
- Erzähl mir von der Liebe - www.fischerverlage.de
Leni ist ausgebrochen aus der engen Welt, in der sie aufgewachsen ist. Einer Welt, wo die Schafzucht auf dem Hof den Rhythmus der Familie bestimmte. Sie suchte die Freiheit, die ihre Oma gesucht und gefunden hat, aber die ihre Mutter immer noch sucht. Doch obwohl Leni von einer Modellagentur angeheuert wird, erkennt sie schnell, dass sie nicht genug mit den Machenschaften des Milieus bekannt war. Denn nur unverbrauchte Gesichter sind für die großen Zeitschriften gefragt. Nicht alle Fotografen arbeiten professionell und oft sind die Mädchen auf sich allein gestellt, wenn sie Arbeit suchen und beim Casting auftreten. Das Leben ist hart, die Konkurrenz groß und die Modells einsam, weil sie im tiefsten gegeneinander arbeiten. Und die Hintermänner lassen sich auch gerne mit Sex bezahlen, damit die Mädchen weiter kommen. Doch all das erfährt Leni erst im Laufe der Jahre. Mit Mitte Zwanzig zählt sie schon zum alten Eisen und ist auf dem Weg ins Abseits.
In Berlin lernt sie Kennedy und Hannah kennen, die sich eine Wohnung mit ihr teilen und ebenso einen Weg auf die Hochglanzmagazine suchen. Doch auch für sie hat die Karriere mehr versprochen, als sie ihnen geschenkt hat. Leni trifft auf einer der Castingspartys den Bulgaren Levi. Obwohl sie keine männlichen Modells mag, verliebt sie sich in ihn. Sie haben keine gemeinsame Sprache und jeder von ihnen schleppt eine Geschichte voller Demütigungen mit sich.
Beate Teresa Hanka schreibt eine einfühlsame Liebesgeschichte.
Die Liebesgeschichte erinnert in ihrer Schlichtheit und Tiefe an den Klassiker von Tschingis Aitmatovs Dshmalija. Natürlich ist das Milieu ein anderes, aber Sprache, Charaktere und Verlauf der Handlung haben den gleichen Ton. Es ist eine zarte Liebesgeschichte, die zwei Menschen zusammenbringt, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aber getrieben sind vom Wunsch, Glück zu finden.
Beate Teresa Hanika hat selbst als Modell gearbeitet und kennt deshalb die Szene von innen. Das Milieu wird anschaulich und nüchtern geschildert und sie macht kein Hehl daraus, dass es eine Szene ist, bei der die wenigstens größeren Erfolg haben. Sie verheimlicht nicht die Brutalität und den hohen Preis, den viele zahlen müssen. Ihre flüssige und klare Sprache überzeugt. Kein Wort ist zu viel.
Beeindruckend sind die Personencharakterisierungen, die Sprache mit den sehr individuellen Stimmen. Hanika vermag die Träume und Sehnsüchte der Modells zu zeigen, die Einsamkeit und harte Arbeit. Und immer wieder überrascht sie mit neuen Wendungen in der Geschichte und Facetten der Protagonisten.
Die Sprache, nüchtern und ungekünstelt, ist trotzdem auch anrührend, weil sie so ernst und ehrlich ist. Sie entführt den Leser in eine Welt, wo jeder von der einzigartigen Liebe träumt, aber die wenigsten sie finden. Ein Buch, das gerade durch seine Direktheit den Leser in den Bann zieht.
Beate Teresa Hanika: Erzähl mir von der Liebe. Fischerverlage 2010. Hardcover 160 Seiten. 14,95 €.
