Buchbesprechung: 50 Great Short Stories

Besprechung der Anthologie "50 Great Shortstories". Der Band versammelt Kurzgeschichten der letzten 200 Jahre, überwiegend aus dem englischen Sprachraum.

Kurzgeschichten haben es hierzulande bekanntlich ein bisschen schwer. Auch wenn das Genre echte Klassiker in deutscher Sprache hervorgebracht hat, man denke nur an die Erzählungen von Thomas Mann oder Kafka, genießen sie im hiesigen Literaturbetrieb längst nicht das Ansehen von „richtigen“ Romanen. Im anglo-amerikanischen Sprachraum sieht das ganz anders aus: es gibt unzählige Geschichten, die einen geradezu legendären Status haben und auch heute noch gibt es Schriftsteller, deren Ruhm einzig allein und allein auf Geschichten ruht, in denen auf ein paar wenigen Seiten Konflikte, Leidenschaften und das Leben in verdichteter Form präsentiert werden.

50 Geschichten aus 200 Jahren

Einen guten Startpunkt sich über diese ganz spezielle Kunstform einen Überblick zu verschaffen bietet das Buch „50 Great Short Stories“. Auf knapp 600 Seiten werden in dem Taschenbuch gut 200 Jahre Literaturgeschichte und eine beeindruckende Fülle von Themen und Stoffen verarbeitet. Es gibt Heiteres, Skurriles und Anrührendes, Geschichten über die Liebe und das Sterben, was aber alle versammelten Erzählungen gemeinsam haben ist, um mit den Worten des Herausgebers Milton Crane zu sprechen, „die herausragende Qualität des Geschriebenen“.

Die meisten der Geschichten stammen, wie man sich schon denken kann, aus dem englischsprachigen Raum. Gut, es gibt hier und da ein paar Kontinentaleuropäer wie Maupassant, Tschechow oder Puschkin – die Mehrzahl der Authoren sind aber Engländer oder Amerikaner. Kulturelle Voreingenommenheiten braucht man dem Herausgeber dabei aber nicht zu unterstellen, denn letztlich zählt nur ob die Geschichten gut oder schlecht sind und in diesem Bereich kann die Sammlung eindeutig punkten.

Nicht nur Klassiker

Es sind etliche bekannte Namen und Klassiker in der Sammlung vertreten. Hemingway ist natürlich dabei, Kathrin Mansfields „The Garden Party“ ist auch mit von der Partie und Flannery O‘ Connor‘s unverwüstlicher Anthologien-Liebling „A good man is hard to find“ darf auch nicht fehlen. Das schöne an der Sache ist aber, dass nicht nur die ganz großen Namen mitspielen, ansonsten hätte es auch nicht wirklich noch einer weiteren Sammlung bedurft. Beim Schmökern stößt man immer wieder auf Autoren und Geschichten von denen man im Leben noch nie etwas gehört hat, die sich aber kein bisschen hinter den „Großen“ verstecken müssen.

So geht es zum Beispiel in Edmund Wilson’s skurriler Erzählung „The man who shot snapping turtles“ um einen merkwürdigen Einsiedler, dessen größte Freude es ist von seiner Veranda den Enten im Teich beim Schwimmen zuzusehen. Als die Enten immer wieder von bösartigen Schnappschildkröten gefressen werden, bricht der Mann einen Privatkrieg vom Zaun. Obsessiv bekämpft er die Schildkröten, er geht mit dem Gewehr auf die Jagd, er baut Zäune, zieht schließlich Gift zur Rate aber nichts scheint zu fruchten. Als er am Ende einen Nachbarn zur Rate zieht muss er erkennen dass er das Problem aus einem völlig falschen Blickwinkel betrachtet hat. Seinen inneren Frieden findet er letztlich, indem er sich die Schildkröten zum Freund macht, züchtet und schließlich zu Dosensuppe verarbeitet.

Alt aber nicht altbacken

Der Sammelband bietet noch etliche solcher Perlen. Kleine Geschichten die einen dazu anregen, kurz innezuhalten und das Leben aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Der Vollständigkeit halber sei noch angemerkt, dass die Erstausgabe des Buches von 1952 stammt, neuere Stories gibt es leider nicht. Alte Kamellen sind die hier versammelten Erzählungen deshalb aber noch lange nicht: gute Literatur zeichnet sich bekanntermaßen durch Zeitlosigkeit aus, auch wenn sich die Kulissen und die Sitten verändern.

Fazit: für unter 10 Euro bekommt man mit „50 Great Short Stories“ einen hervorragenden Überblick über anglo-amerikanische Kurzgeschichten, überwiegend aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wer über gute bis fortgeschrittene Englischkenntnisse verfügt sollte sich diesen Leckerbissen auf keinen Fall entgehen lassen.

Milton Crane (Hrsg.): 50 Great Short Stories, Bantam classics, 2005, ISBN 0-553-27745-6, EUR 7,00