Buch zum Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom von Julie Gregory

Julie Gregory: Du hast mich krank gemacht - H. Schultz
Julie Gregory: Du hast mich krank gemacht - H. Schultz
Jahrelang wurde Julie Gregory von ihrer Mutter von Arzt zu Arzt geschleppt. Ihr Buch „Du hast mich krank gemacht" erzählt die ganze ergreifende Geschichte.

Julie Gregory hat Glück. Sie überlebt die endlosen Schikanen ihrer Mutter. Erst als sie sich von selbst aus ihren Fängen befreien konnte, erfährt sie durch Zufall, dass ihre Mutter am Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom leidet. Während es sich beim Münchhausen-Syndrom um ein Verhalten handelt, das durch Vortäuschen oder eigenes Hervorrufen von Krankheitssymptomen gegen den eigenen Körper gerichtet ist, benutzen die Personen, die unter dem Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom leiden, eine andere Person, um sich bei Ärzten oder in Krankenhäusern Aufmerksamkeit zu verschaffen. Meist sind es Mütter, die ihre Kinder unendlichen medizinischen Behandlungen aussetzen.

Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom ist nur schwer zu erkennen

Namensgeber für diese seltene Krankheit ist tatsächlich der legendäre Baron von Münchhausen, der durch seine berühmten Lügengeschichten zu Ruhm und Ehre kam. Die Erkrankten eignen sich durch medizinische Fachliteratur, Fernsehberichte oder über das Internet das entsprechende medizinische Fachwissen an und begeben sich dann in ärztliche Behandlung. Beim Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom praktizieren die Mütter dieses Verhalten dann mit ihren Kindern. Dabei wenden sie die verschiedensten Methoden wie zum Beispiel Nahrungsentzug, eigenmächtige Medikamentengabe oder Verhinderung von Wundheilung bis hin zu Knochenbrüchen an, um als fürsorgliche und aufopferungsvolle Mutter im Rampenlicht zu stehen. Nicht selten werden bei dieser schlimmen Form der Kindesmisshandlung die Ärzte dabei zu ihren Komplizen. Selbst für Mediziner ist nicht auf den ersten Blick erkennbar, dass der eigentlich Kranke ja die Mutter ist. Darüber hinaus werden auch vielfach die Ärzte gewechselt, vor allem, wenn der aktuelle Arzt nicht im Sinne der Mutter diagnostiziert.

Die Kindesmisshandlung beginnt schon in frühester Kindheit

Julie Gregory war erst drei Jahre alt, als ihr Martyrium begann. Zuerst ist es die Großmutter, die dem kleinen Mädchen Angst macht und ihr einredet, dass sie sterben müsse, wenn sie nicht sofort in eine Klinik fahren würden. Später redet ihr die Mutter vor jedem Arztbesuch ins Gewissen, welche Krankheitssymptome sie dem Arzt schildern müsste. Verhält sich Julie nicht richtig, reißt die Mutter das Gespräch an sich und führt die Untersuchungen in die von ihr gewünschte Richtung. Im Laufe der Jahre wechselt die Familie mehrmals die Wohnorte und noch viel öfter die Ärzte. Julie muss schmerzhafte Untersuchungen wie die der Harnröhre, eine Herzkathederuntersuchung, eine Nasenoperation sowie unzählige mehrtägige Elektrokardiografien über sich ergehen lassen. Sie bemerkt zwar, dass die Mutter in ihrer Symptomschilderung gegenüber den Ärzten sehr erfinderisch ist, hat aber keine Kraft, sich dagegen zu wehren. Und das sind noch lange nicht alle Schikanen, die das Mädchen über sich ergehen lassen muss.

Das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom ist eine psychische Krankheit

Die Mutter gibt der kleinen Julie Streichhölzer als Lutscher und hält sie mit dem Essen sehr kurz. Das Mädchen ist total unterernährt, was letztendlich tatsächlich dazu führt, das das Kind Herzprobleme bekommt. Zum Glück kann eine große Herzoperation, wie sie die Mutter fordert, von den Ärzten abgewendet werden. Aber auch diesmal erkennt niemand, dass die Mutter psychisch krank ist. Die Ursachen dafür werden in der Kindheit vermutet. Selbst ständig Hunger leidend, misshandelt und vergewaltigt wurde sie als 17jährige mit einem bei weitem älteren Mann verheiratet, der sie allerdings früh zur Witwe machte. Mit ihrem zweiten Mann wollte sich auch kein Glück einstellen.

Julies Vater versuchte zwar immer wieder mal, das Kind aus den Fängen der Mutter herauszuholen, aber selbst durch den Vietnamkrieg psychisch geschädigt verschafft er sich vor allem Respekt durch schwere körperliche Misshandlungen sowohl der Tochter als auch der Mutter. Für Julie gibt es kein Entrinnen, sie muss sich vor allem anpassen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Das gleiche gilt für die in der Familie angenommenen Pflegekinder, mit denen die Mutter ihr Geld verdient. Immer wieder verstand es die Mutter, die Behörden geschickt zu täuschen und hatte damit neben Julies jüngerem Bruder noch mehr Opfer.

Schwere Kindheit wirkt noch lange nach

Trotz jahrelanger Quälerei verliert Julie nicht den Blick dafür, dass irgendetwas mit ihrer Mutter nicht stimmt. Eines Tages schafft sie es doch, die Verhältnisse in ihrem Elternhaus anzuprangern. Sie verliert damit zwar ihr Zuhause, aber kann sich letztendlich aus dem Strudel der Mutter befreien. Es gelingt ihr nur schwer, sich ein neues Leben auszubauen. Immer wieder holen sie die Schatten der Kindheit ein. Auch führt sie in unsichtbares Band immer wieder zur Mutter zurück.

Das Buch „Du hast mich krank gemacht“ gewährt dem Leser einen einzigartigen Blick in die Gefühlwelt eines Opfers des Münchhausen-Stellvertreter-Syndroms. Es spielt keine Rolle, dass diese Vorfälle in Amerika angesiedelt sind. Sie könnten sich genauso in jedem deutschen Krankenhaus abspielen. Die relative Seltenheit dieser Erkrankung sollte aber nicht davon abhalten, sich diesen erschütternden Bericht einmal anzuhören.

Quellenangaben

  • Julie Gregory: Du hast mich krank gemacht; Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG; Bergisch Gladbach 2004 (hier als Lizenzausgabe der RM Buch und Medien Vertrieb GmbH und der angeschlossenen Buchgemeinschaften 2009)
  • gesundheit.de
  • stern.de
  • netdoktor.de
Heike Schultz, H. Schultz

Heike Schultz - Schon seit meiner Schulzeit schreibe ich gern Geschichten und begann während der Elternzeit für mein drittes Kind ...

rss