Buchbesprechung: Drop City von T.C. Boyle

Drop City von T. C. Boyle  - Dtv
Drop City von T. C. Boyle - Dtv
Ist "Back to nature" tatsächlich ein Idealzustand? T.C. Boyle entmystifiziert in diesem Roman das Märchen von freier Liebe und dem ewig guten Naturzustand.

T.C. Boyle erzählt in diesem Roman zwei Geschichten, die das Lebensgefühl der Hippie-Kultur und die Back-to-nature-Ideologie abbilden.

Hippie-Kultur: Buntes Treiben in Drop City

In der ersten Geschichte geht es um das Leben und Ableben von "Drop City", einer etwa 60köpfigen Hippiekommune im sonnigen Kalifornien der 70er Jahre, deren Mitglieder allesamt Aussteiger, sogenannte "Drop-Outs" sind; Hedonisten, Spieler, Freaks und ewige Kinder der Flower-Power-Bewegung. Die Hippies verbringen ihre Zeit zusammen auf engstem Raum einer Ranch in freier Wildnis, wobei sie den ganzen Tag nur den "schönen Dingen" des Lebens zugetan sind; sie kiffen, huldigen der freien Liebe, hören Jimmi Hendrix, trinken oder hängen einfach nur ab und predigen hierbei die Abkehr von jeglicher Spießigkeit.

Die Idee grenzenloser Freiheit

Ein Lob der Disziplin lässt sich in Drop City nicht aussprechen. In Wahrheit ist das Dasein um Sex, Drugs, Rock´n´Roll und Mother Earth für die Bewohner von Drop City oft alles andere als vergnüglich. Feste Regeln gibt es hier nicht. Die Idee grenzenloser Freiheit eben. Dennoch setzt sich ein notorisches "Laisser-Faire" als oberstes Gruppengebot durch. Doch unter der Decke penetranter Toleranz brodelt es. Denn der Alltag in Drop City gestaltet sich eben nicht ganz so einfach und entspannend, wie die Hippies es von Mutter Natur als alleiniger Nahrungsquelle erwarten; das Geld muss doch letztlich vom Sozialamt kommen und auch das Prinzip der freien Liebe bleibt nicht unangetastet; vielmehr brechen bald Neid, Eifersucht, Rivalität und sexuelles Machtstreben durch das drogen- und alkoholdurchtränkte Tuch geschwisterlich gelebter Eintracht hindurch. Sind die Bewohner von Drop City wirklich frei ? Oder sind sie doch nur Sklaven ihrer Launen? Eine zentrale Figur der Kommune ist Norm Sender; Ende dreißig und Gründer von Drop City, ein Idealist, dessen Zähne verfaulen, der sich Heilung jedoch nicht von Ärzten, sondern von Schamanen erhofft. Ohnehin sind viele Mitglieder der Kommune anfällig für jegliche Art von Esoterik, mit der sich die bösen Geister des Alltags dennoch scheinbar nicht vertreiben lassen. Naiv ist hier, wer noch an die Konsumgesellschaft glaubt. Arbeit als fremdbestimmtes Dasein gilt als verpönt. Doch ohne sie droht auch Drop City im Chaos zu versinken.

Das Ende der Kommune?

Als eines Tages der Sheriff der Nachbargemeinde des Ortes anordnet, Drop City stillzulegen, scheint zunächst alles verloren, doch dann beschließt die Gruppe, nach Alaska überzusiedeln, wo Norm eine Hütte seines Onkels am Thirty-Mile-River geerbt hat. Dort, in der eisigen Kälte Alaskas, soll das Drop City des Nordens entstehen.

Neubeginn in Alaska

Alaska ist zugleich Schauplatz der zweiten Geschichte um Sess Harder, eines geradlinigen Naturburschen. Er ist bodenständig, verlässlich aber auch ein wenig schlicht. Sess ist Jäger und Fallensteller und wohnt mit seiner Frau Pamela mitten in der Wildnis Alaskas. Im Gegensatz zu den Hippies hat er sich den Weg in die Wildnis mit allen Mitteln erkämpft; insbesondere den harschen klimatischen Widrigkeiten, sowie seinem ewigen Widersacher Joe Bosky, hartnäckig trotzend.

Kollision zweier Welten

Natürlich treffen nun Hippie-Kommune und das Ehepaar, sowie die Einsiedler Alaskas aufeinander, unvermeidbare Spannungen entstehen. Unterschiedliche Lebensentwürfe kollidieren, Utopie und Wirklichkeit bilden eine Parallelgesellschaft. Verbales Dominanzgehabe und körperliches Kräftemessen herrschen fernab jeglicher Zivilisation. T.C. Boyle entlarvt in seinem Roman meisterhaft die Widersprüchlichkeit der Hippie - und Back-to-Nature-Ideologie in all ihren Facetten; er lässt zwei stark unterschiedliche menschliche Welten aufeinander prallen, die in einem Aspekt sehr ähnlich sind; nämlich in ihrem bedingungslosen Bekenntnis zur Naturverbundenheit. Die Frage ist, in welcher Konsequenz und Radikalität dieses Bekenntnis tatsächlich gelebt werden kann, ohne dass andere oder sie selbst Schaden nehmen. Grenzenlose Leidenschaft gibt es nicht, nachhaltige Verletzungen sind Teil der ungeschriebenen Tagesordnung im Camp.

Boyles Erzählkunst

Boyle lässt seine Figuren in selbst gelegte Fallen tappen, lässt sie leiden, zerbrechen, aber auch miteinander lachen, ohne zu moralisieren. Skurrile Wendungen und komische Situationen machen den Roman lebendig. Vor allem die streckenweise rohe, erdige Sprache verleiht den Figuren ein erhebliches Maß an Authentizität. Boyles bunte Metaphern inszenieren eine Sprache der Popkultur. Die Figuren werden eher skizzenhaft psychologisch durchleuchtet, indem etwa die entscheidenden Lebenssituationen und Motive für den Aufbruch nach Drop City beschrieben werden. Wahrhaft beeindruckend und hervorzuheben ist insbesondere die detailliert-bildhafte, märchenhaft schöne Beschreibung des winterlichen Alaskas. All diese Eigenschaften machen Drop City zu einem kurzweiligen Lesevergnügen.

T.C. Boyle, Drop City, Roman, dtv München, September 2005, 583 Seiten,10 Euro, Übersetzung ins Deutsche: Werner Richter

Ann-Christin Weber, Ann-Christin Weber

Ann-Christin Weber - Ich bin Juristin und Journalistin. Für Suite101 schreibe ich vor allem in den Rubriken Bildung und Karriere, Lesen und Lauschen, ...

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