Bronislaw Geremek – Ein Nachruf

Zum Tod des ehemaligen polnischen Außenministers

Bronislaw Geremek, ein großer Europäer, einer der Köpfe der Solidarnosc-Bewegung und einer der intellektuellen Väter des modernen Nachwende-Polens ist tot.

Der ehemalige polnische Außenminister starb am Sonntag den 13. Juli 2008 bei einem Autounfall in der Gegend von Nowy Tomysl unweit von Posen, als der von ihm gelenkte Pkw frontal mit einem Kleinbus zusammenstieß.

Mit Geremek starb „einer der brillantesten Köpfe Polens und das Herz des polnischen Weges zur Freiheit“, wie sein Weggefährte aus Dissidenten-Zeiten und Herausgeber der renommierten Tageszeitung Gazeta Wyborcza Adam Michnik ihn nannte. Selbst Präsident Lech Kaczynski akzeptierte Geremek als einen der Schöpfer der friedlichen Wende und nannte Geremeks Tod „einen enormen Verlust für Polen“. Zwar habe Geremek eine andere politische Ansicht gehabt als er, er habe ihn aber stets geachtet. Geremek habe „seinen Platz in der polnischen Geschichte.“

Eine sehr polnische Biografie

Geremek wurde 1932 als Sohn eines Rabbiners in Warschau geboren. Sein Vater starb in Auschwitz, Geremek selbst und seine Mutter waren ins Warschauer Ghetto gepfercht worden, von wo sie in letzter Minute 1943 heraus geschmuggelt wurden und bei einer christlich-polnischen Familie überlebten. Nach dem Abitur studierte Geremek an der Universität Warschau Geschichte und promovierte 1960 über den Staat des Deutschen Ordens. Danach wurde er in Paris Gastdozent an der Sorbonne, 1970 folgte die Habilitation. Eine glänzende Hochschulkarriere schien sich abzuzeichnen. Statt dessen begann für Gertemek jedoch eine andere Karriere: die als Dissident, denn 1968 war der ehemals überzeugte Kommunist Geremek aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings und des Einmarsches der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei aus der kommunistischen Partei (PVAP) ausgetreten.

Er engagierte sich zunehmend in regimekritischen Kreisen und unterstützte die sich bildende Solidarnosc von Anfang an. Zusammen mit Tadeusz Mazowiecki, dem späteren Ministerpräsidenten eilte er im Sommer 1980 zu den streikenden Arbeitern der Danziger Leninwerft und wurde einer der wichtigsten Berater von Lech Walesa. Es war die Verbindung der Tatkraft der Arbeiter und der Intellektuellen vom Schlage eines Geremek, die der Solidarnosc die Strategie einer selbstbeschränkten, gewaltfreien Revolution und einen langen Marsches hin zur Bürgergesellschaft maßschneiderten. Während des 1981 verhängten Kriegsrechts wurde Geremek für ein Jahr interniert und konnte danach, wie viele Leidensgenossen nur noch im Untergrund arbeiten, hatte also kaum noch ein Einkommen. Die Grande Dame des deutschen Journalismus und Zeit-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff verzichtete zu seinen Gunsten auf alle ihre Honorare in Polen und half ihm und seiner Familie zu überleben.

Der Stratege der Solidarnosc

Es war wiederum Bronislaw Geremek, der als Walesa-Berater die Strategie des Runden Tisches 1989 entwarf und damit für den friedlichen Übergang Polens in die Demokratie sorgte. Er schaffte es, den stufenweisen Rückzug der Partei von der Macht als ein gegenseitiges Geben und Nehmen zu konstruieren. Der Wahlmodus der ersten halbfreien Parlamentswahlen im Frühsommer 1989 glich einem Geniestreich und führte zu einem überwältigenden Sieg der Solidarnosc. Nach der Wende wurde der Mann mit der Pfeife und dem Vollbart einer der wichtigsten Politiker in Polen, dessen Stimme stets zählte und er wurde endlich auch Professor für mittelalterliche Geschichte.

Er formte das Profil der Unia Wolnosci, der Freiheitsunion, einer linksliberalen Partei, deren Vorsitzender er 2000 bis 2001 war. In der Regierungskoalition von UW und der AWS, der Wahlaktion Solidarnosc unter Ministerpräsident Jerzy Buzek war Geremek 1997 bis 2001 Außenminister und ebnete Polens Weg nach Europa und machte den Polen die Westintegration schmackhaft. In seine Amtszeit fällte der Beitritt Polens zur NATO und der Beginn der Beitrittsverhandlungen zur EU. Der politische Absturz folgte 2001, als die Regierung Buzek vom polnischen Wähler vernichtend abgestraft wurde und die UW aus dem Parlament fiel, da sie den Sprung über die Fünfprozenthürde nicht schaffte. Politisch wurde es nun stiller um Geremek, doch blieb der charismatische Politiker eine moralische Instanz in Polen. Seite 2004 war er Abgeordneter im Europaparlament und Mitglied der liberalen Fraktion

Deutschlandfreund Geremek

Von Anfang an verschrieb sich Geremek der deutsch-polnischen Aussöhnung und wollte Beziehungen ohne Ressentiments zwischen Deutschen und Polen schaffen. Geremek sprach schon im August 1989 als frisch gewählter Sejm-Abgeordneter über das Recht der Deutschen auf Wiedervereinigung, zu einer Zeit, als die Deutschen selbst davon noch kaum zu träumen wagten.

„Der Tod von Bronislaw Geremek erfüllt mich mit tiefer Trauer,“ sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, „wir verlieren mit ihm einen aufrechten Politiker und Freund, der Zeit seines Lebens mutig für die Freiheit seines Heimatlandes stritt. In Deutschland erinnern wir uns dankbar, wie er als Außenminister engagiert und beharrlich dafür arbeitete, das deutsch-polnische Verhältnis auszugestalten und zu vertiefen.“

Diese Freundschaft zu Deutschland ist vor dem biografischen Hintergrund Geremeks und sein lebenslanges Engagement für die deutsch-polnische Aussöhnung ist besonders beachtlich. Für diese Verdienste erhielt er von Bundespräsident Roman Herzog das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland mit Stern. Das war beileibe nicht seine einzige Auszeichnung, unter anderem wurde er mit der höchsten polnischen Auszeichnung, dem Orden vom Weißen Adler geehrt, dazu wurde er in Frankreich Offizier der Ehrenlegion, 1998 erhielt er den Aachener Karlspreis, 2006 den Marion-Dönhoff-Preis und die Ehrendoktorwürde der Europa-Universität Viadrina.

Ein großer Europäer

Zweifellos war Bronislaw Geremek ein großer Europäer, er setzte sich für den Verfassungsvertrag ein und lag mit den Kaczynskis ob deren EU-skeptischer Politik und ihres diplomatischen Ungeschicks im Dauerclinch. Es war seine tiefe Überzeugung, dass nur ein vereintes Europa auch ein friedliches Europa sein könne, und in der globalisierten Welt bestehen würde. Eine europäische Nation sah er nicht, doch eine europäische Bürgergesellschaft. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso bezeichnete Geremek als „Europäer von außerordentlicher Statur, ein Pole mit unerschütterlichen Überzeugungen".

Bronislaw Geremek ebnete Polens Weg in die europäische Integration und galt bis zu seinem Tod als eine der moralischen Autoritäten des Landes. Er war einer der großen polnischen Intellektuellen der Solidarnosc-Bewegung und als Chefideologe unverzichtbar im Solidarnosc-Dreigestirn Walesa-Mazowiecki-Geremek, ohne das es den friedlichen Übergang Polens in die Demokratie nicht gegeben hätte. Geremek findet seine letzte Ruhe auf dem Warschauer Powazki–Friedhof ganz in der Nähe des Grabes seines einstigen Mitstreiters Jacek Kuron.

Brigitte Jäger-Dabek, Brigitte Jäger-Dabek

Brigitte Jaeger-Dabek - Als ich vier Jahr alt war, kam die große weite Welt zu mir nach Hause. Sie tat das in Form einer Bananenstaude, die meine Eltern von ...

rss