Kunstvoll gestaltete bronzene Personen- und Tierfiguren bevölkern den reich besuchten Puppenbrunnen in der Aachener Krämerstraße. Verschiedene Masken ergänzen das Bild einer bunt gemischten Gesellschaft. Kinder wie Erwachsene bleiben oft am Brunnen stehen und geben einzelnen Figuren eine andere Haltung, denn alle Puppen verfügen über bewegliche Gelenke. So rücken die Bronzeplastiken in eine dichtere Nähe zu echten Menschen und sprechen den Spieltrieb bei Groß und Klein an. Diese spielerisch einladende Note ist ein Kennzeichen vieler vom Künstler Bonifatius Stirnberg erschaffenen Objekte.
Der 1974 errichtete Puppenbrunnen, eine Stiftung der Aachener Bank, zeigt in Form bronzener Allegorien einen Querschnitt durch einige historisch gewachsene Aachener Wirtschafts- und Wesenszweige, die der Stadt ihre unverkennbare Atmosphäre eingehaucht haben.
Ein Querschnitt durch Aachener Historie: die Figuren
Die stämmige Bronzefigur der Marktfrau mit den muskulösen Armen vereinigt in sich die bunte Vielfalt unterschiedlichster Märkte ebenso wie die Notwendigkeit des Handels. Nicht alle Märkte konnten ihre Traditionen bis in die Gegenwart retten. Das schicke junge Mannequin mit den schwungvollen Röcken bekleidet das Amt der Rückschau auf die einst hochflorierende Aachener Tuchindustrie. Der Harlekin erscheint gemeinsam mit den Masken als Stellvertreter für den Aachener Karneval und eine herzlich-gutmütige Fröhlichkeit. Reiter und Pferd verkörpern Aachens vieljähriges Pferdesport-Turnier CHIO ("Concours Hippique International Officiel"). Der Domherr in der ebenso eng- wie hochgeknöpften Soutane repräsentiert die lange Kirchengeschichte Aachens, die ebenso wenig aus der Stadt wegzudenken ist wie der Aachener Dom. Der Professor mit Talar und Doktorhut deutet auf die Bereiche Lehre und Bildung, Wissenschaft und Forschung, Technik und Fortschritt. Somit ist er auch Sinnbild für die "Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen".
Gekrönt wird das Kunstwerk von einem Hahn, der auf seinem hohen Posten den Schnabel aufreißt. Einerseits gilt er als Zeichen der Aufgewecktheit pfiffiger Aachener, andererseits wird er mit der französischen Besatzung in Verbindung gebracht.
Nicht selten herrscht großer Andrang am Puppenbrunnen in der Krämerstraße, und die Figuren nehmen zuweilen mehrmals am Tag eine gänzlich andere Haltung ein. So sonnt sich der Puppenbrunnen im Glanze seiner durchschimmernden Bronze, im Spieleifer großer und kleiner Hände, im Ruhme seiner zahlreichen Betrachter und überstrahlt durch seine Bekanntheit fast – seinen eigenen Bruder.
Großer Bruder in Burtscheid
Auf den ersten Blick scheint die Verwandtschaft zum Brunnen in der Krämerstraße unverkennbar. Auch das Burtscheider Kunstwerk vor dem etwas abgelegenen Gregorius-Kindergarten auf der Eupener Straße weist eine Reihe beweglicher Figuren auf. Auch hier gibt es ein Reittier mit Reitfigur, einen Harlekin, eine Anzahl von Masken, auch hier kräht über allem der Hahn auf seiner Spitze. Doch bei näherer Betrachtung tun sich dem Auge deutliche Unterschiede auf:
Das Reittier am Brunnen in Burtscheid entlarvt sich durch seine besonders langen und breiten Lauscher als ein Esel, im Gegensatz zum stolzen Ross des jüngeren Brunnens, das kurze, spitze Pferdeohren sein eigen nennen darf. Statt des behelmten männlichen Reiters findet sich eine weibliche Artistin mit einem straff am Kopf anliegenden, hochgebundenen Pferdeschwanz. Lässt eine Figur aus der Ferne zunächst an den Domherrn des Altstadt-Brunnens denken, erweist sich dies bei näherer Inspektion als Irrtum: die Kopfbedeckung wirkt verbeult, es befinden sich Gitterstäbe vor dem Mund der Figur, und von einer Schulter hängen große, schwere Kettenglieder herab. Die unterschiedlichen Augen der Bronzeplastik sind zudem beweglich.
Ergänzt wird der Figurenreigen durch eine Reihe weiterer Bronzepuppen: eine Ballerina, ein Arbeiter mit Helm und Schutzbrille, eine Mutter mit Kind. Zu den nichtfigürlichen Bronzeplastiken zählen eine Teufelsmaske mit beweglichen Augen, eine ovale Maske mit einem Stab über einer Augenöffnung und eine Sonnenscheibe.
Im Gegensatz zum viel beachteten Brunnen in der Aachener Altstadt, der spielerische und geschichtliche Aspekte in sich vereinigt, Erwachsene wie Kinder anzieht und ein sehr bewegliches Dasein führt, erscheint sein großer Bruder in Burtscheid eher als schlichte, versonnene Existenz in der relativen Abgeschiedenheit des Gregorius-Kindergartens. Aber es gibt ihn.
Quellen:
- Puppenbrunnen, Krämerstraße, Aachen
- Puppenbrunnen (Spielbrunnen), Eupener Straße, Aachen-Burtscheid
- Senio-Magazin
- Wo Wasser fließt und Bronze schimmert: Brunnen und Denkmale in Aachen; Rundwege, Schütt, Anke und Hahnbück, Oscar, Einhard-Verlag
