
- Martin Walker: Schwarze Diamanten. - Diogenes Verlag
Bruno Courrèges ist ein französischer Gut-Mensch. Der Polizeichef ohne Abteilung in einer ländlichen Kleinstadt Frankreichs ist mit einem bescheidenen,freundlichen Wesen ausgestattet und verbindet guten Geschmack, Heimatverbundenheit, Hilfsbereitschaft, Männlichkeit, Kameradschaftlichkeit mit Klugheit, Moral, Humor, Feinsinn und kriminalistischem Spürsinn. Immer wieder werden ihm Karriereangebote gemacht, seine Fähigkeiten in Paris oder wenigstens in Bordeaux einzusetzen, aber Bruno ist dagegen resistent.
Haus und Hof im Périgord
Bruno hat sich im Périgord, einer Landschaft in Südwestfrankreich, niedergelassen und möchte genau so weiterleben wie jetzt: mit eigenem Haus, Hühnerhof und Hund, mit guten Freunden auf die Jagd gehen, regionale französische Spezialitäten kochen, essen und viel Wein trinken, bei der Weinlese helfen, mit dem alten Bürgermeister die Geschicke der Region steuern, hin und wieder ein Kind aus dem Gülletrog ziehen, eine Katze vom Dach holen oder einer allein erziehenden Mutter einen besseren Arbeitsplatz besorgen. Und natürlich im Herbst und Winter Trüffeln suchen – und gelegentlich an professionelle "Renifleurs" – also Berufsschnüffler, die im Auftrag von Pariser Gourmetrestaurants die "schwarzen Diamanten" aufspüren – am Fiskus vorbei unter der Hand verkaufen.
Ein Franzose, wie er im Buche steht
Bruno wäre kein gelungener Roman-Franzose, wenn er nicht auch ein paar liebenswerte Eigenheiten verkörperte, die gemeinhin als typisch französisch gelten. Dazu zählen natürlich, ohlala, die Frauen, denen Bruno, im besten Mannesalter zwischen 30 und 40 Jahre alt, zwar mit einer gewissen Besonnenheit, aber doch sehr gern gelegentlich die Tür zu seinem Schlafzimmer öffnet. Im Grunde ist Bruno aber ein treuer Bursche, auch im dritten Bestseller-Band von Martin Walker trauert er noch der geliebten Freundin Isabelle nach, die sich ihrerseits als Polizistin für eine Karriere in Paris entschieden hat. Von Zeit zu Zeit allerdings führt sie der Job zurück in die Provinz, zum Beispiel ins Périgord, wo Bruno inzwischen ernsthaft mit Pamela turtelt, einer freiheitsliebenden Engländerin, die sich dort niedergelassen hat.
Was Martin Walker mit Donna Leon und Rosamunde Pilcher verbindet
Kurz: Was das englische Cornwall für Rosamunde Pilcher und ihre Fans bedeutet, ist dem Engländer Martin Walker sein Périgord. Deshalb sind seine Bruno-Krimis auch keine echten Thriller, sondern eher Soft-Krimis mit Life-Style-Charakter und einem ordentlichen Schuss Politik, der die Lesekost gut würzt und im Niveau anhebt. Martin Walkers Konzept ähnelt dem von Donna Leon und ihren Venedig-Krimis: ein Drittel gutes Essen (Kochen im Roman ist absolut in), Lebenskunst und Lokalkolorit, ein Drittel Beziehungsgeplänkel, ein Drittel Sachinformation und politische Botschaft. Dazu sollte man mehr über Martin Walkers Biografie wissen:
Von Schottland nach Washington und ins Périgord
Der Schotte Martin Walker (Jahrgang 1947) lebt in den USA und im Périgord. Von Hause aus ist er Historiker (Oxford, Harvard) und war lange politischer Journalist für die Tageszeitung "The Guardian". Er tat sich als politischer Sachbuchautor hervor und ist inzwischen Vorsitzender eines privaten Think Tanks für Topmanager in Washington. Seinen ersten drei Bruno-Romanen, denen nach Verlagsaussage noch viele weitere folgen sollen, merkt man Walkers Sachbucherfahrung an. Er kann seine Informationen über den französischen Kolonialkrieg in Indochina, über den Algerienkrieg, über die gesellschaftlichen Folgen der Résistance, über mafiöse Verwicklungen im Gourmetgeschäft und quasi beiläufig über französische Umweltpolitik und Lokalpolitik überaus interessant und geradezu unterhaltsam vermitteln. Mag er auch Botschaften transportieren wollen, so fühlt man als Leser glücklicherweise nie schulmeisterlich belehrt oder missioniert – eine große Kunst, deren Klaviatur der vielseite Mister Walker perfekt beherrscht.
Schwarze Trüffeln auf dem Schwarzmarkt
Wussten Sie, dass schwarze Trüffeln einen Marktpreis von 5000 Euro pro Kilo haben? Kein Wunder, dass im idyllischen und scheinbar friedlichen Périgord Gangster auftauchen, die auch ein Kuchenstück an den guten Geschäften ergattern möchten. Es gelingt ihnen, die originären hochwertigen Périgord-Trüffel mit minderwertigen Importen aus Asien zu mischen. Bruno ist natürlich in der Lage, den Unterschied zu erschnüffeln, und tritt in Aktion, um die Ehre der Region und der ehrlichen Verkäufer zu retten, unterstützt von Kollegen aus Paris und Bordeaux.
Trüffelrezepte aus dem Périgord
Dann passiert ein grässlicher Mord an Brunos Jagdfreund Hercule, der nicht nur ein wichtiger Trüffelfachmann ist, sondern offenbar eine bewegte Vergangenheit im Indochinakrieg hatte, von der niemand etwas wusste. Die Trauerfeier, die Bruno maßgeblich als Koch mitgestaltet, ist dem Autor wohl einen Touch zu männerbündisch ausgefallen, sie beginnt mit detaillierten Rezepten und endet in einem Saufgelage, das dem Leser allerdings nicht genauer beschrieben wird – eine kluge Entscheidung.
Vietnamesen und Chinesen in Frankreich
Der Mord und andere Ereignisse führen die Ermittler zur Problematik der Auseinandersetzungen zwischen Einwanderern, in diesem Fall zwischen Vietnamesen (150.000) und Chinesen (200.000) in Frankreich, ein Thema, über das man selbst in Frankreich nicht viel weiß. So sorgt Martin Walker, dessen Romane in zehn Sprachen erscheinen, für politische Aufklärung bei seinen Lesern, und zwar gerade bei denen, die eigentlich nur ein wenig Zerstreuung und Unterhaltung gesucht haben. Für Nachschub ist angeblich gesorgt, Walker soll bereits Ideen für acht weitere Bücher haben...
Martin Walker: Schwarze Diamanten. Der dritte Fall für Bruno, Chef de police. Roman. Aus dem Englischen von Michael Windgassen. Diogenes Verlag 2011. Gebunden. 351 Seiten. 22,90 Euro
Martin Walker: Grand Cru. Der zweite Fall für Bruno, Chef de police. Aus dem Englischen von Michael Windgassen. Diogenes 2010. Gebunden. 384 Seiten. 21,90 Euro.
Martin Walker: Bruno Chef de police. Aus dem Englischen von Michael Windgassen. Diogenes 2009. Gebunden. 352 Seiten. 19,90 Euro. Als Diogenes Taschenbuch 2010. 338 Seiten. 9,90 €
