Brünhild - mythische und entmachtete Königin

Die sagenumwobene Königin aus dem Nibelungenlied gestaltet eine Werbung lieber als Kampf. Bis Siegfried sie besiegen kann.

Brünhild findet in der 6. Aventüre des Nibelungenliedes ihre erste Erwähnung, als der Burgunderkönig Gunther beschließt, um sie zu werben. Ihr Land wird jenseits des Meeres lokalisiert und erhält somit eine mythische Aura, wie sie auch die Königin Brünhild umgibt.

Die Königin von Isenstein

Um das Herz der Königin gewinnen zu können, muss Gunther sich in einem Wettbewerb stellen. Er muss Brünhild in drei Disziplinen schlagen, verliert er auch nur eine, hat er sein Leben verwirkt. Es gilt, einen Speer und einen Stein um die Wette zu werfen und dem Stein nachzuspringen. Dabei ist Brünhild eine heroisch anmutende, mit mythischen Kräften ausgestattete Königin - ein Kämmerer und drei Ritter bringen ihren Schild und brechen unter der Last fast zusammen, drei Männer sind notwendig, um ihren Speer zu tragen und der Stein, den Brünhild zu werfen gedenkt, ist auch für zwölf Männer fast noch zu schwer. Gunther ist gegen die mächtige Königin von Isenstein chancenlos. Der einzige, der ihm jetzt noch helfen kann, ist Siegfried, der Held, der den Drachen besiegte und im Besitz einer Tarnkappe ist, der also ebenso wie Brünhild über myhtische Fähigkeiten verfügt.

Als der Wettkampf beginnt hält Siegfried, unter der Tarnkappe unsichtbar, den Schild, um Brünhilds Speerwurf abzufangen. Gunther vollzieht dabei lediglich die Gesten, um so zu tun, als würde er die Wundertaten vollbringen.

Brünhilds Wurf ist so spektakulär, dass Siegfrieds Mund zu bluten beginnt. Als er den Speer zurückwerfen muss, dreht er ihn allerdings um, denn dank der Tarnkappe ist er zwölf Mal so stark wie ein gewöhnlicher Mann und er will Brünhild nicht töten. Die Königin kann der Wucht des Speeres nicht standhalten.

Anschließend wirft Brünhild den Stein (den zuvor zwölf Männer kaum heben konnten) und springt ihm nach. Dank der Tarnkappe gelingt es Siegfried, den Stein noch weiter zu werfen und noch weiter zu springen, und dabei Gunther noch zu tragen, der ja irgendwie den Anschein erwecken muss, selbst zu springen.

Brünhild, die Königin von Isenstein, wurde in allen drei Disziplinen besiegt, jedoch nicht von ihrem zukünftigen Ehemann Gunther, sondern vom Drachentöter Siegfried, der sich nur auf das Abenteuer eingelassen hat, weil er Kriemhild ehelichen möchte und dazu noch Gunthers Einwilligung braucht.

Mit Siegfrieds Sieg über Brünhild ist der Zauber über Isenstein gebrochen. War es zuvor noch eine mythische Welt, in der andere Gesetze galten als in der höfischen, "gewöhnlichen" Welt, so erhält Isenstein nun ein feudales Gefüge, wie es der zeitgenössischen Vorstellung entsprach. Verwandte werden zu einem Fest geladen und Brünhild setzt ihren Onkel als Vogt ein - die mythische Herrscherin lässt sich also durch einen (männlichen) Verwalter ersetzen.

Die Königin der Burgunder

Die Hochzeit in Worms gestaltet sich ebenfalls kurios: Es ist eine Doppelhochzeit, denn Siegfried darf nun Kriemhild heiraten. Brünhild aber glaubt, dass Siegfried ein Vasall Gunthers wäre. Diese Lüge Siegfrieds war notwendig gewesen, um zu erklären, warum er sich nicht selbst Brünhilds Herausforderungen gestellt hat. Brünhild denkt nun, Kriemhild wäre unter ihrem Stand verheiratet worden. Gunther kann die Fassade noch aufrecht halten, doch Brünhild bleibt skeptisch und verweigert sich in der Hochzeitsnacht. Ihre mythische Stärke ist an ihre Jungfräulichkeit gebunden.

Als König Gunther ihren Wunsch nicht zu respektieren gedenkt, hängt sie ihn schließlich an einen Nagel und lässt ihn die Nacht über an der Wand hängen.

In der Brünhild, die Gunter an einem Nagel hängen lässt, manifestiert sich das Mythische inmitten des Wormser Hofes, in der höfischen Welt, wie sie sich das zeitgenössische Publikum vorstellte. Wie auch schon in Isenstein hat sich das mythische Element gegenüber dem höfischen durchgesetzt. König Gunther war nicht in der Lage, ihrer Herr zu werden und wieder muss Siegfried, der Held mit der mythischen Tarnkappe, aushelfen.

Siegfried hat auch einen Plan: Des Nachts schleicht er sich - unter der Tarnkappe zwölf Mal stärker und unsichtbar - in die Kemenate und kämpft erneut gegen Brünhild. Der Kampf in privater Atmosphäre gestaltet sich alles andere als leicht, Brünhild schafft es immerhin, Siegfried so zu verwunden, dass Blut aus seinen Fingernägeln spritzt, doch schließlich muss sie sich geschlagen geben. Siegfried erhebt sich, um, wie Brünhild glaubt, sich auszuziehen, nutzt die Gelegenheit aber, um mit Gunther Platz zu tauschen und zu verschwinden.

Zehn Jahre später...

Anschließend reisen Siegfried und Kriemhild nach Xanten, in Siegfrieds Heimat, wo sie zehn Jahre lang glücklich leben und einen Sohn bekommen, den sie Gunther nennen. Von Brünhilds Ergehen erfährt man ebenso wenig, sie bekommt allerdings einen Sohn, der Siegfried getauft wird.

Schließlich erfolgt die Einladung Gunthers, Siegfried und Kriemhild mögen an den Wormser Hof auf Besuch kommen. In einem Streitgespräch zwischen Kriemhild und Brünhild bricht die Standeslüge, die Siegfried in Isenstein benutzt hat, wieder auf, die Königinnen streiten darüber, wer von ihnen letztlich die bessere Partie gemacht hat. Zu guter Letzt sagt Kriemhild Brünhild, dass es Siegfried war, der sie in jener Nacht besiegt hat und zeigt ihr zum Beweis einen Ring und einen Gürtel, den Siegfried Brünhild in besagter Nacht abgenommen und fatalerweise Kriemhild geschenkt hat. Brünhild stellt Gunther zur Rede und Gunther lässt die Angelegenheit auf sich beruhen. Letztich ist Hagen bereit, Brünhild zu rächen und Siegfried zu ermorden.

Die anschließenden Aventiuren des Nibelungenliedes erzählen Kriemhilds Rache für den Mord an ihrem Ehemann, wie sie schließlich aus politischen Gründen den Hunnenkönig Etzel heiratet und dafür sorgt, dass keiner der Burgunden überlebt. Brünhild selbst wird vom Dichter des Nibelungenliedes vergessen.

Quellen:

Das Nibelungenlied. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Nach dem Text von Helmut de Boor. Ins Neuhochdeutsche übersetzt und kommentiert von Siegfried Grosse. (Reclam 644). Stuttgart 2002.

Müller, Jan-Dirk: Spielregeln für den Untergang. Die Welt des Nibelungenliedes. Tübingen 1998.

Tanja Schroll - Seit meiner Kindheit gehört das Schreiben zu meinen Hobbys. Ich habe immer wieder Kurzgeschichten verfasst und gelegentlich auch ...

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