
- Der Nerthus-Anspruch - Gardenstone
Wer sich auf die Suche nach dem Ursprung und die Wirklichkeit der Göttin Nerthus begibt, wird immer wiederkehrende Aussagen finden, die den Eindruck erwecken, dass es sich dabei um unumstößliche Wahrheiten und bewiesene Tatsachen handelt. Die gebetsmühlenartige Wiederholung bestimmter Ansichten außerhalb der etablierten Fachkreise macht diese allerdings nicht wahrhaftiger. Im Gegenteil sind sie eher ein Indiz dafür, dass gut gemeinte Annahmen unreflektiert und ungeprüft übernommen und weiter propagiert werden. Daraus entwickelt sich ein fataler Teufelskreis. Mit dem vorliegenden Buch stellt der Autor Gardenstone die Ergebnisse seiner eigenen Forschungen vor.
Die Germania des Tacitus
Allgemein wird die Germania dem römischen Schriftsteller und Politiker Tacitus als ethnographischer Text über die Germanen zugeschrieben und regelhaft auf das Jahr 98 n. Chr. datiert. Fast ausnahmslos ist im Zusammenhang mit der Göttin Nerthus zu lesen, dass ihr Name auf diesen Text zurückgehend bekannt sei. Und tatsächlich erscheint dieser Name in den allermeisten der bekannten Übersetzungen. Die populäre Literatur zollt dieser Tatsache Tribut, indem immer wieder Bezug darauf genommen und so der Nährboden für eine Annahme, die durchaus in Zweifel gezogen werden muss, geschaffen wird. Der Original-Text ist verloren gegangen, die bekannten Kopien wurden von bereits kopierten Passagen vervielfältigt und sind untereinander nicht identisch. Gardenstone beleuchtet ausführlich den geschichtlichen Werdegang der Germania und setzt die heutigen Ansichten außerhalb der wissenschaftlichen Literatur geschickt in ein fragendes Licht.
Jacob Grimms Einfluss
Der Sprach- und Literaturwissenschaftler Jacob Grimm, der als Begründer der deutschen Philologie und Altertumswissenschaften betrachtet wird, veröffentlichte im Jahre 1835 sein dreibändiges Werk „Deutsche Mythologie“. Obwohl die abweichenden Germania-Kopien verschiedene Göttinnen-Namen zulassen, hat sich seit dieser Zeit der Name Nerthus etabliert. Grimm ging nämlich von der Vermutung aus, dass Nerthus und der Wanen-Gott der nordischen Mythologie Njörd sprachwissenschaftlich miteinander verbunden sind. Diese Annahme schlug sich auch in seiner religionsgeschichtlichen Betrachtungsweise nieder. Dies führt bis heute dazu, dass beide Götterfiguren in mehr oder weniger direktem Zusammenhang gebracht und mit unterschiedlichen Ausschmückungen und Spekulationen umrandet werden. Vermutlich entschied sich Grimm schlussendlich in seiner Veröffentlichung aus einer Reihe von möglichen Namen für Nerthus gerade wegen der von ihm angenommenen sprachlichen Nähe zu Njörd.
Etymologische Betrachtungsweisen
Die Etymologie (altgriechisch etymologia: Ableitung) beschäftigt sich als wissenschaftlicher Zweig der historischen Linguistik (lateinisch lingua: Sprache, Zunge) mit der Geschichte und Herkunft der Wörter und versucht, die Entwicklung und heutige Bedeutung dieser abzubilden beziehungsweise abzuleiten. Dieses wissenschaftliche Instrument ist in der Rekonstruktion historischer Sachverhalte unentbehrlich geworden. Gardenstone steigt zu Beginn seiner Ausführungen in die etymologische Analyse ein, setzt verschiedene sprachwissenschaftliche Deutungsversuche miteinander in Beziehung und zieht sein eigenes Resümee. Gekonnt widerlegt er Grimms Interpretationen und setzt sich zugleich durchgängig mit altbekannten und aktuellen Auslegungen etymologisch auseinander.
Die Nerthusinsel und die Nerthusstämme
Zwar berichtet Tacitus in seiner Germania, dass der Nerthuskult mit seinen rituellen Umzügen auf einer Insel stattgefunden habe, allerdings eröffnet er nicht, welche Insel konkret gemeint ist. Ebenso erwähnt er namentlich sieben Stämme, die den Nerthuskult gepflegt haben sollen. Dem interessierten Leser drängt sich die natürliche Frage nach Anhaltspunkten zur Bestimmung der Nerthusinsel auf. Die Spekulationen sind vielfältig. Der Autor greift die bekanntesten Variationen auf und durchleuchtet verschiedene Theorien, die die Nerthusfeiern auf Rügen, Seeland, Fünen, Alsen, Fehmarn, Gotland, Sylt oder Helgoland vermuten. In unmittelbarem Zusammenhang mit der Inselfrage steht seine nähere Betrachtung der Nerthusstämme. Unter Bezugnahme kultureller und archäologischer Aspekte sowie analytischer Ergebnisse aus der Untersuchung der Eudosii, Anglii, Aviones, Reudigni, Varini, Nuitones und Suardones (Nerthusstämme) erhält Gardenstones Antwort ein eigenes Profil.
Nerthus und Tacitus’ Terra Mater
Terra Mater ist eine Bezeichnung, die Tacitus für Nerthus in der Germania verwendet. Damit bringt er die Göttin in die Nähe einer „Erdmutter“, was sich aus der wörtlichen Übersetzung schließen lässt. Gardenstone führt nachvollziehbare Überlegungen an, weshalb Nerthus aufgrund Tacitus’ Aussage nicht als eine „Göttin als personifizierte Mutter Erde“ betrachtet werden kann. Dabei bezieht er sich nicht nur auf das römische Pantheon, sondern auch auf kulturelle Hintergründe. Im Gegenteil bringt er die Idee ein, dass Tacitus den ihm bekannten Magna-Mater-Kult der Cybele in seine Darstellung transferiert haben könnte.
Nerthus und Holle
Neben weiteren Themen, wie beispielsweise rituelle Umzüge, rituelle Menschenopfer oder Friedenspflicht, die eine eingehende Betrachtung in den jeweiligen Kapiteln erfahren, stellt Gardenstone die aus der Germania bekannten Eigenschaften und Beschreibungen der Göttin Nerthus der germanischen Göttin Holle gegenüber. Im Vergleich zu weiteren Göttinnen und Naturgeistern identifiziert er nahezu alle über Nerthus bei Tacitus belegten Aussagen auch bei der Göttin Holle und zeigt dabei noch einmal zusammengefasst auf, dass der Gott Njörd keine religiöse Verbindungen zu Nerthus aufweist.
Schlussbetrachtung
Summarisch beschrieben postuliert Gardenstone die folgenden Aussagen:
- „Nerthus und Njörd sind unterschiedliche Gottheiten, die keine Gemeinsamkeiten haben.“
- Tacitus’ Terra Mater meint „eine (nicht-römische) Göttin des Landes (der sieben sog. Nerthusstämme)“.
- „Helgoland ist die Insel, auf der die Nerthusstämme ihrer Göttin huldigten“.
- Die „Göttin Holle ist die Fortsetzung und Weiterentwicklung des Nerthuskults“.
„Der Nerthus-Anspruch“ ist nicht für das wissenschaftliche Fachpublikum geschrieben, jedoch folgt der Inhalt wissenschaftlicher Methodik. Trotzdem stellt sich für Buchautoren keine leichte Aufgabe, innerhalb eines Werkes These und Antithese gegenüber zu stellen, da Argumente, Beweise und Darstellungen einer persönlichen, unbewussten Selektion unterworfen sind. Es bleibt also noch ausreichend Raum, nicht nur das Dargelegte zu diskutieren, sondern auch weitere Aspekte ins Feld zu führen. Der Nerthus-Anspruch verwirklicht die Ziele des Autors, nämlich der Göttin Nerthus trotz aller noch offenen Fragen ein Profil zu geben und zum Gedankenaustausch und - mit herausfordernden Aussagen - zu lebendigen Dialogen anzuregen.
Gardenstone. Der Nerthus-Anspruch. Books on Demand, Norderstedt, 166 Seiten, Paperback, 12,90 Euro, Deutsche Erstausgabe, ISBN: 978-3-8423-6721-0
