Macht das Web uns dumm? Werden wir Sklaven von Google & Co.?

Rezension: Payback - Blessing-Verlag
Rezension: Payback - Blessing-Verlag
Der Mensch wird immer dümmer. Computer, Internet, Google & Co. versklaven uns, sagt Frank Schirrmacher: Rezension seines Buches "Payback".

Zugegeben: Als ich das erste Mal von Frank Schirrmachers neuem Buch "Payback"* hörte, dachte ich bei mir, dass hier mal wieder ein typischer "Offliner" am Werk ist, der den Untergang des Gutenberg-Universums beklagt und das aus seiner Perspektive sicherlich zu Recht. Denn Schirrmacher ist schließlich Mitherausgeber der FAZ und damit ein Leidtragender der Umwälzungen, die das Internet mit sich bringt. Die Umsatzeinbußen der Verlage sind bekannt - sie suchen ebenso wie die Musikindustrie und viele andere Branchen nach einem neuen Geschäftsmodell. Außerdem hat Schirrmacher auch schon mit anderen Publikationen ein Gespür für kontrovers diskutierte Zeitthemen bewiesen. Ist das Buch also nur ein neuer Scoop? Viel Wirbel um nichts?

Schirrmacher: Den geistigen Anforderungen der Zeit nicht mehr gewachsen

Weit gefehlt! Gleich der erste Satz des 240 Seiten umfassenden (und mit knapp 20 € für ein Hardcover durchaus wohlfeilen) Büchleins aus dem Blessing-Verlag berührt selbst kritische Leser durch das ungewöhnliche Bekenntnis seines Autors. Wörtlich schreibt Schirrmacher: "Was mich angeht, so muss ich bekennen, dass ich den geistigen Anforderungen unserer Zeit nicht mehr gewachsen bin." Und weiter heißt es da: "Ich dirigiere meinen Datenverkehr, meine SMS, E-Mails, Feeds, Tweets, Nachrichtensites, Handyanrufe und Newsaggregatoren wie ein Fluglotse den Luftverkehr: immer bemüht, einen Zusammenstoß zu vermeiden, und immer in Sorge, das Entscheidende übersehen zu haben." So weit, so gut.

Nun könnte man ketzerisch ins Feld führen, dass Schirrmacher, wenn er den geistigen Anforderungen unserer Zeit nicht mehr gewachsen ist, kaum in der Lage sein dürfte, ein kompetentes Buch zu genau diesem Thema zu schreiben. Das wäre jedoch allzu polemisch und würde dem Nutzen, den das Buch dem Leser bringt, nicht gerecht. Schirrmachers Buch "Payback" ist eine wahre Fleißarbeit zum Thema: Siegeszug des Computers und des Internets. Bestehend aus einer Fülle von Fakten, Meinungen und Anekdoten, wird der Leser angeregt, sich selbst seine Meinung zu bilden.

"Payback": Schwarzmalerei mit suggestiven Worten und Bildern

Der Duktus des Buches ist freilich Geschmackssache: Schirrmacher holt denTaylorismus aus der Mottenkiste und projiziert ihn auf den Computer und die modernen Technologien. Dabei versteigt sich der Autor zu der These, dass die Maschinen den Menschen unterjochen, immer abhängiger und dümmer machen. Vielfach betreibt der Autor dabei mit suggestiven Worten und Bildern eine fragwürdige Schwarzmalerei. Kostprobe von Seite 78: "In Wahrheit ist ihr Wesen (gemeint sind Algorithmen und moderne Suchtechniken), wie das der Computer, sadistisch". Oder auf Seite 87: "Die Frage lautet, ob wir damit begonnen haben, uns selbst wie Maschinen zu behandeln. Und ob der Preis für Maschinen, die denken können, von Menschen gezahlt wird, die es mehr und mehr verlernen".

Schirrmacher verwechselt meines Erachtens das Huhn mit dem Ei - und zaubert ersteres dann im zweiten Teil seiner Buches wieder als Problemlösung hervor. Das meint Folgendes: Im ersten Schritt baut Schirrmacher eine Argumentationskette auf, die den Menschen ganz in Taylorscher Manier zu einem degenerierten Anhängsel der "Maschinen" degradiert.

Im zweiten Teil seines Buches beschwört er dann den Willen und die Intelligenz des Menschen als Zaubermittel, als Lösung dafür, wie "wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen". Was die Lösung des angeblichen Dramas betrifft, so bleibt Schirrmacher erstaunlich diffus. Eigentlich setzt er auch im zweiten Teil des Buches nur die Tiraden gegen die moderne Technologie fort. Bei all dem wird der Autor von "Payback" nicht müde, zu betonen, dass er eigentlich nichts gegen Computer und die modernen Technologie hat. Kurios.

"Payback" wird seinem Thema nicht gerecht.

Das wird dem Thema des Buches meines Erachtens nicht gerecht. Ist es nicht eher so, dass menschlicher Erfindungsgeist schon immer die Technik verändert und weiterentwickelt hat und dass in der Folge dieser Veränderungen die neuen (Kultur-)Techniken dann wiederum die menschlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten verändert haben? Es will mir scheinen, dass dies zu Gutenbergs Zeit nicht anders war als heute. So hat die Erfindung des Buchdrucks zum Beispiel die Fähigkeit zur Kalligraphie verkümmern lassen und ihre Bedeutung fundamental verändert. Damals eine sine qua non geistigen Tuns - zumindest für eine kleine, exklusive Gruppe von Gelehrten und Mönchen - ist sie heute allenfalls ein geschätztes Hobby von Design-Ästheten. Fest steht: Die Erfindung des Buchdrucks hat die Welt verändert - und sie ist von den Zeitgenossen damals mit Sicherheit als genauso einschneidend empfunden worden wie heute der Siegeszugs des Computers und des Internets.

Payback ist eine lohnende Lektüre - eine Art Sparringspartner für den eigenen Brain

Im Übrigen: Sind es wirklich die Maschinen, ist es tatsächlich das Internet, das unsere Generation überfordert? Der Autor dieser Rezension ist vier Jahre älter als der Autor des Buches. Und so wie der Autor des Buches zu seiner negativen Einschätzung der derzeitigen Entwicklung kommt, so sieht der Autor dieser Rezension in dem gerade erst begonnenen Web-2.0-Zeitalter mehr Positives als Negatives und ist keinesfalls der Meinung, dass er "den geistigen Anforderungen der Zeit nicht mehr gewachsen ist".

In einem freilich hat Schirrmacher Recht. Auch Bücher werden heute, zumindest wenn es um die berufliche Nutzung geht, eher gescannt als gelesen. Das trifft auch für diese Rezension zu, da mir niemand den Aufwand vergütet, der eine mehrtägige Lektüre zwangsläufig mit sich bringen würde. Aber eines kann ich versprechen: Wenn demnächst mal der Strom ausfällt oder das Web in die Knie geht, werde ich mir Schirrmachers Buch nochmals in Ruhe zu Gemüte führen, Seite für Seite. Denn die Lektüre lohnt sich durchaus - als eine Art Sparringspartner für den eigenen Brain. Übrigens: Spätestens, wenn der Strom ausfällt, wird sich dann auch zeigen, ob ich noch mental fit und in der Lage bin, ein Buch von Anfang bis zu Ende zu lesen...

Frank Schirrmacher, Payback, Blessing Verlag, 2009, ISBN 978-3-89667-336-7, 17,95 Euro

Hans-Günter Hinz, Frankfurt, Foto: Hinz

Hans-Günter Hinz - Überm Strich: Journalist, Privatlehrer Publizist, Texter, Regisseur, Vorgestern: humanistisches Abi, Studium Germanistik, ...

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