecht. Nur erfüllt es nicht seine Aufgabe, nämlich Kindern das Lernen in der Schule schmackhaft, leicht und ohne Schweiß zu machen. Es bringt den Kindern nichts spielerisch bei, alles muss gelesen und gelernt werden, so wie jede und jeder gewohnt ist. Abgesehen von den Grundlagen des Wissens, die sich jedes Schulkind aneignen sollte, ist die Enzyklopädie auf dem Papier eher Vergangenheit als Zukunft. Das Wissen kann in den Büchern nicht aktualisiert werden. Auch fehlen bestimmte Programme, die dem Kind planerisch Aufgaben vorgeben. Es ist eben ein Nachschlagewerk – Grundlehre der Wissenschaften und Künste. Angesichts des hohen Preises sollte jede Familie selbst überlegen, ob sie nicht lieber dem Kind bestimmte Nachhilfe finanziert und die erforderlichen Bücher einzeln und nach Rücksprache mit Lehrern anschafft. Zum Nachschlagen gibt es umfangreichere Stellen – Bibliotheken oder das gesamte Internet-Wissen. Vor der Entscheidung zum Kauf sollte sich jeder ein bis zwei Tage Zeit nehmen und noch einmal alles durchkauen, denn ein Widerrufsrecht hat man nach Aussage des Vertreters nicht; dies ist jedoch angesichts des Vorgehens in hohem Maße fraglich.
Ein gutes Produkt lässt sich praktisch von selbst verkaufen, ein weniger gutes oder gar schlechtes muss dem Käufer versüßt werden, damit dieser es erwirbt.
