
- Titel: Besiege deinen Nächsten wie dich selbst - Verlag S. Hirzel
Die Medien sind voll von Berichten über aggressive und gewalttätige Menschen, Randalierer und sogenannte Autonome. Schon in den 1970er Jahren wurden intensive sozialwissenschaftliche Diskussionen über Aggression und ihre Ursachen geführt. Drei prinzipielle Theorien konkurrieren in ihrer wissenschaftlichen Analyse:
- Die Lern- oder Verhaltenstheorie erklärt aggressives Verhalten dadurch, dass es erlernt werde, beispielsweise durch (falsche) Vorbilder.
- Die Frustrationstheorie versteht Aggression als eine Reaktion auf Frustrationen.
- Die Verhaltensbiologie des Menschen und die Ethologie sieht Aggression als Trieb- oder Instinkt.
Prof. Felix von Cube - Verhaltensbiologe, Kybernetiker und Pädagoge
Der Titel des Buches „Besiege deinen Nächsten wie selbst“ ist an das Bibelwort „Liebe deine Nächsten wie die dich selbst“ angelehnt. Es erschien von 1988 bis 2002 in fünf Auflagen bei Piper Verlag in München. Der Autor, Jahrgang 1937, beschreibt in der sechsten, völlig überarbeiteten und aktualisierten Auflage, nicht nur „wie wir mit Aggressionen umgehen“, sondern vertritt eine konsequent verhaltensbiologische Ausrichtung.
Der wissenschaftliche Hintergrund ist die Ethologie (eines Konrad Lorenz) und auch der Humanethologie (eines Irenäus Eibl-Eibesfeldt). Der Autor Cube schließt die beiden reaktiven Theorien der Aggression nicht aus, hält sie aber nicht für allein gültig.
Aggression als ein evolutionäres Programm
Mit der Formulierung „Aggression kann auch spontan auftreten“ (S. 9) vermeidet er von Anfang die Aussage, Aggression sei angeboren. Politisch gewollte Missbräuche soziobiologischer Forschungen brachten früher Aggressionstheorien auf der Basis naturwissenschaftlicher Erkenntnisse in Misskredit.
Interessant ist Cubes Ansatz, dass aggressives Verhalten auch ein stammesgeschichtliches Erbe sei, und zwar mit dem Ziel zu siegen. Biologisch gesprochen heißt siegen überleben. Und dazu kann aggressives Verhalten nützlich sein. Überleben heißt aber nicht „survival of the fittest“ in der falschen Übersetzung „Überleben des Stärkeren“, sondern des Angepassten. Das englische Wort „fit“ hat mit dem Stärkeren aus dem Boxring zunächst wenig zu tun, meint vielmehr „angepasst“, „eingefügt“, „geeignet“.
Plausible und differenzierte Erklärungen von Gewalt und Aggression
Das Buch ist in vier Kapitel gegliedert. Im Ersten wird die These von der Aggression als Trieb zum Sieg ausgeführt. Es folgt eine Beschreibung von Aggression im Alltag. Der dritte Teil befasst sich mit Aggression und Gewalt. Im letzten Kapitel stellt Prof. Cube seine Auffassung von Aggression und Menschenwürde dar. Demokratien mit ihrer innersozietären Opposition als biologisch logische Gesellschaftsformen und als Weg zum Weltfrieden zu erklären, ist eine interessante These (S. 147).
Im Buch wird differenziert zwischen Aggression und Gewalt. Beides ist nicht nur körperlich, sondern auch geistig, intellektuell und sozial zu verstehen. Begrifflichkeiten wie innersozietäre und außersozietäre Aggression werden angelehnt an die ethologischen Begriffe inter- und extraspezifische Aggression (innerartliche und zwischenartliche Aggression). Der Text ist lesbar geschrieben, die Argumentationslinien klingen plausibel.
Die abschließenden Leitlinien zur Aggressionserziehung bauen auf die Förderung von Reflexionsfähigkeit, die voraussetzt, dass man die verhaltensbiologischen Grundlagen seines Verhaltens kennt und letztlich auf moralisch verantwortliches Handeln (im Gegensatz zum bloßen Verhalten). Hier wünscht sich der Leser in kommenden Auflagen konkretere Ausführungen, wenngleich schon jetzt die gesellschaftlichen Mängel von Erziehung und die politischen Mängel von Schul- und Bildungspolitik offen zu zutage treten.
Felix von Cube: Besiege deinen Nächsten wie dich selbst. Wie wir mit Aggression umgehen. S. Hirzel Verlag 2011. Hardcover. 170 Seiten. 19,80 €
